Archiv des Autors: titania

Ja, ich bin behindert. Aber ich liebe Sex immer noch.

Und schon wieder ein neuer Artikel zum Thema „Sexualität und Behinderung“, diesmal in der Washington Post, einer amerikanischen Tageszeitung.

„Wenn ich gewusst hätte, dass ich mit 24 Jahren eine neurologische Autoimmunerkrankung bekommen würde, hätte ich nicht gewartet bis ich 20 bin, um meine Jungfräulichkeit zu verlieren. Ich hätte früher angefangen, um mit meinem Körper das beste zu machen, solange er noch uneingeschränkt mitmacht.

Als ich noch nicht behindert war, stellten mir Männer Fragen wie: „Habe ich Dich schon mal im Traum gesehen?“ oder „Was hat Botticelli getan, nachdem er Dich gezeichnet hat?“. Kitschige Fragen, zugegeben, aber auch implizierend, dass ich ein sexuelles Wesen bin. Nachdem ich meine Behinderung hatte wurden die Fragen noch dümmer: „Bist Du ansteckend?“ oder „Kannst Du überhaupt Sex haben?“ (Diese Frage habe ich übrigens schon mehrmals beantwortet mit: Ja, aber nicht mit Dir!)

Sex kann ein Minenfeld für uns alle sein. Aber ich muss seit Jahren der Schrapnelle auf Krücken ausweichen.

Ich bin nun 49 Jahre alt und lebe über die Hälfte meines Lebens mit Myalgischer Enzephalomyelitis, oft unpassend als Chronisches Müdigkeitssyndrom bezeichnet. Meine Symptome sind unter anderem ständige Temperaturschwankungen, gefährlich niedriger Blutdruck, Schwindel, Anfälligkeit für Infekte, geschwollene Lymphknoten, extreme Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen, häufige Übelkeit, ständige Schmerzen und quälende Müdigkeit (zu sagen ich sei müde ist wie wenn man Lungenentzündung als Erkältung bezeichnete).

An meinen besten Tagen fühle ich mich, als hätte ich Grippe. Ich hatte zwei Phasen im Rollstuhl, zwei längere Abschnitte in denen ich frei laufen konnte, aber meistens benötige ich einen Stock oder Krücken. Ich kann pro Tag etwa 1,5 bis 2 Kilometer gehen, mit Pausen wenn notwendig, aber ich bin darüber sehr dankbar. Laut Aussage des medizinischen Instituts wird etwa ein Viertel der Patienten mit meiner Krankheit ab einem gewissen Punkt bettlägerig bzw. kann das Haus nicht mehr verlassen. Ich bin froh, dass ich immer noch so erstaunlich fit bin, auch wenn ich die meiste Zeit liegend verbringen muss.

Klingt alles nicht sehr sexy, ich weiß.

Sogar ich denke mir, „Wie kann ich bei dieser Wagenladung an Symptomen guten Sex gehabt haben?“. Und wenn ich ehrlich bin, „Bitte bitte bitte kann ich eine Zeitmaschine haben und in die Zeit zurückkehren in der ich noch gesund war, oder soweit in die Zukunft, dass es eine erfolgreiche Behandlung oder Heilung gibt?“.

Leider braucht das Zeitreisen noch eine Weile. Und während namhafte Institute und Ärzte noch an einer Behandlung oder Heilung arbeiten, sind sie nur knapp vor einer Zeitreise. Sie haben herausgefunden, dass ME multi-systemisch, degenerativ und wahrscheinlich tödlich ist. Mögliche Therapien sind stehen bevor. Bis jetzt, allerdings? Null.

Das heißt, ich habe mich damit arrangiert, vor allem weil ich keine andere Wahl hatte. Sex liebe ich immer noch. Teile von mir sind behindert, aber meine Libido ist sehr stark. Ja, den überwiegenden Teil meines Sexlebens hatte ich ME. Aber ich bin sexuell aktiv geblieben und habe versucht den Bedürfnissen meines Partners und meinen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.

Auf eine sonderbare Weise bringt mich die Behinderung meinen Partnern näher, weil wir vor Anfang an offen kommunizieren müssen. Idioten halten sowas nicht aus. (Ich hatte mehrere längere Beziehungen. (Ich bin wieder Single, weil mein Partner vor sieben Jahren gestorben ist und ich letztes Jahr eine Verlobung gelöst habe.)

Laut Statistik der USA hat eine/r von fünf Amerikaner/innen eine Behinderung. Aus eigener Erfahrung (z.B. online oder aus Selbsthilfegruppen) habe ich das Gefühl, dass viele von uns sexuell aktiv sind und Wege gefunden haben, mit der Behinderung eine erfüllte Sexualität erleben zu können.

Halten wir kurz inne und merken an, dass Behinderung ein weites Feld ist. Nicht alle von uns haben die gleichen Symptome und nicht alle von uns haben die gleichen körperlichen Voraussetzungen. Ich habe eine der oft „unsichtbar“ genannten Behinderungen – unter die auch Multiple Sklerose, Luxus, Borreliose und andere fallen – wobei eine Person sehr krank sein kann, aber normalerweise gesund aussieht. (Mehrmals pro Woche passiert es mir, dass mich Leute, die meine Krücken sehen fragen, was ich mir denn getan hätte, am Bein.)

Natürlich gibt es Menschen, deren Behinderung Sex unmöglich macht. Oder manche Menschen möchten vielleicht in bestimmten Phasen keinen Sex. Natürlich soll dieser Wunsch respektiert werden. Kein Mensch mit Behinderung soll zum Sex gezwungen werden, wenn ihr Körper nicht mitmacht. Noch sollten sie deshalb anders behandelt werden. Wenn ein Mensch mit Behinderung keinen Sex möchte oder haben kann heißt das nicht, dass er oder sie keine Liebe möchte oder braucht. Das sollte eigentlich jedem Menschen klar sein.

Zu oft suchen Nichtbehinderte Beispiele von behinderten Menschen die Hochleistungen bringen. Und viele von uns tun das auch, indem wir Karriere machen und ein aktives Sexleben haben. Aber es ist hart. Härter, als Nichtbehinderte wissen können. Allerdings werden wir als Beispiele hochgehalten, als ob man Menschen mit anderen Behinderungen tadeln wollte. „Siehst Du? Schau, was Du erreichen kannst, wenn Du es nur versuchst!“ Und das ist unfair. Jede Person mit einer Behinderung lebt sein oder ihr Leben so, wie es der Körper zulässt, innerhalb und außerhalb des Schlafzimmers.

War Sex leichter für mich, als ich noch nicht behindert war? Außer Frage. Macht es mir immer noch Spaß? Ja klar. Ich bin dankbar dafür. Besonders dann, wenn mein Partner meinen Körper versteht.

Dabei, zumindest, haben Behinderte und Nichtbehinderte womöglich mehr gemeinsam als sie wissen.

Behinderung und Sex schließen sich nicht gegenseitig aus

Ein aktueller Artikel in der englischen Zeitung „the guardian“ befasst sich mit der Thematik Sex und Behinderung aus der Sicht einer jungen Frau mit Cerebralparese, Emily Yates. Sie beschreibt zuerst, wie die Paralympics die Wahrnehmung von Sport und Behinderung zum Positiven verändert haben. Es ist nun nicht mehr allzu ungewöhnlich, herausragende Sportler vor gefüllten Hallen Medaillen gewinnen zu sehen, wobei die Sportler nur wie zufällig Prothesen tragen, im Rollstuhl sitzen, sehbehindert sind und ähnliches.

Was aber wäre, wenn es um Sex und Behinderung geht? Ist da die Bildung und die Wahrnehmung ähnlich?

Inklusive und barrierefreie Sexualerziehung gab es bis vor einiger Zeit nicht. Es ist bekannt, dass Frauen mit Behinderung dreimal so häufig sexuell missbraucht werden wie nichtbehinderte Frauen. Die bestehenden Angebote zur Sexualerziehung sind häufig nicht für Menschen mit Behinderung ausgelegt. Es gibt – wenn Überhaupt – wenige Videos mit Untertitel oder Audiodeskription, die Informationen sind häufig nicht leicht zu lesen oder zu verstehen, und die gezeigten Körper haben niemals offensichtliche Einschränkungen oder Behinderungen, was Menschen mit Behinderung noch mehr ausgrenzt oder in ihrem Körpergefühl beeinträchtigt.

Kindern und Teenagern wird häufig gesagt, sich und andere zu tolerieren. Kinder mit Behinderung werden von vielen Erwachsenen nicht unbedingt als sexuelle Wesen betrachtet und deshalb fallen die üblichen Warnungen und Strategien gar nicht vermittelt werden. Als Mensch mit Behinderung ist man dadurch doppelt verletzlich, wenn man auch physisch nicht leicht aus einer verfänglichen Situation fliehen kann.

Die junge Frau mit Cerebralparese berichtet, dass sie glücklicherweise ihre Sexualität in erfüllender Weise ausleben kann. Der Weg dorthin war allerdings sehr schwierig und sie hatte geradezu Panik vor dem ersten Mal, weil sie sich unter anderem große Gedanken dazu machte, welche Stellungen sie praktizieren konnte und wie das alles bei ihr überhaupt klappen würde. Da es an Informationen dazu mangelte, musste sie sich alleine bzw. mit vertrauten Personen darüber Gedanken machen. Sie empfindet es als schlimm, dass sie soviel Angst vor etwas haben musste, was eigentlich etwas schönes und lustvolles sein sollte.

Einige Menschen denken immer noch, dass Behinderte nicht sexy sein können oder – noch schlimmer – dass Sex mit Behinderten falsch sei. Emily Yates sieht, dass sich die Dinge ändern, und sie sieht sich selbst als einen Teil davon. Sie arbeitet mittlerweile unter anderem als Autorin für Reiseführer und Online Reiseplattformen, oder auch für britische Online-Projekte zum Thema „Liebe und Sexualität“.

Sie plädiert für mehr Sexualerziehung an Schulen, vor allem auch für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Eltern behinderter Kinder können diesbezüglich ebenfalls eine wichtige Rolle spielen und ihre Kinder unterstützen. Menschen mit Behinderung, die in der Öffentlichkeit stehen, können Rollenmodelle sein und die Wahrnehmung in der Bevölkerung hinsichtlich „Sexualität und Behinderung“ verändern.

Obwohl ihre Arbeit in erster Linie mit ihrer Behinderung zu tun hat betont sie, dass sie darüber hinaus eine ganz normale junge Frau ist, mit den gleichen Hobbies, gefärbten Haaren, etc. – sie hofft, dass andere Menschen nicht nur ihren Rollstuhl sehen, sondern die Person darin. Emily Yates hat gelernt, dass sich Sexualität und Behinderung nicht ausschließen, und sie liebt den Weg, der damit verbunden ist.

(Für links zu den angesprochenen Reiseführern, Online-Portalen und Online-Projekten bitte einfach den Original-Artikel hier aufrufen. Alle links sind nur in englischer Sprache verfügbar.)

 

Ja, Menschen mit Behinderung haben Sex…und vielleicht sollten wir drüber sprechen

Die britische Nachrichtenagentur BBC ist schon lange sehr aktiv in der Berichterstattung rund um das Thema „Behinderung“. Es gibt eine eigene Radioshow mit Podcast zum Download und einem Blog unter dem Titel „Ouch BBC“. Kürzlich gab es einen Bericht zum Thema Sex und Menschen mit Behinderung, den wir hier kurz auf Deutsch zusammenfassen werden. Allen, die der englischen Sprache halbwegs mächtig sind, empfehlen wir alles rund um „Ouch“ – wirklich gut gemacht, von Menschen mit Behinderung – witzig und informativ zugleich!

Ja…Menschen mit Behinderung haben Sex

Darin berichtet unter anderem der 19-jährige Jack über seine Erfahrungen. Er hat eine Hemiplegie, also eine halbseitige Lähmung. Wenn er in Online-Portalen Menschen kennenlernt und seine Behinderung erwähnt brechen einige den Kontakt zu ihm ab, manchmal sogar mit negativen Kommentaren wie „das ist ja eklig“. Er kann darüber meistens lachen, denn, so sagt er selbst: „Ich habe mir eine dicke Haut zugelegt – so bin ich.“

Die 24-jährige Holly (Cerebralparese und Sklerose) sucht ebenfalls nach einem Partner in Online-Börsen. Sie macht die Erfahrung, dass ganz viele Menschen sie nach ihrem Sexleben fragen, oder einfach annehmen, sie wäre sowieso Jungfrau. Von den Menschen die sie kennenlernt behandeln manche ihre Behinderung als Tabu und vermeiden das Thema, nur wenige sprechen mit ihr wie mit einer ganz „normalen“ Person. Viele Menschen machen sich Sorgen, sie könnten Holly beim Sex verletzen oder ihr weh tun, aber das ist nicht der Fall. „Du kannst auch mit Behinderung ganz normal Sex haben“, sagt sie.

Neue Kampagne „End the awkward“ – „Beende die Unsicherheit“

Neue Forschungsergebnisse des Projekts „Scope“ zeigen, dass nur etwa einer von zehn Nichtbehinderten schon einmal ein Date oder eine Beziehung mit einem Menschen mit Behinderung hatte. In ihrem neuen Projekt „End the awkward“ (das heißt soviel wie: Beende die Unsicherheit) versuchen Sie Nichtbehinderten den Umgang mit Menschen mit Behinderung zu erleichtern.

Aber kommen wir nochmal zurück zu Jack. Er hat gerade eine neue Beziehung begonnen und sagt, er fühle sich sehr selbstbewusst und hat keine Probleme, Leute anzusprechen wenn er ausgeht. Seine jetzige Freundin hat er ebenfalls beim Ausgehen kennengelernt. Obwohl der Großteil seiner Erfahrungen positiv ist, hat er auch schon viele negative Kommentare und Bemerkungen hören müssen.

Die Kampagne „End the awkward“ versucht, Nichtbehinderte offener zu machen, auf Menschen mit Behinderung zuzugehen. Ihre Befragung von etwa 2.000 Personen hatte ergeben, dass mehr als die Hälfte der 18- bis 35-Jährigen noch nie ein Gespräch mit einem Menschen mit Behinderung angefangen haben. Drei Viertel der Befragten haben noch nie einen Behinderten zu einem gesellschaftlichen Anlass eingeladen.

Jack sagt, er geht gerne aus. Aber Holly macht eher frustrierende Erfahrungen: „Wenn Du in Clubs und Bars gehst, versuchen die Leute entweder, dich mit ihren behinderten Freunden zu verkuppeln, oder sie sind betrunken und wollen einmal mit dir schlafen, damit sich dich von ihrer Liste streichen können. Auch wenn es frustrierend ist, du musst einfach weitermachen, weiter suchen, oder? Da draussen gibt es für jeden jemanden!“

(Quelle: BBC newsbeat, Amelia Butterly, 5.Oktober 2015)

 

 

Menschen mit Behinderung zahlen auch für Sex – was passiert wenn Kunden Kriminelle werden?

Im sogenannten nordischen Modell, werden nicht Prostituierte kriminalisiert, sondern deren Kunden, also Menschen, die für Sex zahlen. Diesem Modell, das vor allem aus Schweden bekannt ist, folgt nun auch Nordirland – und einige andere Länder überlegen, das Gleiche zu tun.

Die Diskussion über dieses Modell dreht sich meistens um die Frage, ob die Kriminalisierung der Kunden („Freier“) die Sicherheit und das Wohlbefinden der Prostituierten gefährdet. Und es gibt noch eine weitere Facette – die sexuelle Befriedigung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen, zum Beispiel Menschen mit Behinderung.

Menschen mit Behinderung werden oft als weniger sexuell angesehen. Der gesellschaftliche Blick auf ihr Verlangen und Lustempfinden wird oft von Vorurteilen und Stigmatisierung geprägt, sowie durch mangelndes Bewusstsein. Das kann dazu führen, dass es für Menschen mit Behinderung schwieriger ist, einen geeigneten Partner oder eine geeignete Partnerin für das Ausleben ihrer Sexualität zu finden.

Die Zeitung „Disability Now“ (Behinderung Jetzt) hat im Jahr 2005 eine Umfrage zu diesem Thema durchgeführt. Darin antworteten etwa 12% der männlichen Teilnehmer, dass sie schon mal für Sex bezahlt hatten. 40% der Männer und 16% der Frauen haben zumindest schon mal darüber nachgedacht, obwohl nur 1% der Frauen diesen Schritt tatsächlich getan hat.

Die Sex-Industrie abzuschaffen und Freier weiter zu kriminalisieren steht schon lange auf der Agenda der britischen Regierung. Den Klienten wird unterstellt, den Drogenhandel zu fördern und die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten voran zu treiben. Die Zahl der Festnahmen für das Aufsuchen einer Sexarbeiterin oder eines Sexarbeiters stieg in London von 81 im Jahr 2010 auf 180 im Jahr 2013.

Dämonisierung von Freiern

Freier werden oft als Männer dargestellt, die gerne Frauen degradieren, oder auch als gewalttätige Charaktere, die Freude daran finden, Frauen zu missbrauchen. Die Forschung allerdings widerspricht diesen Aussagen überwiegend. Die Gründe, warum Freier Prostituierte aufsuchen können sehr vielfältig sein. Dazu zählen sexuelle Frustration, der Wunsch nach mehr Abwechslung in der Wahl sexueller Partner, das Verlangen nach ungewöhnlichen oder besonderen Sexualpraktiken, der Reiz, etwas Verbotenes zu tun, sich nicht auf eine Partnerschaft festlegen zu wollen, Einsamkeit, oder schlicht das Problem, keine Partnerin zu finden.

Auf einer britischen Seite, auf der Freier sexuelle Dienstleistungen bewerten können, erfährt man mehr über die Gründe, warum Männer Sex kaufen. Nur eine Bewertung war sehr abfällig und respektlos.

Die große Mehrheit der Beiträge konzentrierte sich auf den geleisteten Service und die Charakteristik der Prostituierten und war im allgemeinen sehr positiv. Etwa 30% der Kommentare behandelten speziell den „Freundinnen“-Aspekt der Frauen und noch mehr handelten von Dingen wie Augenkontakt, küssen und kuscheln. Das zeigt, dass die Männer nicht nur Sex, sondern auch Nähe und Intimität suchen. Die Rückmeldung von Klienten mit Behinderung waren besonders positiv.

Spezielle Angebote für Menschen mit Behinderung

Tuppy Owens, Sexualtherapeutin und Gründerin der TLC Stiftung, die Menschen mit Behinderung mit Prostituierten in Kontakt bringt argumentiert, dass eine Kriminalisierung der Kunden für Menschen mit Behinderung besonders tragisch wäre. Andere Freier können in den Untergrund ausweichen, wenn sie Angst haben, entdeckt zu werden. Das sei für Menschen mit Behinderung schwieriger, weil sie teilweise auch noch eine außenstehende Person benötigen, die ihnen beim Kontakt behilflich ist.

Eine Kriminalisierung würde es für manche Menschen mit Behinderung schlicht unmöglich machen, käufliche sexuelle Dienstleistungen weiterhin in Anspruch zu nehmen.

Touching Base ist eine weitere Organisation aus New South Wales in Australien, die Sexarbeiter an Menschen mit Behinderung vermittelt. Sie schult Sexarbeiter darin, im Umgang mit Behinderten informiert zu sein und das nötige Vorwissen bezüglich besonderer Bedürfnisse zu haben. Derartige Dienstleistungen wären unter einer Kriminalisierung nicht möglich.

Wir müssen anerkennen, dass Menschen mit Behinderung die gleichen Bedürfnisse nach Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse haben und dass nicht jeder dafür einen Partner im realen Leben und ohne professionellen (bezahlten) Hintergrund finden kann. Wir sollten Initiativen, die dafür eine sichere Umgebung schaffen eher fördern als verhindern.

(Übersetzung eines Artikels aus „The Conversation“)

 

Pornographische Werbung zu wohltätigen Zwecken und Sex mit Behinderung??? Hä?

Also nochmal langsam: Asta Philpot kennen einige von Euch schon, da wir über ihn und seine Projekte auch hier schon berichtet haben, z.B. über den Film „Hasta la vista“. Jetzt hat Asta ein weiteres Projekt namens „Come4“. Auf der Seite ist erstmal ausser eines Trailers nicht viel zu sehen, man muss sich mit seiner Email-Adresse anmelden um mehr zu erfahren.

Pornographie für wohltätige Zwecke

Die Seite produziert bzw. verkauft von Nutzern produzierte Pornographie um wohltätige Zwecke zu unterstützen. Und wohltätige Zwecke bedeutet in diesem Fall: Sexualität für Menschen mit Behinderung zugänglich zu machen, bzw. zu ermöglichen.

Der erste Clip unterstützt die Asta Philpot Foundation, die das Thema „Behinderung und Sexualität“ in die Öffentlichkeit bringt und sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung in Bezug auf deren Sexualität einsetzt. Der Clip zeigt Männer und Frauen, mal mehr mal weniger bekleidet, teilweise in Bordellen, während die Stimme von Asta Philpot seine Erfahrung mit Sexualität, speziell mit bezahlter Sexualität – also Prostitution – beschreibt.

Gegen Ende sieht man Asta Philpot selbst im Bild, in seinem elektrischen Rollstuhl. Und er sagt: „Wenn Sie mich oder meine Phantasien nicht mögen, oder denken ich hätte nicht das Recht dazu….können Sie meinen A… küssen“. Danach erfährt man noch kurze Informationen über Asta Philpot und sein Engagement für die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung. Der Clip hat international, z.B. auf Werbemessen und sogar in Cannes für Aufsehen gesorgt.

 

Was sollte ich beim Date mit einer Rollstuhlfahrerin vermeiden?

Tipps für das erste Date mit einer Rollstuhlfahrerin“ ist nur eins von vielen Themen, über die Anastasia Umrik in Ihrem Blog schreibt. Viele kennen Sie sicher schon von einem ihrer zahlreichen Projekte wie z.B. anderStark oder inkluWAS. Wer sie noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen – schaut doch einfach mal vorbei, zum Beispiel auf ihrem Blog anastasia-umrik.de .

Inklusion, Fashion, Lifestyle und Reisen sind einige der Themen die im Blog behandelt werden. Und ganz aktuell geht es eben um Tipps, was man beim Date mit einer Rollstuhlfahrerin vermeiden sollte. „Wie machst Du Sex?“ ist dabei nur eine von vielen Fragen, die vielleicht erstmal nicht den Einstieg bilden sollten. Neugierig auf mehr? Dann schaut doch mal nach, was Anastasia so zu berichten hat und surft auf ihren Blog – witzige und pointierte Beobachtungen sind Euch sicher!

 

 

 

„Ja, ich bin behindert. Ja, ich kann trotzdem heiße Typen treffen“

Wenn Samantha Renke (29 Jahre alt) abends weg geht, hört sie oft Sätze wie „Wenn Du schon mal da unten bist, Süsse…“. Das liegt nicht nur daran dass sie nur etwa 1,20 Meter groß ist, sondern hauptsächlich daran, dass sie im Rollstuhl sitzt. Sie sagt sie kommt aus dem Norden und kann vieles aushalten, aber sie möchte trotzdem wie eine Dame behandelt werden.

Samantha hat die Glasknochenkrankheit, das heißt ihre Knochen brechen sehr leicht und sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Trotzdem hält sie das nicht davon ab, als Schauspielerin zu arbeiten oder für Wohltätigkeitsorganisationen zu arbeiten. Es heißt auch nicht, dass sie keine Dates und Verabredungen haben oder einen Freund haben kann – egal was die Leute um sie herum denken.

„Die Leute glauben ich könnte keinen Sex haben oder keine Beziehung führen“ erzählt Samantha. „Sie meinen weil ich eine Behinderung habe, bin ich auch geistig nicht ganz auf der Höhe. Manche denken ich trinke keinen Alkohol. – Manche sprechen mich einfach auf der Strasse an und fragen ob ich Sex haben kann. Ich würde niemals jemanden auf der Strasse ansprechen und fragen, was seine Lieblingsstellung beim Sex ist.“

Diese Erfahrungen bedeuten, dass Samantha die Ergebnisse einer neuen Umfrage (aus England) ganz gut nachvollziehen kann. Diese Umfrage hat ergeben, dass ungefähr die Hälfte der Briten noch nie ein Gespräch mit einem Menschen mit Behinderung angefangen hat. Nur 16% haben schon mal einen Menschen mit Behinderung zu sich nach Hause eingeladen, und 67% fühlen sich in der Gegenwart Behinderter komisch, das heißt sie werden panisch oder vermeiden den Kontakt gleich ganz.

Die Zahlen wirkten auf Samantha erst sehr schockierend, aber dann fiel ihr ein, dass sie auch erst mit 13 oder 14 das erste Mal bei einer Freundin zum Übernachten eingeladen war.

Die Umfrage wurde von der Organisation Scope in Auftrag gegeben. Sie ist Teil einer Kampagne mit dem Titel #EndTheAwkward (auf Deutsch etwa: Beendet die Peinlichkeit). Nur fünf Prozent der Menschen hatten jemals ein Date mit einem Menschen mit Behinderung. Obwohl es in England mindestens 9,4 Millionen Menschen mit Behinderung gibt, das sind etwa 18 Prozent  der Bevölkerung.

Jungs wollten mit mir nichts zu tun haben

Samantha findet das erstmal kein Problem, weil nicht jeder schon mal Kontakt zu Behinderten hatte. Aber wenn sich jemand nicht mit einem Mensch mit Behinderung treffen oder verabreden will weil er Vorurteile  hat oder Ignorant ist, und deshalb diese Person zurück weist, ist das schon was, wo man genauer hingucken sollte.

Die Ergebnisse der Umfrage sollen nicht dazu führen, dass Nichtbehinderte ein schlechtes Gewissen bekommen. Ignoranz führt nur zu mehr Ignoranz. Es geht darum Barrieren aufzubrechen!

Bei Samantha hat das dazu geführt, dass sie bisher nur Beziehungen zu Menschen hatte, mit denen sie vorher schon befreundet war, denn dort „waren die Barrieren schon gefallen“. Mit Fremden in einer Bar ist das viel schwieriger.

Als sie mit 18 anfing auszugehen, wurde sie eigentlich nie von Jungs angesprochen, die hatten davor Hemmungen. Sie hat auch schon Dates abgebrochen, wenn die andere Person gar nicht mit ihrer Behinderung umzugehen wußte, oder wenn die jeweilige Bar nicht barrierefrei war – einfach um Peinlichkeiten zu vermeiden.

Wir sind wie jeder andere, ok?

Gleichzeitig hatte sie schon erfüllende Partnerschaften wo die Vorurteile nur von außen kamen. Andere Menschen können sich oft nicht vorstellen, dass jemand der muskulös und attraktiv ist überhaupt mit mir zusammen sein möchte. Aber da geht es nur um deren eigene Unsicherheiten!

Samantha betont, dass der einzige Unterschied zu ihr und jemandem ohne Behinderung nur das äußere Erscheinungsbild ist. „Wir sind wie alle anderen. Wir wollen Dates haben und fühlen uns wahrscheinlich wohler in unserer Haut als viele andere Menschen.“

Worauf sie Wert legt ist, dass sie von ihrem Partner nicht abhängig in irgendeiner Form ist. „Ich habe sehr darum gekämpft unabhängig zu sein, ich möchte einen Partner und keinen Assistenten oder Pfleger. Wenn man eine Beziehung zu einem Behinderten hat, muss man dem nicht zwangsläufig bei allem helfen.“

„Es gibt Dinge, die Nichtbehindert erst zu einem späteren Zeitpunkt in der Beziehung ansprechen, aber wo ich das Gefühl habe ich muss das schnell machen. Ich war immer schon ziemlich selbstbewusst und extrovertiert, aber es hat lang gedauert, bis ich mich mit meiner Behinderung wohlgefühlt habe.“

(Copyright: Telegraph Media Group Limited 2015)

Ignorieren wir die sexuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung?

„The Telegraph“, eine Zeitung aus England stellt die Frage, ob wir – also die Gesellschaft – die sexuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung ignorieren. Angeregt wurde dieses Thema durch ein neu erschienenes Buch „Supporting Disabled People with their Sexual Lives“. Das Buch richtet sich an Assistenten / Betreuer / Helfer von Menschen mit Behinderung und gibt Ratschläge, wie das Thema „Sexualität und Behinderung“ angesprochen und behandelt werden kann.

Das Buch deckt eine Reihe von Themen ab

Themen des Buches sind unter anderem der Umgang mit körperlichen Grenzen und limitierter Bewegungsfähigkeit oder die Angebote sexueller Assistenz und deren rechtliche Grundlagen (bezogen auf Großbritannien). Das Buch will mit Spaß und Genuss den Weg zum Erleben der eigenen Sexualität erleichtern. Es gibt praktische Tipps zum Thema Selbstbefriedigung, Zufriedenheit mit dem eigenen Körper, Partnersuche und Beziehung.

Das Buch möchte auch mit dem weit verbreiteten Vorurteil aufräumen, dass Menschen mit Behinderung keine Sexualität erleben wollen und können. Dieses Thema wurde unter anderem 2013 im Kinofilm „The Sessions – Wenn Worte berühren“ aufgegriffen.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, der von Mark O’Brien aus Amerika. Er litt an Polio und war einer der ersten Menschen mit Behinderung, der über seine Erfahrung mit Sexualassistenz bzw. in seinem Fall mit einer Sexualtherapeutin in einem Buch berichtete.

SeS

„The Telegraph“ fragt die Autorin des oben genannten Buches, ob sich denn seit dem Tod von O’Brien im Jahr 1999 der Umgang mit dem Thema „Sexualität und Behinderung“ in unserer Gesellschaft geändert hätte. Die Autorin verneint das und sagt, dass in den 60er Jahren Sex mit Behinderten gar kein großes Thema gewesen wäre, sondern einfach eine von vielen Möglichkeiten, Sex zu haben. Heutzutage, so spricht sie weiter, ginge es mehr um darum, einen Partner oder Partnerin zu finden die erfolgreich ist, viel Geld hat und gut aussieht – offensichtlich, weil man andere Leute damit beeindrucken will. Deshalb also, ist die Einstellung heute vielleicht sogar „schlimmer“ als damals.

Gerade auch im Bereich der Menschen mit Lern- oder geistigen Behinderungen sind Angehörige und Institutionen häufig noch sehr übervorsichtig wenn es um das Thema „Sexualität“ geht. Deshalb, so schließt der Artikel, sei das Buch „Supporting Disabled People with their Sexual Lives“ doch wohl ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Verheiratet mit einem Rollstuhlfahrer? Eltern sein mit Behinderung? Das alles und noch viel mehr…

„Easy Stand“ heißt ein Blog aus Amerika, der sich diversen Themen rund um das Leben mit Behinderung widmet. Eine ganze Reihe an „Bloggern“, also Menschen, die Beiträge für die Seite schreiben, sowie einige Gast-Blogger berichten über ihre Erfahrungen und ihr Leben. Wer sich hinter diesen Autoren verbirgt, findet man hier.

„Easy Stand“ ist übrigens der Name einer Stehhilfe, die von einem C6/C7-Tetraplegiker erfunden wurde. Der Blog ist auf Englisch verfasst, aber wir wollen versuchen, hier einen kurzen Überblick über die Inhalte zu geben.

Elternschaft, Medizinisches, Leben im Rollstuhl….

Die Themen des Blogs sind sehr vielfältig. Sie reichen von Geschichten aus dem Alltag bis hin zur Elternschaft und behandeln dabei unterschiedliche Behinderungen und Diagnosen, von Cerebralparese über Querschnittslähmung und Multipler Sklerose bis zu Muskeldystrophie und noch einigen mehr.

Die Blogbeiträge sind schön zu lesen und beschreiben meistens die subjektiven Geschichten und Eindrücke der jeweiligen Blogger. Es gibt auch einige Videos und Podcasts.

Beziehungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung

Diese Überschrift löst bei einigen unserer Leserinnen und Lesern sicherlich gleich Protest aus. Wir wollen damit natürlich nicht andeuten, dass es solche Beziehungen nicht geben kann oder soll – ganz im Gegenteil! Aber im Blog von Easy Stand berichten eben auch diese Paare von Ihren Erlebnissen und aus ihrem Alltag. Nichtbehinderte Partnerinnen und Partner erleben häufig die seltsamsten Reaktionen ihrer Umwelt, nicht nur von „Fremden“, auch von Familienangehörigen und Freunden. Und sie erleben die (all)tägliche Diskriminierung von Menschen mit Behinderung hautnah, was sicher für die meisten Nichtbehinderten erstmal eine neue und sehr eindrückliche Erfahrung ist.

Mehr dazu vielleicht einmal in einem eigenen Beitrag auf unserer Seite hier. Jetzt aber erstmal viel Spaß beim Lesen im Blog „Easy Stand“.

 

 

Wir stellen vor – zwei Projekte aus England!

So, heute wollen wir Euch gleich zwei neue Projekte vorstellen, wieder mal leider nicht aus Deutschland, sondern aus England.

Scope – Gleiche Chancen und Möglichkeiten für alle

Das eine heißt Scope und setzt sich generell dafür ein, dass Menschen mit Behinderung die gleichen Möglichkeiten haben wie alle anderen. Hier geht es also nicht direkt um Sexualität, aber manchmal auch doch, zum Beispiel in Gastbeiträgen, in denen das Thema behandelt wird. Insgesamt lohnt sich auf jeden Fall ein kurzer Blick auf die Seite, vor allem auch für die, die sich gerne „politisch“ engagieren und für gleiche Rechte kämpfen.

„Love lounge“ – Frag den „(S)Experten“

Die „Love lounge“  ist ein online Forum, in welchem zwei „(S)Experten“ diverse Anliegen und Fragen zum Thema Sexualität und Behinderung beantworten. Viele beispielhafte Fragen und die dazugehörigen Antworten sind online lesbar, so dass sich auch der eine oder die andere darin wiederfinden kann und dadurch vielleicht manche Sorge oder Unsicherheit gemildert wird.

Auch Angehörige, Partner und Freunde von Menschen mit Behinderungen dürfen gerne Fragen stellen und sich Rat holen. Einige Beispiele für Fragen in der Vergangenheit waren z.B. „Wie kann ich meinen Körper besser akzeptieren?“ oder „Ich würde gerne jemanden kennenlernen. Wie und wann soll ich meine Behinderung erwähnen?“ etc.

Die „Love lounge“ ist angebunden an ein Projekt welches sich „Enhance the UK“ nennt, was soviel heißt wie „England verbessern“. Es ist ein gemeinnütziges Projekt, und will die gesellschaftliche Wahrnehmung von Behinderung verändern. Das Projekt bietet unter anderem Trainings für Organisationen und Schulen, um das Miteinander zu erleichtern und auf beiden Seiten Barrieren abzubauen. Für mehr Informationen einfach mal drauf klicken!