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Thesen und Dialog zu Sex und Behinderung

Ich war im Oktober 2015 als Referent eingeladen, über das Thema Sexualität und Behinderung zu sprechen. Bei der Veranstaltung führten wir eine offene Diskussion in kleiner Runde. Dieser Post zeigt schlaglichtartige Ausschnitte der Gespräche, bei Themen und Thesen, die mir besonders interessant oder wichtig erscheinen. Sie wurden aus Gründen der Besseren Lesbarkeit überarbeitet und neu zusammen gewebt. Zur Wahrung der Anonymität habe ich die Namen geändert.

Wir kamen relativ schnell auf das Thema “Mythen und Vorurteile”, was ich hier als erstes beleuchten möchte.

Julia Ich wurde mal im Internat mal bloßgestellt. Mein damaliger Freund, der auch selbst ein Handicap hatte, nur nicht so stark wie ich, der konnte mich eigentlich ganz normal unterstützen. Aber andere Mädels haben gesagt „Aber was willste denn mit der? Die kann sich ja noch nicht mal selber den Hintern abwischen.“ Und dann war die Beziehung passé. „Die nutzt dich ja nur aus und schikaniert dich rum.“ Weil ich halt gewisse Dinge nicht alleine kann.

David: Ich muss über diese Situation lachen, weil ich ganz klar sag, das ist der Neid. Ich kenne das auch selbst. Ich bin ja hoch aktiv, ich bin zwar hochgradig gelähmt, aber ich gehe auch in Diskos und das ist genau der Punkt, wo ich schon so oft erlebt habe, auf der Tanzfläche beobachtet zu werden. Wenn ich da mit Frauen tanze,  flirte, oder mich mit denen unterhalte, wie auch immer. Da bekommt man Blicke zugeworfen, so „Was will die denn von dem behinderten Idioten?“ In der Anfangszeit hat es mich auch gestört, da ich natürlich auch auffalle. Meine Reaktionen waren damals entsprechend. „Was willst‘n du Idiot? Hast du nichts Besseres zu tun als mir da gerade blöd zuzugucken?“ Heute denke ich „Scheiß drauf.“ Und dann lache ich. „Wollen sie vielleicht zuschauen? Kommen sie her!“

Christian: Ich glaube, dass ist auch wirklich teilweise ein Problem. Ich meine, uns Behinderten ist es klar und wir können auch mittlerweile ganz gut damit umgehen, einfach aus der Erfahrung heraus, aber gerade für die Anderen, für die Partner, ist es schon teilweise schwierig, den Rechtfertigungsdruck auszuhalten. Ich glaube, das ist manchmal schon belastend für eine Beziehung.

Bernd: Ich glaube nicht, dass es spezifisch nur bei Behinderten so ist. Vielleicht wird es so empfunden. Aber ich glaube, Das geht auch anderen so.

David: Aber bei uns augenscheinlich einfacher einen einfachen Haken zu finden nach dem Motto „Was willst’n du mit sowas Behinderten?“

Christian: Meiner Meinung nach ist es aber nicht nur Neid, denn das Unverständnis kommt ja auch oft von Leuten, die gar keinen Grund zum Neid haben, z.B. bei Eltern. Ich habe beispielsweise bei meiner ersten Freundin die Erfahrung gemacht, dass die Eltern mich nie akzeptierten. Die haben es immer so dargestellt, als wäre ich ein guter Freund, was mich verletzte. Das war kein Neid, weil ich ja kein Konkurrenzverhältnis zu den Eltern hatte. Es war einfach nur Unverständnis und eine falsche Einschätzung, aufgrund von Mythen, Unwissenheit und Ähnlichem.

David Die Ausgrenzung, ja. Das geht so weit „Was denkt denn mein Umfeld darüber?“, das stimmt schon. Und falsche Vorstellungen gibt es häufig. Ich bin oft bei Seminaren, wo ich über das Thema Sexualität und Behinderung spreche. Da glaubt man mir oft nicht, dass ich trotz meines kompletten Querschnitts noch Kinder kriegen kann. Viele Menschen fragen sich “Kann der überhaupt Sex haben, wie funktioniert das überhaupt bei dem?” Außerdem verbreitet ist auch das Denken in der Gesellschaft „Wenn der ihr ein Kind macht oder sie nen Kind macht, da kommt bestimmt ein Rollstuhlkind bei raus.“

Julia: Der kleine Rollstuhl kommt gleich mit.

David: Spaß beiseite. Das Denken ist verbreitet: “Wenn behinderte Menschen Sexualität leben und die Frau wird schwanger, dann gibt’s auch gleich nen behindertes Kind und das können wir in der Gesellschaft ja gar nicht brauchen. Wir haben ja genügend behinderte Menschen, die ja so wie so nur ne Belastung für uns sind”

Julia: Ja, aber der Mythos, dass behinderte Menschen keinen Sex haben könnten erstreckt sich ja durchaus auch auf die Frau. Aber warum sollte die Frau nicht können können? Es sei denn jemand hätte Bedenken was kaputt zu machen oder so. Aber als behinderte Frau wirste dennuch gefragt „Könntest du überhaupt?“ Himmel, warum soll ich nicht können?

Christian: Ich glaube das ist relativ geschlechtsunabhängig. Vielleicht ist es als Frau noch schwieriger, weil als Frau noch höhere Schönheitsideale angelegt werden als an einen Mann.

David: Was das angeht, hatte ich heute Morgen erst eine Diskussion gehabt, was an Geld in der plastischen Chirurgie steckt, weil einfach ein Gesundheitsideal oder Schönheitsideal in der Gesellschaft suggeriert wird „Du brauchst Doppel D Oberweite, du brauchst genau eine Westentaille, dieses, jenes – und ess muss genau exakt symmetrisch sein.”

Christian: Und auch Selbstoptimierung. Immer mehr Leistung.

David: Dabei sind solche Ideale ein gesellschaftlich-kulturelles Phänomen: beleibte Menschen waren früher Sexsymbol. Weil sie einfach als Reichtum galten, als wohlhabend. Deswegen waren die damals attraktiv.

Christian: Was ideale angeht, hängt meiner Erfahrung nach die Hemmung, eine Partnerschaft mit einem behinderten Menschen einzugehen, oft damit zusammen, dass man eine zu hohe Erwartung an Partnerschaft allgemein hat. Das Bild ist, dass man bis ans Lebensende mit jemanden zusammen bleiben will und nur mit diesem einen Menschen. Dann kommt vielleicht zuerst der Gedanke „Oh, mit dem Behinderten – will ich das? Nee, das vielleicht dann doch nicht.“ Viele haben Angst vor dieser gesellschaftlich geprägten Bild, dass es „Der jetzt sein muss.“  Aber wenn man erst mal den Druck raus nimmt und ein bisschen offener bleibt, kann man  Möglichkeiten schaffen, um die Beziehung erst mal zu entwickeln. Man sollte Partnerschaft so gestalten, dass sie harmonisch ist und es machbar erscheint.

Außerdem sind Selbstbewusstsein und eine positive Selbstwahrnehmung für Partnerschatün und ein erfülltes Sexualleben ganz wichtig. Das ist es ein Punkt, wo Sexualbegleitung über einen gewissen Punkt hinweg helfen kann – zum Beispiel, dass man sich selber auch wieder attraktiv fühlt. Für mich persönlich hat es eben den absoluten Klick gegeben, als ich mich mit dem Thema Devotees beziehungsweise Amelos beschäftigt habe. Also, Leute, die Behinderung als sexuelle Neigung haben und dies Anziehend finden. In dem Zusammenhang habe ich das erste Mal erlebt, dass es ein ganz anderes Bild gibt, was wir Behinderte bei denen haben. Ich als attraktive Person. Eben wie manche Leute auf Rothaarige oder große Brüste stehen oder was weiß ich, stehen die eben auf Behinderte. Und da habe ich so zu sagen einen Marktvorteil. Das zu spüren hat mit mir und meinem persönlichen Selbstbewusstsein ganz viel gemacht. Natürlich kann man überlegen, dass wenn es extrem wird, dass man dann vielleicht nur als Sexualobjekt gesehen werden könnte; aber bei den Devotinen, die ich kennengelernt habe ist es definitiv nicht so. Die sehen mich als Ganzes an, in meiner kompletten Persönlichkeit.

David: Das sehe ich auch so: bewusst die Person sehen, nicht den Fetisch. Aber gilt auch bei “Normalen”: Ich muss die Person sehen, nicht nur Titten oder das Becken, weil es gebärfreudig ist, sondern mit ihr zusammen einen Weg gehen wollen. Dazu gehört natürlich auch das Zwischenmenschliche – genauso wie die Sexualität.

Christian: Natürlich. Wichtig ist dabei auch, dass jeder sich mit sich selber und seinen Bedürfnissen auseinander setzen sollte: Zu erforschen, was will ich denn, was ist mir wichtig? Und nicht zum Beispiel Monogam ist, oder was auch immer, nur weil das gesellschaftliche Forderung oder kulturelle Norm ist. Das ist glaube ich was, wo ganz viele Leute einfach das machen, was jeder macht. Und ich glaube gerade wir behinderten Menschen haben den Vorteil, dass wir so wie so sehr stark über unsere Bedürfnisse nachdenken und reflektieren müssen und wir das eben gewöhnt sind.

David: Ich sage es ganz krass: Ich glaube etwas Besseres hätte mir nicht passieren können, als im Rollstuhl zu landen. Weil ich habe so einen anderen Blick auf viele Sachen, was Sexualität, was das Leben betrifft. Diese Erfahrung habe ich gewonnen. Ich muss andere Werte leben, ich muss mich ganz anders mit vielen Dingen auseinandersetzen. Deswegen finde ich einfach das Leben schön.

Bernd: Du hast es aber nicht immer so gesehen?

David: Ich bin relativ schnell dazu gekommen. Schon in der Rehaklinik hat die Stationsärztin mich zum Psychologen geschickt, weil sie es ganz komisch fand, dass ich schon nach einem halben, dreiviertel Jahr so gut drauf war: „Da stimmt irgendwas nicht.“ Man muss dazu sagen, ich hab eine bewegtes Leben hinter mir und ich war ein kleiner Gefahrenjunkie. Natürlich gab es nach meinem Unfall immer mal wieder so Phasen, die scheiße waren; gerade wo sich meine Exfrau andertalb Jahre nach dem Unfall von mir getrennt hat. Aber ich konnte mich da ganz gut fangen. Ich lege sehr großen Wert auf meine Selbstständigkeit.

Christian: Aber ist doch gut, dass du da so schnell wieder raus gekommen bist. Und deine Frau hat sich – wenn ich so dreist fragen darf – wegen der Behinderung dann nach dem Unfall getrennt?

David: Ja. Sie hat es zwar immer erklärt damit, ich hättemich so stark geändert, aber sie auch mal bisschen durch die Blume gesagt „Ich kann mir das eigentlich nicht so richtig vorstellen, nur Lecken und Ficken.“

Christian: Auch schade, oder? Das ist aber auch etwas, was weit verbreitet ist und wo auch noch viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden müsste. Eben, dass Sexualität nicht nur Möse und Schwanz bedeutet, sondern den ganzen Körper und dass da die Leute nicht so auf das eine Körperteile fixiert sind.

David: 95% der Frauen und 98% der Männer sind einfach nur blöd, weil sie genau im Großen und Ganzen das denken. Vor dem Unfall hat sich auch bei mir vieles darauf einfach fixiert. Jetzt hat sich das geändert Und ich frage hin und wieder in den Seminaren „Was ist Sex? Was ist das überhaupt? Was ist Sex? Wo fängt‘s an, wo hört‘s auf?“ Die Antworten sind ganz interessant: Die einen sagen „Das ist das Geschlecht, das weißt du doch, Geschlechtsverkehr.“ Ich entgegne dann: “Schon mal feuchte Träume gehabt? Mit Sicherheit oder? War da ein Partner oder eine Partnerin neben dran und hat da irgendetwas gemacht? Ist das kein Sex?” Sex ist nur eine Kopfsache und der Körper ist nur ein Werkzeug dazu.

Sueddeutsche.de: „Beziehungen – eine ganz andere Lust“

Die Süddeutsche widmete sich heute (6. Juni 2015) in ihrer Wochenendausgabe dem Thema Sexualität und Behinderung. Dabei lag der Focus mal nicht wie üblich auf dem Klassiker „Sexualassistenz“, sondern der Autor widmete sich vor allem dem Thema Behinderung als Fetisch. Dazu hatte ich zu Beginn des Jahres ein sehr schönes Gespräch mit ihm. Entsprechend komme ich auch im Artikel vor. Daneben wurde auch Ilse Martin interviewt, die sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigt. Außerdem kommt ein Paar zu Wort, bei dem sie amputiert ist und er ein so genannter „Devotee“. Alles in allem ein sehr schöner Beitrag, der sich mal aus dem Einheitsbrei der deutschen Medien hervortut.

Im Teaser des Beitrags heißt es:

Ihnen fehlt eine Hand oder ein Bein. Darf man Menschen mit Behinderung trotzdem erotisch finden? Wir haben Menschen getroffen, die genau so leben und lieben – und sich deshalb manchmal fragen: Sind wir normal?

Link zum Beitrag auf Sueddeutsche.de: „Beziehungen – eine ganz andere Lust“

Interview in der TAZ: „Ich habe kein Problem damit, als Fetisch betrachtet zu werden“

Anfang dieses Jahres hat mich Manuela Heims, eine mir bekannte Redakteurin  gefragt, ob ich bereit zu einem Interview sei, das über Sexualität und Behinderung berichten soll. Im Mai  haben wir uns daran getroffen und am Wochenende war es  soweit: das Interview erschien  in der TAZ-Wochenendausgabe.

Christian Bayerlein hat spinale Muskelatrophie, braucht rund um die Uhr Hilfe, nennt sich Nerd, liebt „Star Trek“, reist gern und erforscht die Spielarten des Sex. Monogamie, Polyamorie, BDSM – er ist offen

Link zum Beitrag:  http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ln&dig=2014%2F10%2F18%2Fa0012&cHash=3357e12a31a456ccfcec8aa6f64aa83d

Frag eine Devotine – Teil 4

Nachdem wir nun eine Weile Pause mit unserer Reihe gemacht haben, möchten wir sie zumindest um einen Teil erweitern. Anna, eine Freundin von mir, berichtet über ihre Erfahrungen…

Seit wann weißt du von deiner Attraktion? Wie bist du damit umgegangen? Hat sich deine Einstellung dazu geändert, als du herausfandest, dass das Kind einen Namen hat?

Schon meine erste sexuelle Fantasie hatte ich von einem behinderten Mann, aber dass ich eine besondere Verbindung zu Männern mit Behinderung habe, wusste ich schon viel früher. Ich kann mich noch sehr klar an einige Erlebnisse aus meiner Kindheit erinnern, in denen behinderte Menschen eine Rolle spielten, auch wenn es davon nicht viele gab. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir dabei auch die Reaktionen der Umgebung. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, in der vor allem jüngere behinderte Menschen nicht präsent sind. Unter anderem deshalb hat es wohl auch etwas gedauert, bis ich die Verbindung zwischen diesem besonderen Interesse und meiner sexuellen Neigung gezogen habe. Dass ich nicht allein bin, habe ich, wie die meisten, im Internet entdeckt und gleichzeitig damit auch die Abneigung der meisten Foren und Partnerbörsen für behinderte Menschen gegenüber Amelos bzw. Devotees. Das war erstmal erschreckend und hat die eigene Scham über diese sexuelle Orientierung noch verstärkt. Erst als ich eine Gemeinschaft gefunden habe, in der es viele Frauen mit ähnlichen Gedanken und Gefühlen gibt, habe ich angefangen, diesen Teil von mir zu akzeptieren und ihn nicht nur hinter verschlossenen Türen zu halten. Das ist aber ein sehr langer Prozess und es gibt auch heute noch Momente, in denen ich mir wünsche, mich selbst und alles, was daraus entsteht, besser annehmen zu können.

Bist du auf eine bestimmte Behinderung fixiert oder geht es dir nur darum, dass eine Einschränkung vorhanden ist? Oder ist das komplizierter? Spielt der Grad der Behinderung eine Rolle?

Ich habe definitiv „Vorlieben“ und es gibt auch Behinderungen, die ich gar nicht attraktiv finde. Trotzdem würde ich keine Beziehungen nur wegen einer vorhandenen Behinderung führen. Es gibt auch andere Dinge, die ich bei Männern attraktiv finde, die nichts mit Behinderungen zu tun haben. Der Grad der Behinderung spielt eine Rolle, wobei dadurch auch ein großer Zwiespalt entsteht. Ich finde relativ schwere Behinderungen attraktiv, habe aber festgestellt, dass eine Beziehung auch vor größeren Schwierigkeiten steht, je weniger der Partner als aktiver Part darin von anderen wahrgenommen werden kann.

Hast du anderen Menschen aus deinem Umfeld von deiner Neigung erzählt? Wie haben sie reagiert?

Ich habe einigen Menschen aus meinem Umfeld davon erzählt und die Reaktionen fielen sehr unterschiedlich aus. Mit viel Akzeptanz und Toleranz haben einige Freunde von mir reagiert, die selbst sexuelle Neigungen haben, die man vielleicht als nicht der Norm entsprechend beschreiben könnte. Ich denke, sie haben sich, genau wie ich, aus diesem Grund intensiv mit dem Thema Sexualität und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft beschäftigt und wissen um die Probleme, die daraus entstehen. Auch andere Freunde haben positiv und neugierig reagiert, auch wenn sie teilweise ein gewisses Unverständnis ausdrückten. Das ist für mich aber vollkommen okay, ich verstehe ja auch nicht alle ihrer Vorlieben und Interessen. Auf der anderen Seite bin ich auch auf sehr negative Reaktionen gestoßen, vor allem im familiären Umfeld. Das beruhte nicht (nur) auf meiner sexuellen Orientierung, sondern vor allem auch auf der daraus resultierenden Partnerwahl. Diese Reaktionen waren natürlich die schwersten, vor allem, weil sie aus dem engsten Umfeld kamen. Ich kann und möchte nicht einschätzen, ob das aus Behindertenfeindlichkeit oder guten Wünschen für die Partnerwahl der eigenen Familienmitglieder geschieht, aber ich habe daraus gelernt, dass es noch viel zu tun gibt auf dem Weg zur Toleranz und vor allem Akzeptanz von behinderten Menschen als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft und des täglichen Lebens. Mich hat diese Erfahrung sehr traurig gemacht, aber auch beflügelt, das Thema auch auf gesellschaftlicher Ebene zu verfolgen und zu versuchen, einen kleinen Teil zur Verbesserung der Situation beizutragen und sei es nur durch das öffentliche Leben einer Beziehung mit einem schwerbehinderten Partner.

Bist oder warst du schon in Beziehungen mit behinderten Männern? Entspricht die Realität deinen Erwartungen und Wünschen, die du an den Sex und das Zusammenleben hattest? Wie hat dein Umfeld auf die Beziehung reagiert? Welchen Vorurteilen bist du begegnet? Gibt es Aspekte der Beziehung, die dich stören und die durch die Behinderung verursacht werden?

Ich war in einer längeren Beziehung mit einem behinderten Mann. Die Realität entsprach nicht in allen Punkten meinen Erwartungen bzw. Vorstellungen, aber ich denke, dass das sehr persönlichkeitsabhängig ist. Es war auf jeden Fall eine Erfahrung, die mir viel Gespür für den Alltag mit Behinderung gegeben hat und das möchte ich um keinen Preis missen. Die Reaktionen meines Umfelds entsprachen den oben beschriebenen. Dazu kamen die Reaktionen aus dem Umfeld meines damaligen Partners, welche auch sehr unterschiedlich ausfielen. Einerseits gab es bewundernde Stimmen, welche allerdings glücklicherweise nicht die Mehrheit ausmachten. Andererseits wurde von mir auch von Anfang an viel verlangt. Ich hatte mich zwar bewusst für diesen Partner entschieden, der mit einer 24-Stunden-Assistenz lebt, aber die sofortige Übernahme aller dieser Tätigkeiten war doch eine gewaltige Umstellung und ich kann nur jedem Paar, welches vor ähnlichen Herausforderungen steht, empfehlen, es etwas langsamer angehen zu lassen, sofern die Möglichkeit dazu besteht, auch wenn dadurch vielleicht die zur Verfügung stehende private Zeit etwas leidet. Dass ich die Assistenzaufgaben selbstverständlich übernahm, entsprach den Erwartungen des Umfelds meines Partners. Das war einerseits eine sehr schöne Sache, immerhin ist es ein großer Vertrauensbeweis und ich wollte gern alles Notwendige schnell lernen. Andererseits muss ich es im Nachhinein auch etwas kritisch sehen, immerhin war ich seine Freundin und nicht seine Assistentin. Ein anderer störender Aspekt hat vielleicht nicht seine unmittelbare Ursache in der Behinderung, wurde durch sie aber definitiv unterstützt. Ich finde, auch mit einer körperlichen Behinderung sollte man wenigstens geistig in der Beziehung einen ausgeglichenen Gegenpol schaffen, so wie es in jeder Beziehung der Fall sein sollte. Eine gewisse Lethargie im alltäglichen Ablauf lastete allerdings schließlich vor allem auf meinen Schultern und war wohl ein Teilgrund für das Scheitern der Beziehung. Damit möchte ich allerdings keineswegs eine generelle Aussage treffen, das Problem gilt nur für den Fall, den ich erlebt habe und ich kenne einige behinderte Männer, die da ganz anders agieren.

Glaubst du, du könntest mit einem nichtbehinderten Mann glücklich und sexuell erfüllt sein?

Glücklich vielleicht, sexuell erfüllt wohl eher nicht. Die sexuelle Neigung ist bei mir recht stark ausgeprägt und somit ist es für mich schwer vorstellbar, mit einem nichtbehinderten Mann ein erfüllendes Sexualleben zu führen. Da fehlt einfach die nötige Erregung, vor allem auf lange Sicht. Leider macht diese Erkenntnis die Sache auch nicht gerade einfacher, immerhin wird die Menge der potentiellen Kandidaten dadurch stark eingeschränkt. Vielleicht habe ich aber auch einfach noch nicht den „richtigen“ Mann kennen gelernt. Viele andere Devotinen können auch mit einem nichtbehinderten Mann glücklich zusammen sein und ich möchte diesen Weg für mich nicht endgültig ausschließen.

SMantrische Spielarten und Behinderung

Sexualität kann für Menschen mit Behinderung genauso vielfältig sein, wie für nicht-behinderte Menschen. Auch Fetische und besonderen Neigungen gehören dazu. Für viele ist auch das Thema BDSM wichtig.

Wie diese Neigung gelebt werden kann, zeigen Deva Busha Glöckner und Andi Vega in diesem Gastbeitrag, der ursprünglich in der Zeitschrift „Schlagzeilen“ veröffentlicht wurde.

Als ich gelesen habe, das das neue Thema in den Schlagzeitlen BDSM und Behinderung ist, war ich ganz begeistert, Ich wusste, dass ich unbedingt etwas dazu schreiben möchte, da ich gerade sehr spannende Erfahrungen damit mache, aber ich bin auch etwas unsicher, ob es in die BDSM- Communty passt.

Ich bin schon lange ziemlich von Bondage und BDSM angetan und integriere das mit Leidenschaft in meinen Beruf als Tantramasseurin (ich nenne es gerne SMantra, weil ich die herzhafte Verbindung der beiden Pole schätze).

Ein anderer Zweig meiner Arbeit ist Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung. In dieser Arbeit geht es oftmals erst um ganz grundlegende sexuelle Erfahrungen, die Bedürftigkeit von Menschen mit Einschränkungen ist auf Grund weniger Spielräume für sexuelle Erfahrungen sehr hoch.

Natürlich gibt es einige sehr selbstbewusste Menschen mit Behinderung, aber selbst da ist das geschlechtliche Selbstbewusstsein als Mann oder als Frau sehr verletzlich. Ich habe mal einen schönen Artikel gelesen, ob ein Dom im Rollstuhl eigentlich vorstellbar ist und das Thema hat mich sehr berührt. Von daher freue ich mich ganz besonders über das Thema und vielleicht gibt ein paar schöne Beiträge dazu.

Der Spielraum für BDSM ist in meiner Arbeit mit Behinderten Menschen ist noch nicht so groß, obwohl ich mir schon wünsche, auch den SMantrischen Teil meiner Arbeit mit in die Sexulabegleitung einbringen zu können. Allerdings dachte ich auch, dass Menschen, die eh schon an den Rollstuhl „gefesselt“ sind oder vielleicht Krankheitbedingt schon viel Schmerzen haben, vielleicht nicht gerade so viel sinnliche Erregung beim Thema Bondage und BDSM empfinden…

Seit ein paar Monaten hat mich die Liebe mit einem schwerbehinderten Gast erwischt und wir haben sehr viel Freude am sexuellen experimentieren. Mein Liebster hat eine Muskelerkrankung und kann sich so gut wie nicht mehr bewegen, seine Arme und Beine sind aufgrund der Unbeweglichkeit über die Jahre versteift und etwas verformt, so dass sein Schwanz für normale Vögelei eigentlich nicht mehr zu erreichen ist.

Somit hatte er das Thema Vereinigung eigentlich schon abgehakt. Auch ist seine Haut aufgrund der Nichtbewegung sehr sensibilisiert. Da ich aber chronisch neugierig bin kam ich Dank meiner Bondage-Erfahrungen ich da so auf einige zunächst seltsam erscheinende Ideen.

Inspiriert hatte mich die Aufforderung meines Liebsten ihn zu fesseln. Er wollte spüren, wie sich das anfühlt und war neugierig. Am Anfang unserer Sexworkerin-Gast Beziehung hatte er eine völlig ablehnende Haltung gegenüber BDSM. Er hatte in seinem Leben reichlich schlechte Erfahrung mit ausgeliefert sein, Schmerzen durch andere Therapeuten und Ärzte, und war seiner Ansicht nach schließlich schon durch die Bewegungsunfähigkeit und das „angewiesen sein“ auf einen Elektrorollstuhl genug „gefesselt“. Eine sinnliche Emotion oder gar eine sexuelle Erregung durch Fesseln konnte er sich überhaupt nicht vorstellen. Von weiteren Instrumenten für raffinierte Schlagtechniken dieser Spielarten brauchte ich gar nicht zu reden, die „therapeutischen“ Schmerzerfahrungen scheinen ziemlich traumatisch zu sein.

Unsere beginnende Liebe hat meinen Liebsten für meine Vorlieben diverser sexuellen Spielarten neugierig gemacht und so durfte ich ihn eines Tages während einer Session schön Zusammen binden. Er war ziemlich erstaunt und berichtete im Anschluss von einem sehr schönen Gefühl der Geborgenheit und Vertrautheit. Daraufhin machten wir jede Menge Haken in die Decke und ich band seine Arme und Beine hoch, was ihm schon mal ein ganz anderes Freiheits-Gefühl gab. Allein das schon das frei-baumelnde Bewegen der Gliedmaßen und die Offenheit des gesamten Genitalbereiches war für ihn ein sehr erregendes Gefühl und machte ihn total geil. Meine Schwanzmassage in dieser Position machte diese Session für ihn schon zu einem irren Erlebnis. Beim nächsten mal legte ich noch einen Ring um seinen Schwanz und band ihn straff mit einer Ganzkörperbondage nach zum Körper und etwas nach oben. Das straffte den ganzen Genitalbereich so, das der Lingam viel mehr heraus schaute als üblich und steif und dick war, wie sonst nie. Durch die Hochhängung der Beine und meine eigene Anhängung an einem Bondagering, konnte ich mich quer zwischen seine Beine hinunterlassen. Ich konnte bequem in dieser Position verharren und meine Yoni konnte seinen Schwanz richtig aufnehmen. So war uns das erste Mal eine wirklich kleine Vögelei möglich. Unglaublich, für meinen Liebsten war es das erste Mal! Was für eine Bereicherung…

Es ist noch ein wenig Experimentieren von Nöten um die Positionen auch länger halten zu können aber wir sind gerade auf dem besten Wege, das herauszufinden. 😉 Das Anlegen des Rings und die Feststellungen müssen geübt werden; auf Grund der vorher geglaubten Unmöglichkeit von Vereinigung hat aber diese erste Yoni-Lingam-Begegnung (für Tantra-Unkundige: Sanskrit für Schwanz und Möse) für uns eine ganz besondere Tiefe und Verbindung geschaffen.

Jetzt öffnete sich seine Neugier auch für die anderen Spielereieen. Bei einem unserer nächsten Sessions hatte ich zufällig eine gerade gekaufte Flogger dabei. Mein Liebster war ziemlich neugierig und ließ sich von mir damit vorsichtig behandeln.

Für die nächste Session hab ich schon mal die Flogger im Gepäck… Ich glaube, da gibt es noch viel zu entdecken.

 

 

Frag eine Devotine – Teil 3

… weiter geht’s mit unserer Serie 🙂

Seit wann weißt du von deiner Attraktion? Wie bist du damit umgegangen? Hat sich deine Einstellung dazu geändert, als du herausfandest, dass das Kind einen Namen hat?

Ich habe es ziemlich ignoriert oder aus meinen Gedanken vertrieben – bis letztes Jahr, als die Gefühle aus irgendeinem Grund sehr offensichtlich für mich wurden.
Ja und nein. In mancher Hinsicht komme ich damit zurecht, aber ich fühle mich auch noch immer etwas unwohl damit wegen der negativen Assoziationen, die dazu bestehen.

Bist du auf eine bestimmte Behinderung fixiert oder geht es dir nur darum, dass eine Einschränkung vorhanden ist? Oder ist das komplizierter? Spielt der Grad der Behinderung eine Rolle?

Ich finde nur Männer mit Querschnittlähmung attraktiv. Der Grad der Behinderung spielt eine Rolle – ich bevorzuge jemanden, der zumindest einigermaßen unabhängig sein kann. C5/C6-Tetraplegie ist in Ordnung, das ist die Läsionshöhe meines derzeitigen Freundes. Er kann selbst essen, sich zurechtmachen, Auto fahren, arbeiten, und das ist mir wichtig.

Hast du anderen Menschen aus deinem Umfeld von deiner Neigung erzählt? Wie haben sie reagiert?

Ich habe es einer Freundin erzählt. Sie verurteilt es nicht. Sie stellte mir Fragen, aber gab mir nie das Gefühl, deswegen schlecht oder verrückt zu sein. Ich habe nicht vor, es jemandem anderes zu erzählen, da die meisten Leute, die ich kenne, mich verurteilen würden.

Glaubst du, du könntest mit einem nichtbehinderten Mann glücklich und sexuell erfüllt sein?

Ja. Ich hatte sexuellen Kontakt mit vielen nicht behinderten Männern, in manchen Fällen war es befriedigend.

Hast du an einen behinderten Mann bei der Partnerwahl niedrigere Erwartungen, weil er ja diese eine Kompatibilitätseigenschaft schon erfüllt? Sind Männer für dich attraktiv, allein durch eine Behinderung oder wenn sie sich in einen Rollstuhl setzen oder müssen da mehr Faktoren zusammenkommen?

Ja und nein – möglicherweise bin ich nicht so wählerisch wie bei einem nicht behinderten Mann. Ich kann es eigentlich nicht hundertprozentig sagen, da es so wenige behinderte Männer in meinem Umfeld gibt und ich erst mit einem einzigen behinderten Mann zusammen war.
Andere Faktoren spielen eine Rolle. Er muss attraktiv für mich sein (nicht nur durch den Rollstuhl) und eine passende Persönlichkeit haben. Der Rollstuhl ist nur ein Bonus.

Bist oder warst du schon in Beziehungen mit behinderten Männern? Entspricht die Realität deinen Erwartungen und Wünschen, die du an den Sex und das Zusammenleben hattest? Wie hat dein Umfeld auf die Beziehung reagiert? Welchen Vorurteilen bist du begegnet? Gibt es Aspekte der Beziehung, die dich stören und die durch die Behinderung verursacht werden?

Ich bin zurzeit in einer Fernbeziehung mit einem Tetraplegiker. Es ist meine erste Beziehung mit einem behinderten Mann.
Wir leben nicht zusammen. Die Erwartungen, Vorstellungen und Wünsche rund um den Sex wurden in hohem Maße erfüllt. Die Neuheit darin, dass er im Rollstuhl sitzt, hat sich (wie erwartet) ein bisschen gelegt, aber er befriedigt mich sexuell und mental.
Leute, denen ich von ihm erzählt habe, schauen mich etwas entsetzt oder schockiert an. Er konnte mich bisher noch nicht besuchen.
Ich würde sagen, ich bin keinen richtigen Vorurteilen begegnet. Außer vielleicht den typischen Bermerungen wie „wow, es ist so großartig, dass du damit umgehen kannst“ oder „das ist so bewundernswert“. Diese Bemerkungen hasse ich.
Fehlende Barrierefreiheit ist wahrscheinlich das größte Problem – sie macht es schwierig, bestimmte Dinge zu tun, und es kann lange dauern aufzustehen und sich bereit zu machen, um nach draußen zu gehen und Aktivitäten außer Hauses nachzugehen.

Frag eine Devotine – Teil 2

Letzte Woche begannen wir mit unserer neuen Serie „Frag eine Devotine“. Heute folgt das zweite Interview. Diesmal hat sich Linda (Name wieder geändert) von uns befragen lassen.

Seit wann weißt du von deiner Attraktion? Wie bist du damit umgegangen? Hat sich deine Einstellung dazu geändert, als du herausfandest, dass das Kind einen Namen hat?

Schon mit zwei Jahren war ich auf eine seltsame Weise fasziniert von medizinischen Dingen, habe das aber immer strikt für mich behalten. All meine Kindheitsfantasien drehten sich darum. In meiner frühen Jugend begriff ich, dass körperliche Einschränkungen mich sexuell erregen. Dass es einen Namen dafür gibt, fand ich erst Jahre später heraus. Ich würde nicht sagen, dass sich meine Einstellung dazu dadurch geändert hat, aber ich habe Kontakt zu anderen Devotees aufgenommen. Es ist toll, sich mit anderen darüber austauschen zu können, die eine sehr ähnliche Attraktion haben.

Bist du auf eine bestimmte Behinderung fixiert oder geht es dir nur darum, dass eine Einschränkung vorhanden ist? Oder ist das komplizierter? Spielt der Grad der Behinderung eine Rolle?

Ich würde nicht sagen, dass ich auf eine bestimmte Behinderung fixiert bin. Auch auf einen Grad der Behinderung will ich mich nicht festlegen, alles hat seine Reize. Zwar gibt es Behinderungen, die ich i.A. attraktiver finde als andere, aber meine Attraktion ist sehr dehnbar und flexibel. Es geht eher darum, dass ein behinderter Mann ein gewisses Etwas hat. Ich kann das nicht näher beschreiben, es ist wie eine Aura, die ihn umgibt.

Hast du anderen Menschen aus deinem Umfeld von deiner Neigung erzählt? Wie haben sie reagiert?

Ja, einigen wenigen. Manche haben es nicht richtig verstanden, andere hatten kein Problem damit. Bisher schien sich niemand übermäßig dafür zu interessieren.

Glaubst du, du könntest mit einem nichtbehinderten Mann glücklich und sexuell erfüllt sein?

Ich bin mir nicht sicher, da ich diesbezüglich zu wenig Erfahrung habe. Ich denke, mit einem Mann, bei dem die Chemie perfekt stimmt und der vielleicht irgendein interessantes Merkmal hat, könnte es klappen.

Hast du an einen behinderten Mann bei der Partnerwahl niedrigere Erwartungen, weil er ja diese eine Kompatibilitätseigenschaft schon erfüllt? Sind Männer für dich attraktiv, allein durch eine Behinderung oder wenn sie sich in einen Rollstuhl setzen, oder müssen da mehr Faktoren zusammenkommen?

Nein, meine Erwartungen bleiben trotz Behinderung hoch. In erster Linie muss die Chemie stimmen. Tasächlich kämen die wenigsten behinderten Männer für mich als Partner in Frage. Es ist vielmehr so, dass eine Behinderung einen nach meinem ausgefallenen Geschmack attraktiven Mann für mich attraktiver macht. Auch neben der Behinderung habe ich viele Präferenzen für körperliche Merkmale, die mehr oder weniger erfüllt sein müssen. Für eine langfristige Beziehung muss mir seine Persönlichkeit zusagen, ich muss mich gut mit ihm unterhalten können sowie Interessen und bis zu einem Grad die Weltanschauung teilen.

Bist oder warst du schon in Beziehungen mit behinderten Männern? Entspricht die Realität deinen Erwartungen und Wünschen, die du an den Sex und das Zusammenleben hattest? Wie hat dein Umfeld auf die Beziehung reagiert? Welchen Vorurteilen bist du begegnet? Gibt es Aspekte der Beziehung, die dich stören und die durch die Behinderung verursacht werden?

Ja, bin ich. Komischerweise hatte ich gar keine detaillierten Erwartungen an eine solche Beziehung, aber es gab keine großen Überraschungen. Insgesamt stelle ich immer wieder fest, wie glücklich ich mit ihm bin, aber das liegt bei Weitem nicht nur an seiner Behinderung.

Die Reaktionen aus meinem Umfeld fielen unterschiedlich aus. Wenige waren schockiert, die meisten sagten nichts weiter dazu. Manche bezeichneten mich als bewundernswert, was ich überhaupt nicht mag, denn ich schätze mich sehr glücklich, mit diesem Mann zusammen zu sein, sodass es eher verwunderlich wäre, wenn ich nicht mit ihm zusammen sein wollte. Wüssten sie über meine Neigung, schlüge die Bewunderung womöglich in Verachtung um. Ich wünschte, wir könnten einfach als glückliches Paar angesehen werden, weiter nichts.

Ich habe mitbekommen, dass sich einige Leute fragen, ob wir Sex haben. Oft trauen sie sich aber leider nicht, mich direkt zu fragen. Manche nahmen an, unser Sexleben müsse ziemlichbegrenzt und eintönig sein. Als ich genauer davon erzählte, erschien ihnen ihr eigenes Sexleben auf einmal ziemlich unkreativ und langweilig. Viele scheinen auch völlig unbegründete Berührungsängste und Befürchtungen zu haben, weshalb sie eine Beziehung mit einem behinderten Mann nicht „wagen“ würden. Sie scheinen zu glauben, Behinderung gehe mit Zerbrechlichkeit und Hypersensibilität einher, sodass man den Betreffenden lieber nicht anfassen und ja nichts Falsches zu ihm sagen dürfe. Zum Glück widerlegt mein Freund solche Vorurteile ganz schnell. Und es ist auch entgegen der Annahme mancher Leute nicht „schwer“, mit ihm zusammen zu sein und Dinge zu unternehmen, die andere Paare auch tun. Dass wir gelegentlich etwas improvisieren und mehr planen müssen, macht unsere Beziehung spannend und abwechslungsreich.

Gerade die Vorurteile anderer gegenüber Behinderungen sind einer der wenigen Aspekte, die mich stören. Ich denke leider auch, je mehr der Mann auf Assistenz anderer Menschen angewiesen ist, desto schwieriger ist es für mich, damit zurechtzukommen. Auch wenn die Assistenz nur Anweisungen folgen soll, sind das ja immer noch Menschen mit eigenem Willen, den sie einem unter Umständen aufdrängen wollen. Zudem sind sie nicht unbedingt zuverlässig. Ich bin gerne selbstbestimmt und brauche meine Privatsphäre. Auch manche Freizeitaktivitäten kann ich mit meinem Freund nur unter großem Aufwand oder überhaupt nicht teilen. Hätte man für jede erdenkliche Situation einen speziellen Rollstuhl oder ein Hilfsmittel, ginge das vielleicht, aber diese Hilfsmittel sind viel zu teuer. Gleichzeitig sehe ich diesen Nachteil aber auch als einen Vorteil, da ich gerne plane und nach kreativen, egal wie umständlichen Alternativen suche, wie man der Freizeitbeschäftigung dann doch noch irgendwie nachgehen kann.

Frag eine Devotine – Teil 1

Über Mancophielie, also die Neigung, behindere Menschen und Behinderung sexuell besonders anziehend zu finden, gibt es genauso viele Mythen und Vorurteile wie gegenüber Behinderung und Sexualität als solches. Das Thema ist zudem mit Ängsten besetzt und Menschen, die diese Neigung offen leben werden oftmals stigmatisiert und diskriminiert.

Wir wollen dem entgegenwirken. Dazu starten wir heute eine neue Reihe: in Interviewform kommen Devotinen, also Frauen, die sich von behinderten Männern angezogen fühlen, zu Wort.

Den Anfang machen wir mit Emily. Der Name ist geändert, da sie anonym bleiben möchte. Ich habe sie auf Paradevo, einem Forum für Devotinen kennen gelernt und sie gefragt, ob sie mitmachen möchte.

Seit wann weißt du von deiner Attraktion? Wie bist du damit umgegangen? Hat sich deine Einstellung dazu geändert, als du herausfandest, dass das Kind einen Namen hat?

Ich hatte die Attraktion, als ich sechs Jahre alt war, bevor ich verstand, was es war. Damals ging ich damit um, indem ich mit meinen Geschwistern Krankenhaus spielte. Das hat sich natürlich mit der Zeit geändert. In der sechsten Klasse wusste ich, dass ich eine Außenseiterin war und dass es mir leichter fiel, Freundschaft mit Gleichaltrigen zu schließen, wenn sie behindert waren, aber ich begriff noch immer nicht, dass dies eine “Sache” war.

Schließlich sah ich das Muster deutlicher. Ich hatte sehr gemischte Gefühle, als ich von Devoteismus erfuhr; es war toll zu wissen, dass ich nicht die Einzige mit diesen Gefühlen war. Zuerst stieß ich nur auf männliche Amelos und erst dann fand ich heraus, dass manche Menschen mit Behinderung in Wahrheit angewidert waren beim Gedanken an Devotees, um nur das Mindeste zu sagen.

Ich kam mir nicht wie ein Widerling oder ein Stalker vor. Nun, nach jahrelanger Kommunikation mit weiblichen Devotees, weiß ich, dass sich mein Devoteismus sehr weit entwickelt hat und sich immer noch weiterentwickelt.

Bist du auf eine bestimmte Behinderung fixiert oder geht es dir nur darum, dass eine Einschränkung vorhanden ist? Oder ist das komplizierter? Spielt der Grad der Behinderung eine Rolle?

Der menschliche Körper ist wundervoll und ich finde an ihm ständig neue Dinge, die mich interessieren – oder erregen 😉

Ich kann sowohl nichtbehinderte als auch behinderte Männer attraktiv finden, aber ich habe ein Bild von einem idealen Körper und bevorzuge Männer mit Muskeldystrophie oder anderen Behinderungen mit gewissem Muskelschwund. Der Grad der Behinderung spielt eine Rolle für mich, aber es ist komplizierter als zu sagen “je schwerer, desto sexier”. Es kommt darauf an, ob man “es” hat, und “es” ist mehr als die Behinderung und wie sie einen beeinflusst.

Hast du anderen Menschen aus deinem Umfeld von deiner Neigung erzählt? Wie haben sie reagiert?

Ich habe ein paar Menschen davon erzählt, und die, dich mich schon lange kannten, waren nicht überrascht.

Glaubst du, du könntest mit einem nichtbehinderten Mann glücklich und sexuell erfüllt sein?

Nicht in einer langfristigen Beziehung, nein. Ich würde mich mit der Zeit langweilen.

Hast du an einen behinderten Mann bei der Partnerwahl niedrigere Erwartungen, weil er ja diese eine Kompatibilitätseigenschaft schon erfüllt? Sind Männer für dich attraktiv, allein durch eine Behinderung oder wenn sie sich in einen Rollstuhl setzen oder müssen da mehr Faktoren zusammenkommen?

In einer früheren Beziehung bin ich definitiv Kompromisse eingegangen und habe Verhalten und Charaktereigenschaften entschuldigt, die ich nicht mochte, weil er körperlich zu mir passte. Das ist eine sehr, sehr schlechte Idee, denn man muss auch abseits des Sex miteinander auskommen. Aber man wird da leicht mitgerissen.

Ein behinderter Typ wird immer meine Aufmerksamkeit bekommen, aber es muss alles passen, und es gibt sehr, sehr viele Faktoren. Eine Behinderung alleine ist nicht genug. Er muss auch intelligent, nett, charmant, albern, unabhängig, mutig und vielleicht ein kleines bisschen nerdig sein! Er muss der richtigen Altersklasse angehören, und es ist auch von Vorteil, wenn er dunkle Haare und lange Wimpern hat 😉

Bist oder warst du schon in Beziehungen mit behinderten Männern? Entspricht die Realität deinen Erwartungen und Wünschen, die du an den Sex und das Zusammenleben hattest? Wie hat dein Umfeld auf die Beziehung reagiert? Welchen Vorurteilen bist du begegnet? Gibt es Aspekte der Beziehung, die dich stören und die durch die Behinderung verursacht werden?

Ich bin mit einem behinderten Mann zusammen, und die meisten meiner vergangenen Beziehungen und Dates über die Jahre waren mit behinderten Männern. Ich glaube, da ich seit meinen frühen Teenagerjahren behinderte Männer date, sind meine Erwartungen ziemlich realistisch geworden, aber man kann sich eigentlich nicht auf das vorbereiten, was einem bevorsteht.

Ich hatte nie erwartet, in einer Beziehung zu sein, in der mein Partner und ich keinen Geschlechtsverkehr haben, aber mit der Zeit haben die gesundheitlichen Probleme meiner Partner zugenommen und unser beider Bedingungen an Sex haben sich verändert.

Die Reaktionen fielen sehr unterschiedlich aus, manche Leute waren sehr negativ, andere zeigen überhaupt keine Reaktion. Es gab eine Phase in meiner Teenagerzeit, da lautete die erste Frage meine Mama immer, wenn ich ihr erzählte, dass ich jemanden kennen gelernt hatte: “Und welche Behinderung hat er?”, dann verdrehte sie die Augen und seufzte. Aber meine Familie kommt gut mit meinem Partner aus und könnte sich nicht mehr für uns freuen.

Doch da war auch dieser Cousin, der beim Abendessen mit der Familie geradeheraus fragte, ob und wie wir Sex hätten.

Die Vorurteile, die behinderte Menschen im Alltag begegnen, betreffen auch deren Partner.

Eine Beziehung ist harte Arbeit, und manchmal trage ich für vieles Verantwortung, aber ich kann nicht sagen, dass es Dinge gibt, die mich stören. Manchmal wünschte ich, er könnte den Müll hinausbringen, aber wir warten noch, bis der elektrische Türöffner installiert ist ;).

Rezension: „(W)hole“ und „Breath(e)“ von Ruth Madison

Als ich eines Nachmittags bei Amazon das Suchwort „wheelchair“ eingab, traf ich überraschend auf Ruth Madisons „(W)hole“. Mit „(W)hole“ und „Breath(e)“ hat die Autorin zwei aufeinander aufbauende Romane geschrieben, deren Thematik in der Literatur bisher vermutlich einzigartig ist. Die Leseprobe zeigte mir sofort, dass ich dieses Buch haben musste. Noch nie habe ich mich mit einer Protagonistin in diesem Maße identifizieren können. Das Buch war schnell bestellt und innerhalb einer schlaflosen Nacht verschlungen.
Die Protagonistin Elizabeth ist eine scheinbar gewöhnliche, eher zurückhaltende Heranwachsende, die ein großes Geheimnis hütet: Körperliche Behinderungen bei Männern sind für sie sexuell erregend. Trotz ihrer daraus erwachsenen Schuldgefühle und fruchtlosen Unterdrückungsversuche ihrer Sexualität sammelt Elizabeth seit ihrer Kindheit Filme und Bilder, auf denen behinderte Männer zu sehen sind und nutzt diese zur Selbstbefriedigung. Als ihr zweimal hintereinander derselbe attraktive Paraplegiker begegnet, tut sie alles dafür, diesen Mann kennen zu lernen, und geht bald darauf ihre erste Beziehung mit ihm ein. Nach rund 200 Seiten der Dramatik und des Selbsthasses kann Elizabeth ihre sexuelle Neigung endlich ohne Schuldgefühle anerkennen.

Während ich im Gegensatz zu Elizabeth nie von Schuldgefühlen geplagt wurde, stimmen meine Sexualität und meine Fantasien in überwältigendem Umfang mit den ihren überein. Ich beneidete die fiktive Person um ihren Freund. Zwar basiert Elizabeth lose auf Ruth Madison selbst, jedoch ist der Roman keineswegs autobiographischer Natur, sondern entspricht den jugendlichen Wunschträumen der Autorin. Es wäre doch auch zu schön, um wahr zu sein! Wer hat schon besonders viele behinderte Männer in seinem Umfeld, die zusätzlich etwa derselben Altersklasse angehören, für einen attrativ und sympathisch sind und auch noch Interessen mit einem teilen? Die Auswahl an Männern für Frauen wie uns ist gering. Mir war klar, dass ich ihn nur online finden würde.

In „Breath(e)“, der Fortsetzung von „(W)hole“, versucht Elizabeth nach Ende ihrer ersten Beziehung, einen neuen behinderten Mann kennen zu lernen. Beim Online-Dating kann sie leider keinerlei Erfolgserlebnisse verbuchen. Da habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht, aber vielleicht hatte ich nur unverschämtes Glück.

Filmprojekt mit Adina Pintilie

Im April wurde ich von einem internationalen Filmteam besucht, das experimentell filmte, um einen dokumentarischen, künstlerischen Kurzfilm über Behinderung, Körperlichkeit, Sexualität und ähnliche Themen zu drehen. Das Team arbeitet prozessorientiert, also müssen wir beim Drehen noch nicht, was am Ende dabei herauskommen wird.

Die Dreharbeiten im April waren auch nur ein erster Auftrag, um Inspiration zu finden. Die Regisseurin Adina hatte ich im Jahr zuvor auf der X-Plore – ein Festival über die Kunst der Lust – kennen gelernt. Sie sagte, sie sei direkt fasziniert von meinem Umgang mit Körperlichkeit gewesen und sah eine Verbindung zwischen uns, denn sie hatte den Eindruck, dass vieles was mit Sexualität zusammenhängt, bei uns beiden im Kopf stattfindet. Sie finden auch viele Informationen auf dieser Website.

Wir nutzten also die gemeinsamen Tage um ausführlich Ideen auszutauschen und  drehten dabei fast kontinuierlich. Im Focus standen dabei zunächst Interviews zu den genannten Themen: wie ich mit meinem Körper umgehe, wie ich Zärtlichkeit empfinde, wie ich Sexualität und Partnerschaft erlebe und vieles mehr. Alle diese Gespräche haben wir aufgezeichnet.

Bei einem gemeinsamen Ausflug mit der Seilbahn diskutierten wir den spirituellen und philosophischen Aspekt von Sexualität: Stellt euch vor, Gott hat einen Körper – wie ist wohl sein Verhältnis zu ihm? Wenn Gott die Kraft ist, die das Universum erschafft, ist dann nicht das Universum sein Körper und sind wir damit nicht alle Teil von ihm? Erleben wir diesen göttlichen Funken in unserem eigenen Körper? Sollten wir ihn nicht als Tempel betrachten und unsere Sexualität und Lust als sinnliches Ritual? In diesem Verständnis spielt Behinderung dann eine sehr positive Rolle: als Ergänzung der Vielfalt von Körperlichkeit.

Am Abend schauten wir gemeinsam den Post-Porn-Film „Häppchenweise“ auf der großen Leinwand mit meinem Beamer und kommentierten dabei den Film und wie es uns beim Anschauen geht.

Zu guter letzt hatten wir noch ein paar künstlerische Ideen, die wir filmisch umsetzten. Aber diese sollten vorerst geheim bleiben 🙂

Insgesamt war es ein sehr schönes Erlebnis und ich freue mich schon auf eine Fortsetzung.

Nun hat Adina zum ersten Mal Zeit gefunden, das ganze Material zu sichten und hat mir Stills der Aufnahmen geschickt. Die besten Bilder möchte ich schon mal mit euch teilen – als Vorgeschmack auf das, was am Ende dabei herauskommen wird.

Mehr hoffentlich bald.

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