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Doppelbett mit Liebesbrücke

In autobiographischen Buch schreibt Aline Engels (*) über ihre Beziehung zu einem Mann mit Behinderung. Meine Freundin und ich haben es gelesen und haben uns an einigen Stellen wiedererkannt. Das Buch ist amüsant und interessant und man bekommt schnell einen Bezug zur Lebenswelt der Protagonisten. Auch die üblichen Probleme in einer solchen Konstellation sind gut dargestellt. Wem allerdings das Genre „Liebesroman“ absolut nicht zusagt, der wird sich auch mit dieser Geschichte nicht 100 % anfreunden können, am Ende ist es halt eine Liebesgeschichte, auch wenn die Umstände für Romane neu sind. Ich finde aber, das ist auch gut so, denn es zeigt die Normalität von Beziehung, auch wenn ein Partner behindert ist.

Ich hatte die Gelegenheit Aline Engels und ihren Mann Tim Erdmann zu ihrem Buch zu interviewen.

Aline, du schreibst in deinem Buch „Doppelbett mit Liebesbrücke“ über deine Beziehung zu einem behinderten Mann. Sag doch mal kurz in eigenen Worten, warum es in dem Buch genau geht.

Das Buch ist eine Biografie. Es geht um das Kennenlernen, Liebenlernen, die Beziehung zu meinem schwerbehinderten Mann, der rund um die Uhr auf Assistenz angewiesen ist, und die Besonderheiten in unserem gemeinsamen Leben mit Assistenz. Klicken Sie auf den Link, um weitere Informationen zu diesem zu entdecken.

Wie bist du denn auf die Idee gekommen, ein solches Buch zu schreiben? Was war deine Motivation und wen möchtest du damit erreichen?

Die Liebe zu meinem Mann ist wie eine Naturgewalt. Ich bin ein nüchtern denkender Mensch, der sein Leben komplett durchgeplant und durchstrukturiert hat. Und auf einmal hat dieser Mann mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Als nicht-behinderte Frau hatte ich eine Menge Fragen, die mir kein Wikipedia oder Google beantworten konnte. Ich wusste auch nicht, wen ich hätte fragen können.

Mir hat die Beziehung von Fridl und Franzi Mut gemacht. Auf Fridls Homepage fand ich ein paar Antworten auf meine Fragen. Die Filme von den beiden machten mir Mut. Ich war dennoch sehr unsicher und hatte große Ängste.

Die Beziehung zu meinem Mann ist für mich so wahnsinnig bereichernd, dass ich mir dachte, dass es auch für andere möglich sein muss. Und wenn sich wieder ein Nicht-Behinderter in einen schwerbehinderten Partner verlieben sollte, so soll mein Buch und unsere Geschichte einfach Mut machen, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

Mir ist aufgefallen, dass eigentlich alle in deinem Umfeld, die du im Buch beschreibst sehr positiv auf eure Beziehung reagiert haben. Gab es auch negative Stimmen? Wenn ja, wie seid Ihr damit umgegangen?

Es gab wirklich ausschließlich positive Reaktionen in unserem Bekannten- und Freundesumfeld. Einige in meinem Bekanntenkreis reagierten erst etwas unsicher, aber Tim konnte immer sofort diese Unsicherheit nehmen. Er ist ein sehr offener Mensch, der seine Behinderung zu 100 Prozent akzeptiert hat. Das macht es für andere leicht im Umgang mit ihm.

Ein Assistent von Tim hat zuerst sehr unsicher und eher zurückhaltend auf unsere Beziehung reagiert. Das war unseres Erachtens aber eher aus dem Gefühl des Machtverlustes heraus. Im Kapitel Supervision gehe ich näher darauf ein. Tim konnte auch nicht mit ihm darüber sprechen, weil er immer behauptete, es gäbe kein Problem.

Einmal saßen wir in einer Strandbar an der Nordsee und ich küsste Tim, so wie immer. Tim sagte mir später, dass das Pärchen am Nachbartisch komisch geguckt hätte. Mir ist es nicht aufgefallen, wahrscheinlich fehlt mir dafür einfach der Wahrnehmungsfilter. Mich interessieren fremde Leute nicht; unsere Freunde und Bekannte haben einfach super offen reagiert. Es ist auch das einzige Mal gewesen, dass Leute komisch geguckt haben.

Meine Eltern haben eher distanziert auf die neue Beziehung von mir reagiert, das hatte aber nichts mit Tims Behinderung zu tun (von der wussten sie ja lange nichts), sondern einfach aus Sorge um mich. Ich bin als junger Mensch sehr übel auf einen Mann hereingefallen und diese Sorge haben meine Eltern halt immer noch, dass mir das nochmal passieren könnte.

Manche Leute, die uns nicht näher kennen, könnten ja der Meinung sein, dass sich nur Nicht-Behinderte mit Helferkomplex auf einen schwerbehinderten Menschen einlassen können. Aber wer Tim und mich kennt, der weiß, dass dieser Gedanke bei uns völlig absurd ist. Ich habe keinen Helferkomplex (bzw. mein kleiner Helferkomplex ist sehr gut reflektiert) und Tim hätte sich niemals auf eine Partnerin mit Helferkomplex eingelassen.

Tim, es hat ja ziemlich lange dauert, bis ihr zusammen wart. Aline meint zumindest, dass du sie lange hast zappen lassen. Als Grund schreibt Aline von einer Mauer, in die du zum Selbstschutz um dich herum errichtet hast. Oftmalige Enttäuschung kennen viele behinderte Menschen und oft ist auch das Selbstbewusstsein nicht besonders stark. Was würdest du anderen behinderten Menschen raten, nachdem du die Erfahrung mit Aline machen konntest?

Sicherlich tut jeder Korb, den man bekommt, sehr weh, aber die Chance nicht wahrzunehmen, den – aus meiner Sicht – einzigen Menschen zu finden, welcher perfekt zu einem passt, wäre die größte Dummheit des Lebens. Eine 100%ige Sicherheit gibt es nicht, ob die Beziehung hält und ob es wirklich der richtige Partner sein wird. Ich kann nur jedem Menschen mit Behinderung raten, auf sein Bauchgefühl zu hören, wenn die Schmetterlinge fröhlich flattern und man es wirklich ernst meint, sich auf das „Abenteuer Liebe“ einzulassen! Es ist ein unbeschreibliches Glück in einer bedingungslosen und gleichberechtigten Partnerschaft leben zu können und rechtfertigt auch das Risiko eines sicherlich schmerzhaften Scheiterns! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Habt den Mut Wege zu beschreiten, welche Ihr nie gehen wolltet, weil Ihr Angst habt vor der Ungewissheit und der Enttäuschung. Ehrliche Liebe, Vertrauen und Zuversicht machen es einem leicht, diese Ängste zu überwinden!

In deinem Buch gibt es einige Menschen, die neben euch beiden eine Rolle spielen, zum Beispiel Tims Assistenten. Was halten die davon? Erkennen sie sich wieder? Gab es Bedenken?

Tims Assistenten haben – bis auf einen – alle positiv reagiert. Sie haben sich ehrlich für uns gefreut. Kleine Irritationen traten eher unbewusst auf. Siehe Kapitel Supervision. Unterschwellig hatten einige wohl Angst um ihren Job, Tim hat sie nicht mehr in seine kleinen Geheimnisse eingeweiht. Er hat sich dann auch mehr abgegrenzt. Zu manchen Assistenten war das Verhältnis vorher vielleicht zu eng – nun ist es gesund distanziert.

Die Assistenten wissen übrigens noch nichts von dem Buch. Bin gespannt, wann es der erste herausfindet 😉 Ich tippe auf Robin.

Es haben inzwischen einige Assistentenwechsel stattgefunden. Von den „alten Vor-Aline-Assistenten“ gibt es leider nur noch zwei im Team. Die anderen sind aus verschiedensten Gründen ausgeschieden: Krankheit, Studium fertig, berufliche Veränderung usw.  Das ist ein Job, den man wahrscheinlich nicht bis ins hohe Alter machen kann.

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Assistenten, auch zu den Ex-Assis, bis eben auf den einen Ex-Assi, der von Anfang an ein Problem damit hatte, dass eine Frau in Tims Leben kam.

Das Buch endet kurz nach eurer Hochzeit. Erzähl doch mal noch ein bisschen, was es seitdem neues gibt, welche Ereignisse sich seitdem noch ergeben haben.

Nach der Hochzeit habe ich versucht, mein Eheversprechen einzuhalten und weniger zu arbeiten. (Es ist mir noch nicht so ganz gelungen)

Ich habe daher meine Firmen so umstrukturiert, dass sie nach Möglichkeit auch ohne mich funktionieren.

Auch Tim möchte nicht sein Leben lang arbeiten müssen. Er wird zwar sein Leben lang Chef sein, aber so organisatorische und administrative Abläufe haben wir in einen Verein ausgelagert. Die Dienstpläne, die Stundenzettel, die Über- und Unterstundenberechnung oder Urlaubsberechnung macht nun das Sekretariat des Vereins für ihn.

Da es in unseren Firmen allerdings sehr „menschelt“, wird es wahrscheinlich nicht möglich sein, sich völlig aus dem Tagesgeschäft herauszuziehen. Wir planen die Einstellung eines Geschäftsführers, der unsere Aufgaben übernehmen kann, aber dafür die richtige Person mit dem richtigen Hintergrundwissen zu finden, ist schwierig.

Wir machen regelmäßig, ungefähr zweimal im Jahr, Urlaub. Wie im Buch beschrieben, fahren wir einmal nach Italien, Nähe Venedig, und einmal an die Ostsee.

Fridls plötzlicher Tod hat uns sehr getroffen und er fehlt uns total. Die Freundschaft zu Fridl und Franzi war sehr intensiv und wir hatten so viele Gemeinsamkeiten. Es tut uns weh, zu sehen, wie sehr Franzi immer noch leidet und trauert. Die „Münchener Truppe“ und unsere gemeinsamen Urlaube in Italien sind nicht mehr so wie früher. Fridl fehlt ganz einfach. Ich finde es schade, dass er das Buch nicht mehr lesen konnte. Er starb, als der Roh-Entwurf fertig war.

Ich glaube und hoffe, es hätte ihm gefallen. Ich hatte ihn bei einem unserer letzten Chats noch nach kreativen Schimpfwörtern für Tim gefragt und fast alle sind in dem Buch verarbeitet. Es tröstet uns, dass Fridl so intensiv gelebt hat und glücklich und ohne Schmerzen einfach eingeschlafen ist.

In der Zeit, in der das Buch spielt, seid Ihr wirklich sehr verliebt ineinander. Mir persönlich ist das Buch deswegen vielleicht ein bisschen zu rosarot. Gab es auch Momente des Frusts oder Streit und wie geht ihr damit um?

Wie bereits oben erwähnt, bin ich ein nüchtern denkender Mensch, der gerne plant und organisiert. Dass ich ein so gefühlsbetontes Buch überhaupt schreiben konnte, verwundert daher so manchen eingeweihten Bekannten, der das Buch gelesen hat. Wir sind nach wie vor genauso verliebt ineinander und zeigen es auch. Uns ist das auch nicht peinlich, sondern es ist eben genau so, wie wir es fühlen. Die Assistenten ziehen uns heute noch auf, dass wir uns wie verliebte Teenager verhalten.

Und was heißt schon „zu rosarot“? Ein Leser hat geschrieben, es wäre ihm an der einen oder anderen Stelle zu schnulzig. Mag sein, ich bin halt Tims größter Fan und komme leicht ins Schwärmen, wenn ich über ihn schreibe. Es ist eben eine Biografie, die Szenen sind echt und ich habe es eben genau so empfunden. Tim sagt selbst manchmal, ich hätte eine rosarote Brille auf, aber ich finde, wenn man einen Menschen so sehr liebt, dann darf das auch so sein.

Tim fragt zum Beispiel: „Wie sehe ich aus? Muss ich mich rasieren oder umziehen?“ Und ich singe: „Du siehst suuuuper aus!“ Strahle ihn an und tanze um ihn herum. Er verdreht dann gespielt übertrieben die Augen und fragt lieber seinen Assistenten um Rat. 😀

Frust und Streit gab es niemals zwischen uns, wir harmonieren total. Meinungsverschiedenheiten kommen vor, sind aber selten. Wir sprechen darüber, aber wir müssen ja nicht zwingend immer einer Meinung sein. Wir haben auch einen ähnlichen Humor. Es ist eine in jeder Hinsicht sehr erwachsene und harmonische Beziehung.

Du schreibst, eines der größten Hindernisse für die Liebe ist die deutsche Gesetzgebung in Bezug auf Assistenz. Was würdet ihr euch in dieser Richtung wünschen?

Natürlich wünschen wir uns, dass die Teilhabeleistungen (Assistenzleistungen für Tim) nicht an die Sozialhilfe gekoppelt sind und bald einkommens- und vermögensunabhängig gewährt werden. Tim behauptet jedoch, das dauert bestimmt noch 20 Jahre. Das hätte damals mit dem Arbeitgebermodell genauso lange gedauert.

So bleibt uns, wie vielen anderen auch, keine andere Möglichkeit, als mit der Situation zu leben und irgendwie das Beste daraus zu machen. Wir sind in dieser Hinsicht auch sehr kreativ, beraten auch andere Paare in ähnlicher Situation, aber es ist ein blödes Gefühl, immer tricksen und aufpassen zu müssen.

Tim und ich, wir werden nicht vor Gericht oder in der Öffentlichkeit für eine Änderung der Gesetzgebung kämpfen, aber wir sind froh und dankbar, dass es andere tun. Tim hatte seine Zeit, in der er behindertenpolitisch sehr aktiv war; jetzt möchte er einfach nicht mehr kämpfen. Wir wollen jetzt die Zeit miteinander genießen.

Vielen Dank euch Beiden für das Interview und noch ganz viel Romantik und gemeinsame, schöne Erlebnisse!

Das Buch „Doppelbett mit Liebesbrücke“ gibt es im Buchhandel oder bei Amazon als Kindle-Edition.

(*) Alle Namen und Orte, die im Buch vorkommen, sind geändert.

Kampagne „Yo me masturbo“ („Ich masturbiere“)

Ohne Unterstützung gehört mein Körper nicht mir. Sexuelle Hilfe ist ein Recht.

Viele Menschen mit Behinderungen brauchen die Hilfe einer anderen Person, persönliche Assistenz, bei der Erledigung vonrtäglichen Aktivitäten (Hygiene, Aufstehen, zu Bett gehen …). Wenn der Bereich der Sexualität betroffen ist, spricht man von sexuller Assistenz. Über beides bestimmt die unterstützte Person selbst und beides ist ein Grundrecht.

Die Kampagne zeigt sexuelle Assistenz für Menschen mit Behinderungen als Unterstützung für den sexuellen Zugang zum eigenen Körper. Dieser Zugang ermöglicht es, zu erforschen, zu masturbieren oder Sex mit anderen Menschen, die nicht sexuelle Assistent sind, zu haben. Es gibt zwei 40-Sekunden-Videos mit dem Titel „Yo me masturbo“ („Ich masturbiere“).

In den beiden Videos werden Menschen gezeigt, die sich offen dazu bekennen, zu mastubieren, weil sie dadurch zum Beispiel ein besseres Körpergefühl oder mehr Lebensfreude erhalten. Als Kontrast dazu sagt ein behinderter Mensch jeweils am Ende des Films, dass er nicht mastubiert, weil er beziehungsweise sie das ohne Hilfe nicht kann.

Die Kampagne soll sowohl auf den neuen Film “Vivir y otras ficciones” („Leben und andere Fiktionen) des spanischen Filmemachers Jo Sol aufmerksam machen. Dieser ist gerade in Produktion und soll 2016 erscheinen. Eines der Themen des Films ist sexuelle Assistenz.

Liebe mit Laufmaschen

Jennifer Sonntag ist blinde Sozialpädagogin, Autorin und Moderatorin der „SonntagsFragen“ im MDR-Fernsehen.Sie beschäftigt sich seit Jahren in meiner Arbeit und meinen Büchern mit der Erotikwahrnehmung blinder Menschen/frauen und bemüht sich, dieses „Doppeltabu“ zu brechen. Jetzt stellt sie ihr neues Projekt vor.

Sie hat mit ihrem sehenden Partner gemeinsam das Literatur- und Kunstprojekt „Liebe mit Laufmaschen“ ins Leben gerufen. Die Laufmasche kann dabei durchaus als verstecktes Symbol für Behinderung verstanden werden, sie stellt aber auch immer eine Inspiration dar, denn das vermeintlich „unperfekte“ macht für uns einen Menschen erst erotisch interessant. In ihrem gleichnamigen Buch, eine Sammlung erotischer Kurzgeschichten, hat jeder Protagonist so eine „Laufmasche“, eine Besonderheit im Leben, einen Fetisch, einen inspirierenden Fehler. Dabei stellen wir in ihrem Buch keine Behinderungen vor, es ist also kein Buch über Behinderungen, aber Jennifer Sonntag meint: „Ich habe eben als Blinde, als Autorin mit kleiner Laufmasche, aus meinem Kopfkino heraus geschrieben und somit eröffnet es wieder eine ganz andere Sichtweise. Ich wünsche mir, dass Frauen mit Behinderung als sinnliche Menschen wahrgenommen werden, die erotisch denken, schreiben, handeln und vielleicht sogar nicht behinderte Leser inspirieren.“

In der „Blind-Galerie“ auf der Seite www.Liebe-mit-Laufmaschen.de finden Sie auch die barrierefreien erotischen Zeichnungen, die Jünnifer Sonntag mit ihrem Partner entwickelt hat. Auch hier möchte sie zeigen, dass „blinde Flächen“ viel Raum für Fantasie bieten und man aus seinem Kopf heraus durchaus auch im erotischen Sinne kreativ werden kann.

Links:

Kurzfilm „Nimm mich“ auf ARTE

In der Sendung KurzSchluss von ARTE, in der internationale Kurzfilme gezeigt werden, geht es diese Woche um Menschen mit ‪‎Behinderung‬. Ab heute seht ihr den kanadischen Kurzfilm „Nimm mich“ von Anaïs Barbeau-Lavalette und André Turpin.

Seit kurzer Zeit arbeitet Mani als Pfleger in einem Behindertenheim. Dort kümmert er sich um die Bedürfnisse der Bewohner wie etwa die tägliche Körperpflege. Es gehört aber auch zu seinen Aufgaben, die Bewohner im sogenannten „Intimitätszimmer“ zu betreuen, in dem sie Sex haben können. Die Situation und die ihm auferlegten Aufgaben sind ihm mehr als unangenehm, und er bittet um ein Gespräch mit seiner Vorgesetzten…

Während ihrer Recherchen zu einem anderen Filmprojekt stießen die Filmemacher Anaïs Barbeau-Lavalette und André Turpin auf das Pilotprojekt einer Langzeit-Betreuungseinrichtung für Behinderte. Im sogenannten „Intimitätszimmer“ können die Bewohner in einem betreuten Rahmen Sex haben – was ihnen in anderen Einrichtungen oft verwehrt wird.

Der Trailer zum Kurzfilm mutet etwas seltsam an. Gerade der Pfleger in seinem OP-Outfit wirkt für mich sehr steril, auch das ganze Ambiente macht auf mich leider einen etwas kalten Eindruck. Allerdings gibt es nach ersten Augenschein auch sehr erotische Szenen und die beiden Protagonisten sind offenbar tatsächlich behindert. Darüber hinaus ist es allein schon deshalb interessant, weil der Kurzfilm auf einem realen Pilotprojekt basieren. Ich bin auf jeden Fall gespannt.

Link zur Sendung auf ARTE: „Nimm mich“ von Anaïs Barbeau-Lavalette und André Turpin

UPDATË: Inzwischen habe ich den Kurzfilm gesehen und der erste Eindruck aus dem Trailer hat sich bestätigt. Die erotischen Szenen mit den beiden tatsächlich behinderten Protagonisten waren sehr authentisch, Setting und Ambiente aber steril, deprimierend und krankenhausartig – was durchaus gewollt sein kann und auch leider oftmals die Realität in Heimen entspricht. Der Zwiespalt, in dem der Pfleger stärkste wurde auch sehr realistisch rüber gebracht.Was ich nicht ganz schlüssig fand, war, warum die beiden Protagonisten überhaupt Heimbewohner waren. Immerhin schienen sie doch auch in der Lage, ihr Leben mittels persönlicher Assistent selbstbestimmt zu führen. In einer eigenen Wohnung wäre sicherlich auch kein Intimitätszimmer notwendig.

Autoren- und Medienbüro: „Sex ist für Hawking einfacher als für einen Querschnittsgelähmten“

Der Titel mag etwas provokant und vielleicht verkürzt erscheinen, aber der Text ist super geworden. Meine Freundin und ich haben den Film zur Biografie von Steven Hawkings Frau Jane gesehen und Karoline Walter vom Autoren- und Medienbüro ein Interview gegeben. Die Autorin schreibt:

Den Oscar für den besten Hauptdarsteller bekam „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ Ende Februar. Der Film zeigt die Liebe des britischen Physikers Stephen Hawking und seiner langjährigen Ehefrau Jane. Eine seiner Botschaften: Auch mit einer schweren Behinderung kann man ein aktives Sexualleben haben. So wie Christian Bayerlein.

Link zum Originalpost: „Sex ist für Hawking einfacher als für einen Querschnittsgelähmten“

Ignorieren wir die sexuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung?

„The Telegraph“, eine Zeitung aus England stellt die Frage, ob wir – also die Gesellschaft – die sexuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung ignorieren. Angeregt wurde dieses Thema durch ein neu erschienenes Buch „Supporting Disabled People with their Sexual Lives“. Das Buch richtet sich an Assistenten / Betreuer / Helfer von Menschen mit Behinderung und gibt Ratschläge, wie das Thema „Sexualität und Behinderung“ angesprochen und behandelt werden kann.

Das Buch deckt eine Reihe von Themen ab

Themen des Buches sind unter anderem der Umgang mit körperlichen Grenzen und limitierter Bewegungsfähigkeit oder die Angebote sexueller Assistenz und deren rechtliche Grundlagen (bezogen auf Großbritannien). Das Buch will mit Spaß und Genuss den Weg zum Erleben der eigenen Sexualität erleichtern. Es gibt praktische Tipps zum Thema Selbstbefriedigung, Zufriedenheit mit dem eigenen Körper, Partnersuche und Beziehung.

Das Buch möchte auch mit dem weit verbreiteten Vorurteil aufräumen, dass Menschen mit Behinderung keine Sexualität erleben wollen und können. Dieses Thema wurde unter anderem 2013 im Kinofilm „The Sessions – Wenn Worte berühren“ aufgegriffen.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, der von Mark O’Brien aus Amerika. Er litt an Polio und war einer der ersten Menschen mit Behinderung, der über seine Erfahrung mit Sexualassistenz bzw. in seinem Fall mit einer Sexualtherapeutin in einem Buch berichtete.

SeS

„The Telegraph“ fragt die Autorin des oben genannten Buches, ob sich denn seit dem Tod von O’Brien im Jahr 1999 der Umgang mit dem Thema „Sexualität und Behinderung“ in unserer Gesellschaft geändert hätte. Die Autorin verneint das und sagt, dass in den 60er Jahren Sex mit Behinderten gar kein großes Thema gewesen wäre, sondern einfach eine von vielen Möglichkeiten, Sex zu haben. Heutzutage, so spricht sie weiter, ginge es mehr um darum, einen Partner oder Partnerin zu finden die erfolgreich ist, viel Geld hat und gut aussieht – offensichtlich, weil man andere Leute damit beeindrucken will. Deshalb also, ist die Einstellung heute vielleicht sogar „schlimmer“ als damals.

Gerade auch im Bereich der Menschen mit Lern- oder geistigen Behinderungen sind Angehörige und Institutionen häufig noch sehr übervorsichtig wenn es um das Thema „Sexualität“ geht. Deshalb, so schließt der Artikel, sei das Buch „Supporting Disabled People with their Sexual Lives“ doch wohl ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Menschen mit Behinderung im Bordell

Die kurze Dokumentation „Im Rollstuhl ins Bordell“

aus der Sendung „Aspekte“  zeigt den Engländer Asta Philpot, der im wahren Leben mit seinen Eltern und zwei weiteren Männern mit Behinderung in ein spanisches Bordell fuhr um dort zum ersten Mal im Leben Sex zu haben. Die original Dokumentation der BBC mit dem Titel „One night only“, die darüber entstanden ist, gibt es in englischer Sprache zum Beispiel hier.

Basierend auf dieser Geschichte ist auch ein toller Kinofilm mit dem Titel „Hast la Vista“ entstanden. Dafür wurde die Story zwar ein wenig verändert, heraus kommt aber dennoch ein toller Film zum Lachen und Weinen!

Asta Philpot ist auch immer noch ein großer Kämpfer für gleiche Rechte, gerade wenn es um Behinderung und Sexualität geht. Wir werden hier sicher immer mal wieder was von ihm berichten. Jetzt

 

 

Rezension: „(W)hole“ und „Breath(e)“ von Ruth Madison

Als ich eines Nachmittags bei Amazon das Suchwort „wheelchair“ eingab, traf ich überraschend auf Ruth Madisons „(W)hole“. Mit „(W)hole“ und „Breath(e)“ hat die Autorin zwei aufeinander aufbauende Romane geschrieben, deren Thematik in der Literatur bisher vermutlich einzigartig ist. Die Leseprobe zeigte mir sofort, dass ich dieses Buch haben musste. Noch nie habe ich mich mit einer Protagonistin in diesem Maße identifizieren können. Das Buch war schnell bestellt und innerhalb einer schlaflosen Nacht verschlungen.
Die Protagonistin Elizabeth ist eine scheinbar gewöhnliche, eher zurückhaltende Heranwachsende, die ein großes Geheimnis hütet: Körperliche Behinderungen bei Männern sind für sie sexuell erregend. Trotz ihrer daraus erwachsenen Schuldgefühle und fruchtlosen Unterdrückungsversuche ihrer Sexualität sammelt Elizabeth seit ihrer Kindheit Filme und Bilder, auf denen behinderte Männer zu sehen sind und nutzt diese zur Selbstbefriedigung. Als ihr zweimal hintereinander derselbe attraktive Paraplegiker begegnet, tut sie alles dafür, diesen Mann kennen zu lernen, und geht bald darauf ihre erste Beziehung mit ihm ein. Nach rund 200 Seiten der Dramatik und des Selbsthasses kann Elizabeth ihre sexuelle Neigung endlich ohne Schuldgefühle anerkennen.

Während ich im Gegensatz zu Elizabeth nie von Schuldgefühlen geplagt wurde, stimmen meine Sexualität und meine Fantasien in überwältigendem Umfang mit den ihren überein. Ich beneidete die fiktive Person um ihren Freund. Zwar basiert Elizabeth lose auf Ruth Madison selbst, jedoch ist der Roman keineswegs autobiographischer Natur, sondern entspricht den jugendlichen Wunschträumen der Autorin. Es wäre doch auch zu schön, um wahr zu sein! Wer hat schon besonders viele behinderte Männer in seinem Umfeld, die zusätzlich etwa derselben Altersklasse angehören, für einen attrativ und sympathisch sind und auch noch Interessen mit einem teilen? Die Auswahl an Männern für Frauen wie uns ist gering. Mir war klar, dass ich ihn nur online finden würde.

In „Breath(e)“, der Fortsetzung von „(W)hole“, versucht Elizabeth nach Ende ihrer ersten Beziehung, einen neuen behinderten Mann kennen zu lernen. Beim Online-Dating kann sie leider keinerlei Erfolgserlebnisse verbuchen. Da habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht, aber vielleicht hatte ich nur unverschämtes Glück.

„Scarlet Road“ – Eine Sexarbeiterin engagiert sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung

Rachel Wotton, eine Sexarbeiterin aus Australien, die sich unter anderem für die Rechte von Sexarbeiter_innen einsetzt, ist eine beeindruckende Frau mit sehr viel Idealismus. Der Film „Scarlet Road“ – den es soweit bekannt bisher leider nur auf Englisch gibt – zeigt Ihr Engagement im Bereich Sexualität und Behinderung.

Sie hat unter anderem die Organisation Touching Base gegründet, die Sexarbeiter_innen und Sexualbegleiter_innen an Menschen mit Behinderung vermittelt. Rachel Wotton ist davon überzeugt, dass Intimität und Berührung für jeden Menschen wichtig ist und sie setzt sich dafür ein, diese Erfahrung nicht zuletzt auch Menschen mit Behinderung zu ermöglichen.

Ein toller und mitreissender Film, und man kann sich nur wünschen, dass Ähnliches auch bald hierzulande möglich sein wird.

Ruth Madison: Devo Träume

Ruth Madison ist eine amerikanische Autorin, die sich mit dem Thema Behinderung und Erotik In belletristischer Form beschäftigt. Auf Englisch hat sie schon einige Bücher herausgebracht, jetzt ist die erste Übersetzung eines Buches auf Deutsch herausgekommen. Es ist als E-Book für den Kindle erhältlich.

leider gibt es nicht genug Romane mit Charakteren, die eine Behinderung haben. Ruth Madison schließt endlich diese Lücke.

Nach jahrelangem durchkämmen von verstaubten Bücherregalen in Bibliotheken und der Suche nach ihrem schwer fassbaren, unperfekten Helden, begann sie, ihre eigenen Geschichten zu schreiben.

Madixons romantische Geschichten sind voll von verwundeten Helden: Männer, die körperlich durch das Leben herausgefordert sind, aber nicht geschlagen wurden. Diese Männer überwinden die Schwierigkeiten von Amputationen, Lähmung oder Cerebralparese, um Akzeptanz und Glück zu finden – und Heldinnen, die sie genauso lieben, wie sie sind.

DEVO Träume ist eine Sammlung von vier erotischen Kurzgeschichten mit behinderten Protagonisten.

Link zu Amazon: http://www.amazon.de/DEVO-Tr%C3%A4ume-Ruth-Madison-ebook/dp/B00769JUAE/ref=la_B004FVNL3S_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1405371373&sr=1-1