Frag eine Devotine – Teil 2

Letzte Woche begannen wir mit unserer neuen Serie „Frag eine Devotine“. Heute folgt das zweite Interview. Diesmal hat sich Linda (Name wieder geändert) von uns befragen lassen.

Seit wann weißt du von deiner Attraktion? Wie bist du damit umgegangen? Hat sich deine Einstellung dazu geändert, als du herausfandest, dass das Kind einen Namen hat?

Schon mit zwei Jahren war ich auf eine seltsame Weise fasziniert von medizinischen Dingen, habe das aber immer strikt für mich behalten. All meine Kindheitsfantasien drehten sich darum. In meiner frühen Jugend begriff ich, dass körperliche Einschränkungen mich sexuell erregen. Dass es einen Namen dafür gibt, fand ich erst Jahre später heraus. Ich würde nicht sagen, dass sich meine Einstellung dazu dadurch geändert hat, aber ich habe Kontakt zu anderen Devotees aufgenommen. Es ist toll, sich mit anderen darüber austauschen zu können, die eine sehr ähnliche Attraktion haben.

Bist du auf eine bestimmte Behinderung fixiert oder geht es dir nur darum, dass eine Einschränkung vorhanden ist? Oder ist das komplizierter? Spielt der Grad der Behinderung eine Rolle?

Ich würde nicht sagen, dass ich auf eine bestimmte Behinderung fixiert bin. Auch auf einen Grad der Behinderung will ich mich nicht festlegen, alles hat seine Reize. Zwar gibt es Behinderungen, die ich i.A. attraktiver finde als andere, aber meine Attraktion ist sehr dehnbar und flexibel. Es geht eher darum, dass ein behinderter Mann ein gewisses Etwas hat. Ich kann das nicht näher beschreiben, es ist wie eine Aura, die ihn umgibt.

Hast du anderen Menschen aus deinem Umfeld von deiner Neigung erzählt? Wie haben sie reagiert?

Ja, einigen wenigen. Manche haben es nicht richtig verstanden, andere hatten kein Problem damit. Bisher schien sich niemand übermäßig dafür zu interessieren.

Glaubst du, du könntest mit einem nichtbehinderten Mann glücklich und sexuell erfüllt sein?

Ich bin mir nicht sicher, da ich diesbezüglich zu wenig Erfahrung habe. Ich denke, mit einem Mann, bei dem die Chemie perfekt stimmt und der vielleicht irgendein interessantes Merkmal hat, könnte es klappen.

Hast du an einen behinderten Mann bei der Partnerwahl niedrigere Erwartungen, weil er ja diese eine Kompatibilitätseigenschaft schon erfüllt? Sind Männer für dich attraktiv, allein durch eine Behinderung oder wenn sie sich in einen Rollstuhl setzen, oder müssen da mehr Faktoren zusammenkommen?

Nein, meine Erwartungen bleiben trotz Behinderung hoch. In erster Linie muss die Chemie stimmen. Tasächlich kämen die wenigsten behinderten Männer für mich als Partner in Frage. Es ist vielmehr so, dass eine Behinderung einen nach meinem ausgefallenen Geschmack attraktiven Mann für mich attraktiver macht. Auch neben der Behinderung habe ich viele Präferenzen für körperliche Merkmale, die mehr oder weniger erfüllt sein müssen. Für eine langfristige Beziehung muss mir seine Persönlichkeit zusagen, ich muss mich gut mit ihm unterhalten können sowie Interessen und bis zu einem Grad die Weltanschauung teilen.

Bist oder warst du schon in Beziehungen mit behinderten Männern? Entspricht die Realität deinen Erwartungen und Wünschen, die du an den Sex und das Zusammenleben hattest? Wie hat dein Umfeld auf die Beziehung reagiert? Welchen Vorurteilen bist du begegnet? Gibt es Aspekte der Beziehung, die dich stören und die durch die Behinderung verursacht werden?

Ja, bin ich. Komischerweise hatte ich gar keine detaillierten Erwartungen an eine solche Beziehung, aber es gab keine großen Überraschungen. Insgesamt stelle ich immer wieder fest, wie glücklich ich mit ihm bin, aber das liegt bei Weitem nicht nur an seiner Behinderung.

Die Reaktionen aus meinem Umfeld fielen unterschiedlich aus. Wenige waren schockiert, die meisten sagten nichts weiter dazu. Manche bezeichneten mich als bewundernswert, was ich überhaupt nicht mag, denn ich schätze mich sehr glücklich, mit diesem Mann zusammen zu sein, sodass es eher verwunderlich wäre, wenn ich nicht mit ihm zusammen sein wollte. Wüssten sie über meine Neigung, schlüge die Bewunderung womöglich in Verachtung um. Ich wünschte, wir könnten einfach als glückliches Paar angesehen werden, weiter nichts.

Ich habe mitbekommen, dass sich einige Leute fragen, ob wir Sex haben. Oft trauen sie sich aber leider nicht, mich direkt zu fragen. Manche nahmen an, unser Sexleben müsse ziemlichbegrenzt und eintönig sein. Als ich genauer davon erzählte, erschien ihnen ihr eigenes Sexleben auf einmal ziemlich unkreativ und langweilig. Viele scheinen auch völlig unbegründete Berührungsängste und Befürchtungen zu haben, weshalb sie eine Beziehung mit einem behinderten Mann nicht „wagen“ würden. Sie scheinen zu glauben, Behinderung gehe mit Zerbrechlichkeit und Hypersensibilität einher, sodass man den Betreffenden lieber nicht anfassen und ja nichts Falsches zu ihm sagen dürfe. Zum Glück widerlegt mein Freund solche Vorurteile ganz schnell. Und es ist auch entgegen der Annahme mancher Leute nicht „schwer“, mit ihm zusammen zu sein und Dinge zu unternehmen, die andere Paare auch tun. Dass wir gelegentlich etwas improvisieren und mehr planen müssen, macht unsere Beziehung spannend und abwechslungsreich.

Gerade die Vorurteile anderer gegenüber Behinderungen sind einer der wenigen Aspekte, die mich stören. Ich denke leider auch, je mehr der Mann auf Assistenz anderer Menschen angewiesen ist, desto schwieriger ist es für mich, damit zurechtzukommen. Auch wenn die Assistenz nur Anweisungen folgen soll, sind das ja immer noch Menschen mit eigenem Willen, den sie einem unter Umständen aufdrängen wollen. Zudem sind sie nicht unbedingt zuverlässig. Ich bin gerne selbstbestimmt und brauche meine Privatsphäre. Auch manche Freizeitaktivitäten kann ich mit meinem Freund nur unter großem Aufwand oder überhaupt nicht teilen. Hätte man für jede erdenkliche Situation einen speziellen Rollstuhl oder ein Hilfsmittel, ginge das vielleicht, aber diese Hilfsmittel sind viel zu teuer. Gleichzeitig sehe ich diesen Nachteil aber auch als einen Vorteil, da ich gerne plane und nach kreativen, egal wie umständlichen Alternativen suche, wie man der Freizeitbeschäftigung dann doch noch irgendwie nachgehen kann.

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Über thalon

Mein Name ist Chris, ich habe spinale Muskelathrophie und von Beruf her bin ich Informatiker. Sexualität ist ein wichtiges Thema für mich und ich genieße Körperlichkeit sehr. Ich bin sehr im reinen mit mir und meinem Körper und offen für schöne Begegnungen.

Ein Gedanke zu „Frag eine Devotine – Teil 2

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