Thesen und Dialog zu Sex und Behinderung

Ich war im Oktober 2015 als Referent eingeladen, über das Thema Sexualität und Behinderung zu sprechen. Bei der Veranstaltung führten wir eine offene Diskussion in kleiner Runde. Dieser Post zeigt schlaglichtartige Ausschnitte der Gespräche, bei Themen und Thesen, die mir besonders interessant oder wichtig erscheinen. Sie wurden aus Gründen der Besseren Lesbarkeit überarbeitet und neu zusammen gewebt. Zur Wahrung der Anonymität habe ich die Namen geändert.

Wir kamen relativ schnell auf das Thema “Mythen und Vorurteile”, was ich hier als erstes beleuchten möchte.

Julia Ich wurde mal im Internat mal bloßgestellt. Mein damaliger Freund, der auch selbst ein Handicap hatte, nur nicht so stark wie ich, der konnte mich eigentlich ganz normal unterstützen. Aber andere Mädels haben gesagt „Aber was willste denn mit der? Die kann sich ja noch nicht mal selber den Hintern abwischen.“ Und dann war die Beziehung passé. „Die nutzt dich ja nur aus und schikaniert dich rum.“ Weil ich halt gewisse Dinge nicht alleine kann.

David: Ich muss über diese Situation lachen, weil ich ganz klar sag, das ist der Neid. Ich kenne das auch selbst. Ich bin ja hoch aktiv, ich bin zwar hochgradig gelähmt, aber ich gehe auch in Diskos und das ist genau der Punkt, wo ich schon so oft erlebt habe, auf der Tanzfläche beobachtet zu werden. Wenn ich da mit Frauen tanze,  flirte, oder mich mit denen unterhalte, wie auch immer. Da bekommt man Blicke zugeworfen, so „Was will die denn von dem behinderten Idioten?“ In der Anfangszeit hat es mich auch gestört, da ich natürlich auch auffalle. Meine Reaktionen waren damals entsprechend. „Was willst‘n du Idiot? Hast du nichts Besseres zu tun als mir da gerade blöd zuzugucken?“ Heute denke ich „Scheiß drauf.“ Und dann lache ich. „Wollen sie vielleicht zuschauen? Kommen sie her!“

Christian: Ich glaube, dass ist auch wirklich teilweise ein Problem. Ich meine, uns Behinderten ist es klar und wir können auch mittlerweile ganz gut damit umgehen, einfach aus der Erfahrung heraus, aber gerade für die Anderen, für die Partner, ist es schon teilweise schwierig, den Rechtfertigungsdruck auszuhalten. Ich glaube, das ist manchmal schon belastend für eine Beziehung.

Bernd: Ich glaube nicht, dass es spezifisch nur bei Behinderten so ist. Vielleicht wird es so empfunden. Aber ich glaube, Das geht auch anderen so.

David: Aber bei uns augenscheinlich einfacher einen einfachen Haken zu finden nach dem Motto „Was willst’n du mit sowas Behinderten?“

Christian: Meiner Meinung nach ist es aber nicht nur Neid, denn das Unverständnis kommt ja auch oft von Leuten, die gar keinen Grund zum Neid haben, z.B. bei Eltern. Ich habe beispielsweise bei meiner ersten Freundin die Erfahrung gemacht, dass die Eltern mich nie akzeptierten. Die haben es immer so dargestellt, als wäre ich ein guter Freund, was mich verletzte. Das war kein Neid, weil ich ja kein Konkurrenzverhältnis zu den Eltern hatte. Es war einfach nur Unverständnis und eine falsche Einschätzung, aufgrund von Mythen, Unwissenheit und Ähnlichem.

David Die Ausgrenzung, ja. Das geht so weit „Was denkt denn mein Umfeld darüber?“, das stimmt schon. Und falsche Vorstellungen gibt es häufig. Ich bin oft bei Seminaren, wo ich über das Thema Sexualität und Behinderung spreche. Da glaubt man mir oft nicht, dass ich trotz meines kompletten Querschnitts noch Kinder kriegen kann. Viele Menschen fragen sich “Kann der überhaupt Sex haben, wie funktioniert das überhaupt bei dem?” Außerdem verbreitet ist auch das Denken in der Gesellschaft „Wenn der ihr ein Kind macht oder sie nen Kind macht, da kommt bestimmt ein Rollstuhlkind bei raus.“

Julia: Der kleine Rollstuhl kommt gleich mit.

David: Spaß beiseite. Das Denken ist verbreitet: “Wenn behinderte Menschen Sexualität leben und die Frau wird schwanger, dann gibt’s auch gleich nen behindertes Kind und das können wir in der Gesellschaft ja gar nicht brauchen. Wir haben ja genügend behinderte Menschen, die ja so wie so nur ne Belastung für uns sind”

Julia: Ja, aber der Mythos, dass behinderte Menschen keinen Sex haben könnten erstreckt sich ja durchaus auch auf die Frau. Aber warum sollte die Frau nicht können können? Es sei denn jemand hätte Bedenken was kaputt zu machen oder so. Aber als behinderte Frau wirste dennuch gefragt „Könntest du überhaupt?“ Himmel, warum soll ich nicht können?

Christian: Ich glaube das ist relativ geschlechtsunabhängig. Vielleicht ist es als Frau noch schwieriger, weil als Frau noch höhere Schönheitsideale angelegt werden als an einen Mann.

David: Was das angeht, hatte ich heute Morgen erst eine Diskussion gehabt, was an Geld in der plastischen Chirurgie steckt, weil einfach ein Gesundheitsideal oder Schönheitsideal in der Gesellschaft suggeriert wird „Du brauchst Doppel D Oberweite, du brauchst genau eine Westentaille, dieses, jenes – und ess muss genau exakt symmetrisch sein.”

Christian: Und auch Selbstoptimierung. Immer mehr Leistung.

David: Dabei sind solche Ideale ein gesellschaftlich-kulturelles Phänomen: beleibte Menschen waren früher Sexsymbol. Weil sie einfach als Reichtum galten, als wohlhabend. Deswegen waren die damals attraktiv.

Christian: Was ideale angeht, hängt meiner Erfahrung nach die Hemmung, eine Partnerschaft mit einem behinderten Menschen einzugehen, oft damit zusammen, dass man eine zu hohe Erwartung an Partnerschaft allgemein hat. Das Bild ist, dass man bis ans Lebensende mit jemanden zusammen bleiben will und nur mit diesem einen Menschen. Dann kommt vielleicht zuerst der Gedanke „Oh, mit dem Behinderten – will ich das? Nee, das vielleicht dann doch nicht.“ Viele haben Angst vor dieser gesellschaftlich geprägten Bild, dass es „Der jetzt sein muss.“  Aber wenn man erst mal den Druck raus nimmt und ein bisschen offener bleibt, kann man  Möglichkeiten schaffen, um die Beziehung erst mal zu entwickeln. Man sollte Partnerschaft so gestalten, dass sie harmonisch ist und es machbar erscheint.

Außerdem sind Selbstbewusstsein und eine positive Selbstwahrnehmung für Partnerschatün und ein erfülltes Sexualleben ganz wichtig. Das ist es ein Punkt, wo Sexualbegleitung über einen gewissen Punkt hinweg helfen kann – zum Beispiel, dass man sich selber auch wieder attraktiv fühlt. Für mich persönlich hat es eben den absoluten Klick gegeben, als ich mich mit dem Thema Devotees beziehungsweise Amelos beschäftigt habe. Also, Leute, die Behinderung als sexuelle Neigung haben und dies Anziehend finden. In dem Zusammenhang habe ich das erste Mal erlebt, dass es ein ganz anderes Bild gibt, was wir Behinderte bei denen haben. Ich als attraktive Person. Eben wie manche Leute auf Rothaarige oder große Brüste stehen oder was weiß ich, stehen die eben auf Behinderte. Und da habe ich so zu sagen einen Marktvorteil. Das zu spüren hat mit mir und meinem persönlichen Selbstbewusstsein ganz viel gemacht. Natürlich kann man überlegen, dass wenn es extrem wird, dass man dann vielleicht nur als Sexualobjekt gesehen werden könnte; aber bei den Devotinen, die ich kennengelernt habe ist es definitiv nicht so. Die sehen mich als Ganzes an, in meiner kompletten Persönlichkeit.

David: Das sehe ich auch so: bewusst die Person sehen, nicht den Fetisch. Aber gilt auch bei “Normalen”: Ich muss die Person sehen, nicht nur Titten oder das Becken, weil es gebärfreudig ist, sondern mit ihr zusammen einen Weg gehen wollen. Dazu gehört natürlich auch das Zwischenmenschliche – genauso wie die Sexualität.

Christian: Natürlich. Wichtig ist dabei auch, dass jeder sich mit sich selber und seinen Bedürfnissen auseinander setzen sollte: Zu erforschen, was will ich denn, was ist mir wichtig? Und nicht zum Beispiel Monogam ist, oder was auch immer, nur weil das gesellschaftliche Forderung oder kulturelle Norm ist. Das ist glaube ich was, wo ganz viele Leute einfach das machen, was jeder macht. Und ich glaube gerade wir behinderten Menschen haben den Vorteil, dass wir so wie so sehr stark über unsere Bedürfnisse nachdenken und reflektieren müssen und wir das eben gewöhnt sind.

David: Ich sage es ganz krass: Ich glaube etwas Besseres hätte mir nicht passieren können, als im Rollstuhl zu landen. Weil ich habe so einen anderen Blick auf viele Sachen, was Sexualität, was das Leben betrifft. Diese Erfahrung habe ich gewonnen. Ich muss andere Werte leben, ich muss mich ganz anders mit vielen Dingen auseinandersetzen. Deswegen finde ich einfach das Leben schön.

Bernd: Du hast es aber nicht immer so gesehen?

David: Ich bin relativ schnell dazu gekommen. Schon in der Rehaklinik hat die Stationsärztin mich zum Psychologen geschickt, weil sie es ganz komisch fand, dass ich schon nach einem halben, dreiviertel Jahr so gut drauf war: „Da stimmt irgendwas nicht.“ Man muss dazu sagen, ich hab eine bewegtes Leben hinter mir und ich war ein kleiner Gefahrenjunkie. Natürlich gab es nach meinem Unfall immer mal wieder so Phasen, die scheiße waren; gerade wo sich meine Exfrau andertalb Jahre nach dem Unfall von mir getrennt hat. Aber ich konnte mich da ganz gut fangen. Ich lege sehr großen Wert auf meine Selbstständigkeit.

Christian: Aber ist doch gut, dass du da so schnell wieder raus gekommen bist. Und deine Frau hat sich – wenn ich so dreist fragen darf – wegen der Behinderung dann nach dem Unfall getrennt?

David: Ja. Sie hat es zwar immer erklärt damit, ich hättemich so stark geändert, aber sie auch mal bisschen durch die Blume gesagt „Ich kann mir das eigentlich nicht so richtig vorstellen, nur Lecken und Ficken.“

Christian: Auch schade, oder? Das ist aber auch etwas, was weit verbreitet ist und wo auch noch viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden müsste. Eben, dass Sexualität nicht nur Möse und Schwanz bedeutet, sondern den ganzen Körper und dass da die Leute nicht so auf das eine Körperteile fixiert sind.

David: 95% der Frauen und 98% der Männer sind einfach nur blöd, weil sie genau im Großen und Ganzen das denken. Vor dem Unfall hat sich auch bei mir vieles darauf einfach fixiert. Jetzt hat sich das geändert Und ich frage hin und wieder in den Seminaren „Was ist Sex? Was ist das überhaupt? Was ist Sex? Wo fängt‘s an, wo hört‘s auf?“ Die Antworten sind ganz interessant: Die einen sagen „Das ist das Geschlecht, das weißt du doch, Geschlechtsverkehr.“ Ich entgegne dann: “Schon mal feuchte Träume gehabt? Mit Sicherheit oder? War da ein Partner oder eine Partnerin neben dran und hat da irgendetwas gemacht? Ist das kein Sex?” Sex ist nur eine Kopfsache und der Körper ist nur ein Werkzeug dazu.

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Über thalon

Mein Name ist Chris, ich habe spinale Muskelathrophie und von Beruf her bin ich Informatiker. Sexualität ist ein wichtiges Thema für mich und ich genieße Körperlichkeit sehr. Ich bin sehr im reinen mit mir und meinem Körper und offen für schöne Begegnungen.

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