Archiv der Kategorie: Fetisch

Der böse Amelo: Ein Blick auf die andere Seite

Ich bin eine Ameline: eine Frau, die mit einer sexuellen Vorliebe ausgestattet wurde, die mit einem großen Stigma behaftet ist. Dieser Beitrag ist aus meiner Perspektive geschrieben und erzählt von meiner Meinung und meinen Erfahrungen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Was das Amelosein genau bedeutet, ist in Diskussionen oft unklar. Wenn man nur zehn Minuten in eine Google-Suche investiert, stößt man auf mindestens fünf sich widersprechende Erklärungen. Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht: Amelos stehen auf Menschen mit körperlicher Behinderung. Und das beinhaltet ziemlich viel Konfliktpotential, denn unbefriedigte sexuelle Vorlieben bleiben ungern im stillen Kämmerlein. Aus diesem Grund findet man auch ziemlich viele Geschichten von behinderten Menschen, die Amelos begegnet sind. Und die wenigsten davon erzählen Positives.

Vor kurzem hat Amelie Ebner (Autorin des Buches „Willkommen im Erdgeschoss“) in einem Blogeintrag unter dem schönen Titel „Die fabelhafte Welt der Amelos“ von ihren Erfahrungen berichtet. Und die scheinen leider durchweg negativ zu sein. Es gibt zwei Hauptkritikpunkte, die in solchen Beiträgen und Diskussionen (denn Frau Ebner ist längst nicht die erste, die sich dazu äußert) meist zur Sprache kommen: das respektlose Verhalten von Amelos beim Annäherungsversuch und die Frage nach dem Motiv dieses Versuchs.

Meinungsäußerungen zum ersten Punkt sind leicht zu finden: Amelos bauen sich ein elaboriertes Lügennetz auf, verfolgen (im Glücksfall nur) Social-Media-Kanäle oder stehen (im schlimmsten Fall) als Stalker im echten Leben gleich mit dem Fernglas hinter der nächsten Gardine. Einige machen heimlich Bilder oder Filme, die dann auf einschlägigen Internetseiten wiedergefunden werden. Das ist eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte und nicht zu entschuldigen oder zu tolerieren. Das alles reicht schon aus, um mit Amelos nichts zu tun haben zu wollen. Aber hier – wie auch sonst häufig im Leben – gilt: Man sollte nicht gleich alle über einen Kamm scheren. Dieses Verhalten ist – so unverzeihlich es auch sein mag – sehr sichtbar und es ist leicht, durch die Fehler weniger das verheerende Urteil auf die gesamte Gruppe zu übertragen. Ich kann und möchte mich nicht mit so einem Bild von Amelos identifizieren. Ja, ich habe eine sexuelle Vorliebe für Menschen mit Behinderung. Das macht mich aber noch nicht zum Stalker.

Der zweite Punkt geht philosophisch etwas tiefer: Reduzieren Amelos den Menschen auf die Behinderung? Findet eine Objektifizierung statt? In einer Facebook-Diskussion zum Thema war zu lesen: „Eine Beziehung zu einem Amelo oder einer Ameline ist für Menschen mit Behinderung nur eine Notlösung, weil sie es schwerer haben, einen Partner zu finden.“ Das ist starker Tobak und ehrlich gesagt der verletzendere Punkt der Diskussion. Eher für die inneren Werte als die Optik geliebt werden zu wollen, ist ein verständlicher (wenn auch heutzutage gesellschaftlich unterrepräsentierter) Wunsch. Das heißt für Menschen mit Behinderung, dass der ausschlaggebende Faktor für den potentiellen Partner möglichst nicht die Behinderung sein sollte, sowohl im negativen (*trotz* der Behinderung) als auch im positiven (*wegen* der Behinderung) Sinn. In vielen Fällen ist jedoch erste Eindruck von einem Menschen ein optischer. Und oft hängt von dieser Einschätzung das weitere Vorgehen ab. Für eine gelungene Partnerschaft ist eine sexuelle Anziehung fast unerlässlich, wieso sollte dann nicht auch die Behinderung Ausgangspunkt dieser Anziehung sein? Wenn es beim äußeren Merkmal bleibt, reicht das Potential nicht weiter als bis zu einem One-Night-Stand. Wenn mehr dazukommt, wer weiß? Für mich (und wahrscheinlich die meisten anderen Menschen) ist die äußere Erscheinung nicht das alleinige oder wichtigste Merkmal eines potentiellen Partners.

Ich weiß, dass viele behinderte Frauen schlimme und teilweise traumatische Erfahrungen mit Amelos gemacht haben. Und da ist Frau Ebners Aufforderung zum „Überdenken des Verhaltens“ schon eine Untertreibung. Aber es gibt auch die entgegengesetzten Beispiele: Amelinen und Amelos, die keine wildfremden Menschen auf Facebook anschreiben. Die in glücklichen, ausgewogenen Beziehungen zu Menschen mit Behinderung sind. Die tagtäglich zusammen gegen die gesellschaftlichen Vorurteile („Du bist ja dann dein Leben lang seine Pflegerin!“) kämpfen und zeigen, dass Schönheit auch (und vor allem) außerhalb von Hochglanzmagazinen zu finden ist. Die den eher als asexuell wahrgenommenen behinderten Menschen und allen anderen zeigen: Du bist attraktiv! Die gemeinsam die Blicke der anderen aushalten und sich öffentlich als Paar bekennen. Die eine Familie gründen und allen Zweifeln der Mitmenschen zum Trotz Kinder großziehen, die mit einer toleranten und offenen Haltung durchs Leben gehen.

Mein Wunsch ist es, dass das Stigma, welches auf uns Amelos lastet, ein wenig aufgebrochen werden kann, indem wir uns durch solche positiven Beispiele definieren und uns von dem leider viel weiter verbreiteten Bild des unheimlichen, nur seine eigene Befriedigung im Sinn habenden Amelos verabschieden. Wachsamkeit ist gut und wichtig, aber lasst sie nicht den Blick auf die vielen Menschen trüben, die in den meisten Fällen tief verwurzelte Konflikte mit der eigenen Sexualität austragen. Angenommensein als Ameline, geschätzt als Mensch und geachtet als Partner: Diese Momente sind die tiefsten, schönsten Erfahrungen.

 

Ihr habt Fragen, Bemerkungen, Meinungen? Schreibt sie in die Kommentare. Ich beantworte gern alle Fragen :-).

Interviews zu Behinderung und sexuellen Vorlieben

Nachdem es in den letzten Monaten um kissability ziemlich ruhig geworden ist, möchte ich einige aktuelle Links und Informationen zum Anlass nehmen, dem Blog auch thematisch wieder etwas Leben einzuhauchen.

Vor vier Jahren gab es hier die Interviewserie „Frag eine Devotine“ (Teil 1, 2, 3 und 4) mit einigen der ersten öffentlichen deutschsprachigen Interviews zum Thema Devotees bzw. Amelotatismus. Obwohl das Phänomen der sexuellen Vorliebe für Menschen mit Behinderung ja eher eine Randerscheinung ist, sind die Diskussionen zum Thema meist von sehr gespaltenen Meinungen geprägt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass einige Diskussionsteilnehmer schon Erfahrungen mit Devotees gemacht haben, die nicht in allen Fällen positiv verliefen. Andere hingegen sehen die Vorliebe gleichgestellt zu sonstigen sexuellen Interessen oder freuen sich über Kontakte zu Devotees.

In den vergangenen Monaten sind zwei Interviews zum Thema erschienen, in denen Devotinen zu Wort kommen und mit teilweise heiklen Fragen konfrontiert werden. Alle, die sich schon immer mal ausführlicher damit beschäftigen wollten, finden dort einen guten Ansatzpunkt.

Der br hat die Devotine Marie und ihren querschnittsgelähmten Freund interviewt. Veröffentlicht wurden dazu das gekürzte Interview in schriftlicher Form und ein ausführlicher Podcast, in dem es vor allem in der ersten Hälfte auch Gespräche über Sexualität, Beziehungen und Behinderung allgemein gibt.

Podcast über Sex mit Behinderung und Interview mit Marie:
https://www.br.de/puls/programm/puls-radio/im-namen-der-hose-sex-mit-behinderung100.html

Interview mit Marie (gekürzt) zum Nachlesen:
https://www.br.de/puls/themen/leben/querschnittlaehmung-behinderung-sex-devotees-100.html

Ein weiteres Interview zum Thema haben Udo und Gerald von Normalo TV im Dezember mit mir, Anna, geführt. Dabei geht es u.a. um die gesellschaftliche Wahrnehmung und Akzeptanz von Beziehungen mit einem behinderten Partner und das Coming-Out als Devotine.

Interview von Normalo TV mit Anna:

Solche Berichterstattungen lassen aufgrund der strittigen Thematik ja viel Raum zu Meinungsäußerungen. In einem zukünftigen Blogeintrag würde ich gern auf einige der häufigsten Bedenken und Reaktionen eingehen und auch über die vielen negativen Beispiele sprechen, die in den beiden hier gezeigten Interviews keine Erwähnung finden. Dafür freue ich mich über Fragen und Meinungen in den Kommentaren!

Podiumsdiskussion zu Sexualität und Behinderung in Leipzig – Teil 2

Heute setzen wir nach einer kürzeren Pause die Dokumentation zur Podiumsdiskussion in Leipzig fort. Zum ersten Teil geht es hier.

Weiter geht’s:

Peter:

Es gibt da noch nen Arbeitskreis Sexualpädagogik in Leipzig und wir haben auch in den letzten Jahren Fachtagungen organisiert zum Thema Sexualität in Kitas und das waren ganz, ganz schnell die besorgten Eltern auf dem Plan. Es gibt auch Gegenwehr, das ist richtig, aber wir wollen dort immer wieder dran bleiben. Und nicht nur ich, sondern auch meine Kollegen merken, dass in diesem Bereich sich viel, viel öffnet. Und das finden wir auch toll und arbeiten sehr gerne mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, weil wir erleben, dass die sehr, sehr offen sind. Aber ich geh immer nach Haus mit vielen, vielen Fragen im Kopf wie ist das realisierbar, wie ist das machbar? Es gibt nach wie vor noch viel zu viel Hürden.

Aber ich seh noch eine Frage im Publikum.

Mann aus Publikum:

Ich stelle mir einfach die Frage ob es nicht wichtiger ist, viel klarer zu kommunizieren und auch die Sachen einfach genannt werden? Auch Sexualorgane benannt werden. Behinderte Menschen haben sie, nicht behinderte Menschen haben sie und da gibts inzwischen seh ich auch Kinderbücher schon die sehr klar in der Sprache vermitteln. Und das kenn ich aus meiner Kindheit zB. noch gar nicht. Und da seh ich schon eine Bewegung die in die Richtung geht, das ganze viel offener zu halten. Da bin ich vorsichtig optimistisch, dass sich noch vielleicht was gut wendet, wenn da auch die Sexualaufklärung bisschen mit ansetzt und das vielleicht begleitet.

Ich bin grad in einer ambulanten Einrichtung, die sowohl Behinderte als auch alte Menschen pflegt. Da wurde mir das so präsent, dass das was behinderte Menschen und auch andere Menschen erleben, auch alte Menschen erleben.

Zum Beispiel wird bei einem Pärchen in unserer Einrichtung immer um den heißen Brei herum geredet: natürlich haben sie Sex, aber das wird nicht so ausgesprochen. Es wird gesagt: Ja, er ist wieder bei ihr oben. Oder: sie ist halt wieder bei ihm. Es wird nicht gesagt: die treffen sich und haben Sex. Also niemand gibt es zu. Aber alle Menschen haben dieses Bedürfnis. So wird es aber schwierig, denn gerade Menschen, die es schwierig haben, sich auszudrücken, benötigen eine klare Kommunikation.

Auf jeden Fall find ich es super, dass es Sexualassistenz gibt. Weil da ja auch die Empathie in dem Masse, dann versucht diese Bedürfnisse herauszufinden und sich drauf einzulassen.

Stefanie:

Ich arbeite mehr im Bereich Alte, Pflegebedürftige und Menschen mit dementieller Erkrankung, als mit behinderten Menschen. Aber ich glaube dass der Alten- und Pflegebereich gerade von dem Behinderten-Bereich lernt. Da hat das Thema Sexualassistenz und Sexualität eine viel längere Tradition.

Und da sind auch Menschen viel stärker in die Öffentlichkeit getreten und haben ihre Rechte eingeklagt. Und so langsam, langsam, langsam fängt der Altenpflegebereich an da anzudocken. Und ebenfalls zu verstehen, dass Menschen tatsächlich ein Bedürfnis haben nach Sexualität von der Wiege bis zur Bare haben. Und dass die Begleitumstände keine Rolle spielen. Aber dass ein Leben in der Einrichtung, wie Christian gesagt hat, lusttötend ist: Das muss man sich wirklich vorstellen. Es sind Einrichtungen wo wir zunehmend in Einzelzimmern die standardisiert eingerichtet sind mit nem 80 cm breiten Bett, was höhenzustellbar ist, damit man gut pflegen kann, aber wo weitesgehend keine Privatsphäre ist, wo keine schummrige Atmosphäre geschaffen werden kann, wo morgens um 6 gewaschen wird, egal ob man nun fit ist und aufstehen will, wo es um 7 Uhr Frühstück gibt usw. Es ist völlig alles durchgetacktet. Und da werden wir alle mal hinkommen, wenn wir Pech haben.

Das ist jetzt keine Kritik am Personal solcher großen Organisationen – und der Anspruch lässt sich nicht anders regeln – aber da ist dann auch keine Zeit mehr für Freundschaft, erst recht wenn man dann auch noch krank und pflegebedürftig ist, also wo man auch mal zu anderen hingeführt werden müsste. Da ist keine Atmosphäre, wo Sinnlichkeit, Entwicklung oder Geselligkeit gefördert wird. Wo anfassen und liebevolles Umarmen schon schnell in die Richtung kommt, das ist übergriffig, das ist sexuelle Gewalt,wo insbesondere junges Personal nicht mit umgehen kann. Wenn da ein Herr über den Flur geht und sagt „ich will ficken“, dann denkt das Personal in erster Linie daran, der muss in eine andere Einrichtung, nicht „Was steckt für ein Bedürfnis dahinter?“. Da sind wir tatsächlich nicht geschult, und da glaub ich, sind wir auf dem kleinen Weg, da bin ich ebenfalls kleinbisschen optimistisch, dass sich diese Einrichtungen mehr und mehr anschauen, was in Behinderten-Einrichtungen passiert ist. Da gibt es bereits Sexualpädagogik, da gibt es Personal, was sich mit dem Thema auseinandersetzt und auch wirklich durch wortgewaltige Mitarbeiter und Bewohner damit konfrontiert wird. Immerhin kommt in die Altenpflegeeinrichtungen jetzt so langsam eine Generation, von der wir alle sagen, sie ist sexuell aktiv gewesen und sie hat die sexuelle Revolution miterlebt. Die werden sich nicht ohne weiteres mit du-du-du und „lass dass mal sein“ abschieben lassen…

Christian:

Ich habe vielleicht 2-3 Punkte im Kopf, die angesprochen worden sind und 2 Anekdoten zum Thema Tabuisierung.

Zum einen: man merkt daran, wie sehr das Thema Sexualität allgemein und Sexualität und Behinderung speziell tabuisiert wird und wie sehr es immer noch in die negative Seite gekehrt wird. Peter hat mich daran erinnert, dass ich Behinderten-Beauftragter war, und deswegen nicht mehr im Amt bin, weil ich mich öffentlich zum Thema Sexualität und Behinderung relativ explizit geäussert hab: weil ich das wichtig empfinde, einfach als aufklärerische Arbeit und der Stadtrat in Koblenz fand, dass das zu weit ging. Und genau das zeigt aber auch, wie wichtig es ist, das so zu machen. Ich bin sehr glücklich mit der Entscheidung, zu sagen „Ok, dann halt nicht, aber das Thema ist mir so wichtig.“

Und zum anderen dann eine persönliche Anekdote: Ich hab mit 25 meine erste Freundin kennen gelernt, mit der ich eine längere Beziehung hatte. Meine Mutter ist eigentlich sehr eng mit mir, sehr, sehr vertraut und kennt mich auch sehr, meinen Körper. Aber bei der Begegnung mit meiner Freundin – wir hatten dann mal Zeit miteinander, alleine und sassen zusammen – fragte meine Mutter meine Freundin, tatsächlich, wie es denn so wäre, mit einem Mann, mit dem sie keinen Sex haben könnte. Dann hat meine Freundin erst mal angefangen zu lachen und meinte1 „Wie meinst Du das, keinen Sex haben? Natürlich haben wir Sex!“ Meine Mutter hat angefangen zu weinen und meinte „Ach, wie schön, ich wusste nicht, dass das geht.“.

Also, ja, so irre ist es teilweise, obwohl man sich so nah ist. Familiär, trotzdem sind die Scheuklappen und die Tabus so gross. Weil da eben viel Unwissen herrscht, und deswegen muss man eben daran arbeiten, dass das Thema normalisiert wird, eben nicht hinter verschlossenen Türen gehalten wird und – es muss einfach in die Gesellschaft hineingetragen werden.

Dann zur Frage eben, mit der Normalisierung der Sprache, oder ob man nicht lieber explizit reden sollte, und welche Begriffe man da jetzt verwendet: Welche Begriffe würdest Du gern verwenden wollen? Ich glaube, dass es da ein ganz breites Spektrum was man da verwenden kann. Also, z. B. medizinisch korrekt Penis zu sagen. Natürlich ist es so abtörnend, warum sagt man nicht lieber Schwanz? Die Frage ist nicht einfach nur, welche Begriffe wir verwenden, sondern wie wir mit Sexualität generell umgehen?

Peter:

Also, das ist auf jeden Fall richtig. Ich mache manchmal mit Jugendlichen meinen Spass, man sollte hochwissenschaftlich reden, so nach dem Motto „Komm‘, Liebling, lass uns heute vaginal penetrieren“. Da lachen sie alle. Das find’ ich super, und es geht dann als erstes immer darum, eine gemeinsame Sprache zu finden. Also, die Jugendlichen dürfen alle Begriffe verwenden, die dürfen ficken sagen, die dürfen Schwanz sagen, die dürfen Fotze sagen – alles, um dann gemeinsam zu gucken, wie wir sprachlich miteinander arbeiten wollen. Welche Ebene wollen wir finden? Danach schauen wir uns an, wie es ist, wenn zwei sich mögen. Wenn die dort eine andere Sprache haben, die für beide ok ist, ist es super.

Stefanie:

Ich will mal gern auf die Frage antworten. Ich finde, dass jeder für sich Worte finden soll und kann, die ihn dann auch geil machen. Wenn ich jetzt Schwanz sage, dann sage ich Schwanz, wenn ich Penis sage, sage ich Penis. Ich kann Arschficken sagen, ich kann anale Penetration sagen, ich kann AV sagen, wenn ich’s unbedingt abkürzen muss. Ich kann auch sprachliche Vielfalt illustrieren. Ich weiß ja nicht, was er gut findet. Und wenn ich jetzt eben eher Oralverkehr sage oder „Ich möchte deinen Penis mit meinen Lippen liebkosen“, dann kann ich das auch so blumig ausdrücken, dann sag ich auch „Ich möchte dir einen blasen.“.

Peter:

Genau, genau darum geht’s. Aber, Christian, du hast noch was ganz, ganz wichtiges und tolles vorhin gesagt, und zwar das Beispiel mit deiner Mutter, und das war heute auch ein Thema, wie sag ich’s meinen Eltern, dass ich halt ein sexuelles Wesen bin, in einer Gruppe, in der Diakonie, und da haben auch 2 von den Teilnehmern gesagt, ‚hmmm, ich glaube ich traue mich das nicht zu sagen, und da gibt’s viele, viele Hemmnisse. Wir versuchen denen natürlich immer Mut zu machen, das auch zuhause anzusprechen, und werden da auch nicht Müde und da auch nicht nachlassen.

Frau aus Publikum:

Ich hätte noch eine Frage, und zwar an Christian Bayerlein: welche konkreten Forderungen hätten Sie an uns und an die Gesellschaft um die jetzige Situation von Menschen mit Behinderung zu verbessern?

Christian:

Inklusion bedeutet einfach, dass die Lebensentwürfe von behinderten Menschen potentiell genau dieselben sein können, wie die Lebensentwürfe von nichtbehinderten Menschen.

Alsop dass ich die gleichen Möglichkeiten habe, dass ich genauso ins Kino gehen kann, dass ich arbeite, genauso wie jeder andere, oder auch nicht, wenn ich nicht arbeiten möchte. Oder dass ich genauso einfach ne Wohnung in der Stadt oder auf dem Land finden kann, wie jeder andere auch, dass ich einkaufen kann wie jeder andere auch, eben dass ich keine Sonderwelt beziehe, sondern dass ich gleichberechtigt lebe in der Gemeinschaft. Dazu zählt meiner Meinung nach auch Partnerschaft. Wenn alle anderen Punkte abgearbeitet sind, da ist man dann, man kann gleich leben, gleich wohnen, gleich einkaufen, oftmals ist das Thema Partnerschaft und Sexualität trotzdem das, was immer außenvor bleibt. Doch das ist eigentlich die Basis und Essenz vom menschlichen Leben, denn jeder wünscht sich Liebe und Partnerschaft und Sexualität. Für mich wär da alles andere irgendwie ein bisschen sinnlos, wenn eben dieser Bereich nicht wäre. Aber das greift ineinander, denn immer wenn ich ganz normal im Alltag auftauche, kann’s auch zu einer Partnerschaft kommen. Damit ist die Inklusion perfekt. Was man dazu tun kann, ist, einfach die Scheuklappen abnehmen, ein bisschen offener werden, bisschen auf behinderte Menschen zugehen, kreativ sein, keine – oder zumindest weniger – Ängste haben. Das sind ganz schwierige Punkte – für den einen oder anderen erscheint es vielleicht schwierig, aber ich beisse nicht – oder, ich beiss’ nur dann, wenn ich beissen soll.

Peter:

Ja, Offenheit, das ist natürlich was ganz Wichtiges.

Stefanie, wenn die Menschen zu dir kommen, deine Dienste in Anspruch nehmen, ist ihnen das klar, das es nur ne kurze vereinbarte Geschichte ist, erzählen sie dir von ihren Wünschen in der Partnerschaft? Ich glaube schon.

Stefanie:

Dadurch, dass ich fast nur in Einrichtungen gehe, und irgend jemand, wenn es zu mehreren Besuchen kommt, bestimmt, in welchen Abständen ich kommen darf, entwickelt sich mehr als nur eine Geschäftsbeziehung, es entwickelt, es entwickelt Vertrautheit, es entwickelt sich auch…ganz oft die Vorstellung von einer Beziehung, es wir auch viel fantasiert in Richtung einer Beziehung, weil ich oft tatsächlich die einzige Person bin, die außer dem Pflegepersonal kommt. Das ist so, weil die Menschen die ich besuche keinen Kontakt zur Familie haben, weil in den Einrichtungen sich Freundschaften nicht entwickeln, oder weil seit dem Einzug in die Einrichtung Nachbarn und Freunde und Familienangehörige nicht mehr kommen.

Und da verschwimmt bei dem einen oder anderen Kunden und dem Verhältnis zu mir, tatsächlich auch das, was uns verbindet – es wird oft auch nicht mehr thematisiert, dass es Prostitution ist, dass ich dafür bezahlt werde. Sondern es ist dann eher so in die Richtung, ich bin eine Geliebte, wo auch die Wünsche der letzten 4 Wochen oder der letzten 3 Monate übertragen und dann ausgelebt werden.

Das ist problematisch, ja, aber ich sage mir, solange es nichts anderes gibt und ich kann nichts anderes organisieren, ist es mir dann lieber so, als wenn es gar nichts gibt. Und von meiner Seite unterstütze ich nicht die Fantasie, dass es eine Beziehung ist, aber ich werde schon oft in die Richtung angesprochen.
Publikum: Wie ist es wenn man in die Einrichtungen kommt, wer hat denn die größere Angst, das Personal, oder die Leute um die’s geht? Also Angst, ist ein ganz großer Begriff, aber ich denke, die Einrichtungen, die so eine Kooperation eingehen, dass sind ja schon die, die offen sind, die nicht an irgendwelchen…Socken hängen, selbst da ist es schon so verklemmter, in jeden Winkel zu spüren, könnt ich mir vorstellen.

Stefanie:

ja, die Einrichtungen rufen mich oft an, wenn jemand sexuell übergrifflich geworden ist – und dann bin ich so was wie die Erlösung, sprich, man kann auf mich verweisen, man kann sagen, ‚die S. kommt in 2 Wochen, jetzt lässt du mal die Pflegerin in Ruhe und gehst nicht mehr ins Bett von der Bewohnerin’ und es ist tatsächlich auch so, dass wenn ein Mensch eine erfüllte Sexualität hat und weiß, ich bin dafür zuständig, dann kanalisiert sich das auch auf meine Person und die Unruhe oder das, was sonst mit einem passieren kann und das was andere als übergrifflich bezeichnen, fällt tatsächlich weg. Aber es stimmt, Pflegepersonal macht ein ganz grosses Fragezeichen und sagt ‚Gottogottogott, wenn der sich in dich verliebt’.
This is problematic, yes, but tell myself, as long as there is nothing else, and

Ja und?! Welche Alternative gibt’s denn? Soll man denn auf Liebe verzichten?! Doch dann lieber verliebt sein in mich, wo ich alle 4 Wochen komme. Was von Wärme und Zuneigung gegeben ist. Sage ich.

Frau aus Publikum:

Also, ich hab selber 4-5 Jahre in einer Einrichtung gearbeitet mit um die 20-Jahre alten Männern mit Autismus, und ich war immer schockiert darüber, wie der Umgang war. Also, ich war immer ziemlich offen, wär jetzt nie so was eingegangen, weil ich das getrennt habe; ich bin hier Auszubildende und das sind meine Klienten, obwohl das durchaus sehr hübsche Männer waren – aber ich habe halt dann irgendwann in einer Team -Sitzung erwähnt, dass mich jemand angefasst hat und ich halt gesagt hab ‚Nein’, weil ich das wichtig fand, dass es alle wissen. War ein Riesen Aufschrei, ich musste zur Polizei, anzeigen, versuchen, eine forensische Einweisung zu bekommen. Man hat mich wirklich zur Polizei gegängelt. Auf der Wache habe ich begonnen mit „Ich möchte eigentlich gar keine Anzeige erstatten.“ Die Anzeige wurde trotzdem aufgenommen und habe dem Bewohner das auch erzählt und mich dafür bei ihm entschuldigt. Zum Glück hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Aber es hat mich wirklich super aufgeregt, dass mich jemand wirklich zur Polizei gängeln konnte. Dass ich dann auch so angsthandelnd bin und das ganze System so ist, hat mir sehr zu denken gegeben. Für mich sehr interessant zu erfahren, wie dann damit umgegangen wird. Auch wenn sich jemand selbst befriedigt und er oder sie verletzt sich dabei, dann kommt es vor, dass in einer Teamsitzung die Reaktion ist, dann müsse er sich mal richtig wehtun, damit sie die Medikamente hoch setzen können. Solche Reaktionen erleben dann in Teamsitzungen

Ich bin fast vom Stuhl gekippt, aber ich war in der Azubi- Rolle selber sehr untergebuttert und durfte nicht ausrasten. Und mittlerweile darf ich das mindestens, aber dass es das gibt, und Schweigepflicht usw., auch seinen Freunden nicht – aber es ist krass und es ist Alltag.

Christian:

Eine echt krasse Geschichte!

Stefanie:

Gut, dass Sie das ansprechen, weil wir alle darüber überlegen können, was neben uns passiert. Manchmal ist es auch ein Stück weit Normalität, jemanden anzufassen. Und auch wenn jemand an der Brust angefasst wird, muss man doch sehen Kontext sehen und was dahinter steckt – insbesondere, ob es wirklich übergriffig ist. Also, ich denke, wenn mich jemand an der Strasse an der Brust anfassen würde, würde ich dem eine ganz andere Bedeutung beimessen. Aber wenn das in der Einrichtung ist, wo ich weiss, der Herr hat ein ganz starkes sexuelles Bedürfnis und ich weiss, er fährt auf grosse Busen ab, dann sehe ich das als ein Bedürfnis von Nähe und Körperlichkeit, aber würde keine Übergrifflichkeit oder sexuelle Gewalt darin sehen.

Frau aus Publikum:

Alleine das Wort „übergriffig“. Ich meine, jemand, den ich jede zweite Schicht waschen muss, bin ich vielleicht als Pflegepersonal irgendwie nahe gehender, als wenn mich jemand besoffen in der Bushaltestelle oder in der Disko angrapscht. Da sag ich vielleicht, „Komm, hey, verpisst dich“ und dann bin ich fertig damit. Das ist von daher etwas einfacher. Aber das was passiert, ist ja erst mal dasselbe, so eine Kurzschlussreaktion „ich grapsch die mal an“. Warum kann man das dann in einer Einrichtung, wenn es das eine Mal ist, erst einmal es als genau das abtun? Warum muss dann gleich eskaliert werden?

Christian:

Was mir immer wieder auffällt, ist das Sexualität sehr oft als etwas abzuwehrendes dargestellt wird. Also in dem Fall, dass jemand ein sexuelles Bedürfnis hat oder einen sexuellen dreht sich die ganze Diskussion nur darum, wie man man es abstellen kann. Besser wäre doch, dieses Bedürfnis als etwas sehr wertvolles, sehr menschliches zu begreifen, und Wege zu suchen, wie man das erfüllt. Aber das ist allgemein in der Gesellschaft, das es erst negativ dargestellt wird. Ich glaube dass da auch mal die traditionelle katholische Sexualmoral einfach tief in vielen Menschen sitzt und eine ganz grosse Rolle spielt. Das eben da Ängste zum Vorschein kommen, die dann auch gefühlt werden. Ja und viele, viele Menschen sehen da auch immer nur wie sie das abwehren können. Das Thema ist dann immer schnell „sexuelle Gewalt muss verhütet werden“. Das ist natürlich auch sehr wichtig und man muss sexuelle Gewalt verhindern und auch Missbrauch ist eine ganz schlimme Sache. Aber es darf nicht sein, dass das alles andere überschattet.

Peter:

Ich möchte das Thema noch mal aufgreifen, weil wenn ich als Pflegekraft oder als Assistenz eingeteilt bin, und Menschen waschen muss, weil sie’s selber nicht machen können, z.B., und mich sonst niemand anfasst, dass es dann zu sexueller Erregung kommt. Also, ich könnte mir gut vorstellen, ich hätte da immer einen Ständer. Aber wie geht eine Pflegekraft damit um? Wo bekommt sie in irer Ausbildung irgendwas mit darüber? Es sind viele Fragen, nirgends findet was statt. Ein guter Freund von mir der auch jungen Menschen als Assistent begleitet, hat mir erzählt, eine Kollegin habe den nicht mehr gewaschen, weil der immer einen Ständer hat; Da wird unter der Decke gehoben und ein bisschen gesprüht.

Mann aus Publikum:

Zunächst einmal finde ich das unverantwortlich. „Ich sprüh mal so ein bisschen“… Ich kenn das auch, na ja Gott, dann hat er eben einen Ständer, dann kann man momentan halt mal nicy waschen. Ich finde, damit muss man einfach damit leben. Man kann das nicht verhindern, kann ja nicht meine körperliche Reaktion steuern.. Persönlich kenne ich das auch: Ich krieg auch manchmal in bestimmten Situationen eine Errektion und denk so „Hm, ist vielleicht nicht so passend jetzt, na gut, dann bleib ich mal sitzen.“

Peter:

Ja, aber die spannende Frage ist ja dann, wer befriedigt mich? Dann sitz ich ja mit meiner Erregung – und jetzt?

Frau aus Publikum:

Vielleicht ist es einfach mal die Befriedigung, ich eine Erektion haben darf und der andere das sieht und denkt „Ok, das ist jetzt so. Ich wasch erst mal an der anderen Stelle, um ihn nicht weiter zu erregen.“ Ich will ja auch den Menschen pflegen und nicht diese Grenze überschreiten. Oder sollte diese Grenze nicht überschreiten, vielleicht.

Peter:

Na ja, aber wenn ich das nicht selber kann, wer macht das dann? Das ist die Frage. Also, ich bleib dann irgendwo liegen/sitzen mit meiner Erregung und werde immer unzufriedener. Das kann unter Umständen Stress verursachen – für beide Seiten. Und da gibt’s aus meiner Sicht nicht wirklich ne Lösung. Damit will ich’s auch nicht stehen lassen, mit dem Vorwurf. Nicht so zum Abschluss bringen, unsere Diskussion. Vielleicht noch etwas Schönes, was Tolles, was ihr uns mit auf den Nachhauseweg mitgeben möchtet.

Stefanie:

Ich finde solche Veranstaltungen toll. Ich wünsche mir, dass Sie alle nachhause gehen und weiter diskutieren oder die Gelegenheit nutzen, die Idee fortzuentwickeln. Also nicht bei dem stehen bleiben was wir gesagt haben. Da geht noch viel mehr. …und haben sie viel Spass beim Sex.

Christian:

Ja, wir hatten eben herausgefunden, dass es dafür keine einfache Lösung gibt. Aber ich glaube es ist auch ein gutes Credo, einfach zu sagen, manchmal gibt’s keine einfache Lösung. es ist auch gut, dass es nicht ein pauschale Lösung für alle unterschiedlichen Menschen gibt. Denn unterschiedliche Probleme gibt’s,da müssen auch die Lösungen unterschiedlich und vielfältig sein.

Eine Lösung könnte auch sein, dass jeder schaut „Was ist meine Grenze, darf jemand auch mal näher an mich ran? Wo kann ich vielleicht ein Tabu brechen, was gerade gebrochen werden muss?“ Man muss sich nicht immer an gesellschaftliche Normen halten, wenn’s im intimen Bereich, zu zweit, eine individuelle Lösung findet. Wie auch immer die aussehen mag.

Da fordere ich euch alle raus, eure Grenzen auszutesten. Wie weit wollt ihr gehen? Was wollt ihr erleben? Seid offen!

Podiumsdiskussion zu Sexualität und Behinderung in Leipzig – Teil 1

Vor gut einem Monat war ich eingeladen bei der Cinématèque Leipzig, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Sexualität und Behinderung teilzunehmen. Zur Eröffnung der Veranstaltung wurde der Film „(K)ein besonderes Bedürfnis – a special need“ gezeigt.

Teilhabe am Leben ist ein Grundrecht aller Menschen und schließt auch das Recht auf selbstbestimmte Sexualität und damit die Realisierung der Bedürfnisse nach Nähe, Zärtlichkeit, Liebe, Sex und gelebter Partnerschaft ein – unabhängig von geistiger bzw. körperlicher Benachteiligung.
Der Dokumentarfilm „(K)ein besonderes Bedürfnis“ geht der Frage nach, ob Sex ein lebbarer Bestandteil der Inklusion ist. Der 29jährige Enea ist Autist*in, lebt in einem Heim und möchte endlich einmal Sex mit einer Frau haben. Seine besten Freund*innen Carlos und Alex begeben sich mit ihm auf eine abenteuerliche Reise durch halb Europa, um ihm seinen Traum zu erfüllen. Was als Expedition startet, an deren Ende der Abschied von Eneas „Jungfräulichkeit“ stehen sollte, entwickelt sich zu einer Reise in seine intimste Gefühlswelt und bringt die drei Freunde dazu, ihre (zunächst einseitigen und homophoben) Ansichten von Liebe, Freundschaft und Freiheit zu überdenken.
Der Film thematisiert vordergründig die sexuelle Assistenz als eine Möglichkeit, Nähe, Zärtlichkeit und Sex zu erleben, am Ende jedoch bleibt der Wunsch nach selbstbestimmter und gelebter Sexualität in einer Liebesbeziehung.

Im Anschluss gab es Podiumsdiskussion mit Stephanie Klee (diplomierte Sozialarbeiter*in, Verwaltungswirt*in und Sexarbeiter*in mit dem Schwerpunkt Sexualassistenz) und mir. Moderator war Peter Thürer, Sozialarbeiter*in und Sexualpädagog*in der AIDS-Hilfe Leipzig e.V.

Die Veranstaltung war Teil der Reihe „Mythos Freiheit: Körper“, in der sich kritisch mit dem Freiheitsbegriff in verschiedenen Kontexten auseinandergesetzt wurde.

Die Diskussion veröffentlichen ist hier als redaktionell überarbeitete, textliche Form in mehreren Teilen. Kommen wir also zum Teil 1:

Peter:

Herzlich willkommen zu unserer Podiumsdiskussion zu unserem Thema Sexualität und Behinderung. Mein Name ist Peter Thürer. Ich bin angestellt hier in Leipzig bei der Aids Hilfe als Sozialarbeiter und von Beruf Sexualpädagoge. Und neben den vielen typischen Dingen die ein Sozialarbeiter halt bei der Aids Hilfe macht – wir klären auf über HIV und andere sexuelle übertragbare Infektionen – arbeite ich auch sexualpädagogisch in Schulen und das hauptsächlich mit männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen an ganz verschiedenen schulischen Einrichtungen. Und auch im Förderschulbereich und Lebesshilfe oder Diakonie in diversen Werkstätten, was meinen Bezug zu dem Thema darstellt.

Aber ich hab ganz interessante Expertinnen hier an meiner Seite die meine und eure Antworten sicherlich gut beantworten können.
Zum einen, zu meiner linken Seite Stefanie Klee. Stefanie kommt aus Berlin und ist Sozialarbeiterin und Sexarbeiterin mit dem Schwerpunkt Sexualassistenz. Sie ist gründete Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen und setzt sich für die natürlichen Rechte von Prostituierten ein. Außerdem macht sie unter anderem unter dem Dach der Deutschen Aidshilfe Fortbildungsveranstaltungen für Prostituierte.

Zu meiner rechten Seite: Christian Bayerlein. Er kommt aus Koblenz, ist freier Software und Webentwickler aber betreibt beispielsweise den Blog Kissability und auch viele Jahre war er eherenamtlicher Behindertenbeauftragter der Stadt Koblenz. Christian setzt sich mit seinem Engagement und mit seinem selbstbestimmten Ausleben seiner Sexualität besonders da für Rechte von Behinderten ein.

Beginnen möchte ich damit nochmal auf den Film einzugehn den wir grade gesehn haben. Und in Bezug zu dem: was denkt ihr beide denn von der ganzen Story? Was haltet ihr davon? Ist es realistisch? Was gabs da an Highlights und besonderen Kritikpunkten?

Christian:

Ich fand den Film sehr nett gemacht. Es war eine schöne Anekdote, eine Beschreibung eines Erlebnisses eines behinderten Menschen.natürlich konnte dabei nicht die komplette Vielfalt des Themas Sexualität und Behinderung beleuchtet werden.aber er war doch sehr beeindruckend – etwas, was ich besonders spannend fand, wardie Geschichte und um die Freundschaft der 3 Männer die im Film erzählt wurde.Freundschaft stellt eben auch Inklusion da. im Film wird gezeigt, dass die Reise für alle Beteiligten viel gebracht hat: nicht nur für den Behinderten Protagonisten, sondern auch für seine beiden Freunde. Aufgefallen sind mir natürlich auch die Szenen in Trebel, weil ich auch schon mal da war. ich kenne die Situation dort also auch, wobei ich bei einem Workshop für Körperbehinderte teilgenommen habe und empfehlen ging es um ein Wochenende für geistig behinderte Menschen. ich finde die Herangehensweise in Trebel teilweise sehr gut, teilweise habe ich aber auch meine Kritik.

Stefanie:

Mir hat der Film gut gefallen, weil er so offen Sexualität gezeigt hat. Ich glaube, das ist ein italienisches Spezifikum, wo die Kultur über Sexualität freier spricht und das haben auch die Freunde untereinander getan. es ist natürlich auch für mich ein Einzelbeispiel. Die beiden Freunde haben dem behinderten Enea verschiedene Möglichkeiten geboten, sexuelle Erfahrungen zu machen,als sie mit ihm zum Straßenstrich gefahren sind – noch in Italien – dann in ein Bordell nach Österreich und schließlich ins ISBB nach Trebel. das ist für mich schon sehr natürlicher Umgang, jemanden sein Wunsch zu erfüllen, egal wo dieser Wunsch denn hingeht. Ich war ganz beglückt, dass ich meine italienischen Freun Pia im Film gesehen habe, die die 3 Freunde beraten hat. Das fand ich ganz entzückend. Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass es mehr möglich wird – und ich glaube, das ist wirklich eine Ausnahme, dass es Freundschaften gibt, wo so offen auch über Sexualität gesprochen wird, egal wohin die Sexualität geht.

Peter:

Ich möchte eigentlich ein großes Fragezeichen denn da machen,was an dem „speziellen Bedürfnis“/“special need“ denn so speziell ist. Das Bedürfnis nach Sexualität haben die meisten, wie viele Bedürfnisse auch. es gibt das Bedürfnis nach Essen, schlafen, Trinken und natürlich auch nach Sexualität. ich habe den Film jetzt zum 3. Mal gesehen und mir fallen immer wieder neue Aspekte auf. Ein Aspekt ist Sexualbegleitung. Deswegen die Frage an Stephanie: aktive/passive Sexualbegleitung, Prostitution – gibt es da Unterschiede? Wie siehst du das?

Stefanie:

Eigentlich bin ich gegen den Begriff der Sexualassistenz. Es ist ein Begriff, den ich zwar übernommen habe, aber nur weil er in der Gesellschaft besser aufgenommen wird, positiver bewertet wird und ich darüber auch mein Geld als Prostituierte verdiene. Ich verstehe mich als Prostituierte beziehungsweise als Sexarbeiterin und so arbeite ich auchin Einrichtungen und im Bereich, wo Menschen zum Beispiel behindert oder alt sind. Es geht um pure Sexualität und diese ist ganz vielfältig. Da haben behinderte Menschen auch gar keine anderen Wünsche, andere Vorstellungen. Ich glaube, wir sprechen von Sexualassistenz, weil die Menschen drumherum, also Angehörige, Freunde aber auch Mitarbeiter in Einrichtungen dadurch einfacher mit dem Thema umgehen. auf der anderen Seite sagt Sexualassistenz, man hilft, man ist förderlich und unterstützend und so sehe ich mich auch in meiner Arbeit. wenn ich meinen Kunden etwas Gutes tue, wir uns gemeinsam amüsieren,benötigen sie in der Regelhilfe, weil sie selber nicht ohne weiteres dazu in der Lage wären. Üblicherweise brauchen diese Menschen sogar Unterstützung bei der Kontaktaufnahme mit mir – mich im Internet zu finden, sich über meine Arbeitsbedingungen zu informieren, mich anzurufen und letzten Endes mit mir darüber zu sprechen, was bei dem gemeinsamen Termin passieren soll. das verlangt vom Umfeld teilweise relativ viel Unterstützung. Hier arbeite ich für die Rechte behinderter Menschen. Während der Begegnung ist es meine Aufgabe, nicht nur Sexualität in ihrer Vielfalt zu bieten, sondern auch ein Stück weit feinfühlig und sensibel für die Bedürfnisse des Kunden zu seinund herauszufinden, was gewünscht wird. Im Bordell – ich sage es mal so platt – da heißt es „lecken, ficken, blasen“ oder es gibt unterschiedliche sexuelle Stellungen oder Rollenspiele – oder, oder, oder… aber das ist in meinem beruflichen Kontext nicht so klar. Bei der Frage, wie komme ich zum Ausdruck, muss ich vieles ausprobieren und einfach gucken, wie es denn ankommt.

Peter:

O.k., recht vielen Dank. Christian, welche Erwartungen hättest du denn an Sexualbegleitung? Du bist ja auf Assistenz angewiesen. Welche Wünsche hättest du denn an Sexualbegleitung beziehungsweise an sexuelle Assistenz?

Christian:

Für mich steht das Thema Sexualbegleitung im Moment nicht so eine große Rolle, weil ich an einer Beziehung bin, aber in der Zeit in der ich solo war, habe ich vieles ausprobiert – von Sexualbegleitung bis Prostitution. Ich habe also schon alle Erfahrungen sammeln können. Für mich persönlich hat sich immer mehr herausgestellt, dass ich eigentlich das ganz Normale will- eine Normalisierung von Sexualität wie sie jeder andere auch will. Und wenn das „nur“ das Ausleben des Triebes sein soll – „lecken, ficken, blasen“ wie Du eben so schön gesagt hast – dann soll es eben genau das sein. Leider ist es aber so, dass man in Bordellen auf mit Diskriminierung konfrontiert wird und mit Ablehnung rechnen muss – meistens aus Unkenntnis und Unsicherheit. auf der anderen Seite kann Sexualbegleitung manchmal auch zu sehr in die Richtung „Heititeiti-Sexualität“ gehen. Es gibt Sexualbegleiterinnen, die wollen ein streicheln und liebkosen, vögeln ist aber auch schon wieder Tabu. Das ist aber nichts für mich. Wenn jemand genau das braucht uns sucht, zum Beispiel wenn man ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit hat, dann kann es gut sein. Eine Zeit lang war es das für mich auch. Ich brauchte die Sicherheit, dass es auch wirklich funktioniert und dass ich eben nicht auf Ablehnung stoße. Letzten Endes war mir dieses Setting aber zu „sanft“ und ich habe gemerkt, dass ich nicht zur Zielgruppe für Sexualbegleitung gehöre. Bezogen auf Trebel sehe ich das ähnlich. Das kann für viele Leute oder für eine gewisse Zeit sehr gut sein und immerhin wird dort ja auch mit Empowerment gearbeitet. Auf der anderen Seite sehe ich, dass auch dort wieder eine Sonderwelt aufgebaut wird. Für meinen Geschmack gibt es aber schon genug Segregation. Behinderte Menschen leben oft im Heim, gehen in die Behindertenwerkstatt etc. – jetzt auch noch etwas spezielles für Behinderte in Sachen Sexualität? Bei aller Berechtigung, diese Kritik muss sein.

Peter:

Das finde ich auch so. Sonderwelten sind immer schlecht. Es ist aber auch manchmal schwierig, so selbstbewusst und selbstbestimmt seine Rechte einzufordern. Es gibt dabei auch immer wieder Hindernisse und Hemmnisse.

Stefanie:

Ich kann noch an dich anschließen, Christian. Stichwort Normalität. Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass es in jeder Stadt ein Bordell gibt, dass selbstverständlich alle möglichen Gäste empfängt. Auch das wäre ein Stück Normalität. Dafür müsst ihr auch noch viel kämpfen. leider ist das noch sehr wenig. Aber auch Sexualassistenz nicht sehr weit verbreitet. Es gibt vielleicht 15 Sexualassistentinnen in Deutschland. Ich kenne keinen einzigen Mann. Umgekehrt möchte ich aber auch eine Lanze brechen: es gibt sehr viele Sexarbeiterinnen und auch Bordelle, die demgegenüber aufgeschlossen sind, die auch gerne Sex mit diesem Kundenkreis machen.Oftmals fehlt es zwar noch ein Information, aber wahrscheinlich hast du es auch so gemacht, dass du am Telefon schon über deine Bedürfnisse gesprochen hast – welche Art von Achtsamkeit man dir gegenüber bringen muss und welche Art von Normalität Du möchtest. Ich würde sagen, unsere Branche ist lernfähig.

Christian:

Ja gut, ich habe es da von meiner Position vielleicht ein bisschen einfacher, weil ich sehr klar bin und weiß und auch formulieren kann, was ich mir wünsche. Was die Normalität angeht, so hängt das natürlich auch ein bisschen an den Darstellungen in den Medien. Heute Abend hatten wir bis jetzt hauptsächlich das Thema Sexualassistenz und auch in den Medien ist das sehr beliebt momentan. Es ist aber nur ein Ausschnitt aus der Thematik Sexualität und Behinderung. Für mich ist es auch nur eine Brückentechnologie, denn Ziel sollte es natürlich sein, dass behinderte Menschen ganz normal und selbstverständlich Sexualität haben wieder andere auch. Nicht behinderte Menschen haben ganz viele Möglichkeiten, ihre Sexualität zu leben und zu gestalten – sei es in einer Beziehung oder im Puff oder was auch immer – und behinderten Menschen sollten die gleichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Dafür ist Inklusion und das Auftauchen in der normalen Gesellschaft notwendig.

Peter:

Wo klemmt es denn? Wo sind die meisten Hindernisse, die an selbstbestimmter Sexualität hindern?

Christian:

Zum einen wären wir dann wieder beim Thema Sonderwelten. Viele behinderte Menschen leben in Einrichtungen. Und Einrichtungen sind Liebestöter. wenn ich in einer Einrichtung lebe, womöglich in einem Zweibettzimmer oder Möglichkeit zur Intimität oder Rückzug, dann verhindert das ganz oft alleine durch die Rahmenbedingungen Sexualität. Aber auch außerhalb von Einrichtungen ist es so, dass das Bild von Behinderung durch althergebrachte Klischees geprägt, durch eine medizinische, mit Defiziten assoziierte Brille. Behinderung wird automatisch geknüpft an Leid und Umstand. Das schreckt natürlich auch ab, sich damit zu beschäftigen. Eine Beziehung einzugehen erfordert aber nun mal, dass die Menschen sich zunächst einmal nähern und sich Freundschaften entwickeln. Hier gibt es die Hemmschuhe schon weit vorher, dass man sich überhaupt begegnen kann. Außerdem haben behinderte Menschen manchmal ein schlechteres Selbstbewusstsein. Die Wahrnehmung oder Erwartung, sowieso keine „abzubekommen“, ist weit verbreitet. Das hat mich im Film übrigens auch wahnsinnig gestört – dieser Satz von Lothar Sandfort, dass der behinderte Protagonist ja nicht zu hohe Ansprüche und Erwartungen haben soll. So eine Frau hätte so viele Angebote, und warum sollte gerade er denn eine solche Frau bekommen? Das ist alles andere als Empowerment. Jemand, der sowieso wenig Erfahrung in Sexualität und wenig Selbstbewusstsein hat, wird damit doch noch mehr geschwächt.

Peter:

Ich erlebe das auch in Leipzig, das sich hier sehr viel entwickelt, aber auch noch sehr viel zu tun ist, damit behinderte Menschen ganz normal im Stadtbild auftauchen, ins Kino etc. gehen können oder Menschen alltäglich bei der Arbeit oder im Alltag kennen lernen können.Stefanie, was äußern denn Menschen mit Behinderungen, die zu dir kommen – wir haben sie den Weg zu dir geschafft?

Stefanie:

Das ist genau das, was ich mir auch wünsche: dass behinderte Menschen selbstständiger sind und auch in einem Umfeld leben, in dem sie als selbstständige Wesen wahrgenommen werden. was ich aber im Moment erleben, ist, dass insbesondere Angehörige eher moralisch zum Thema Sexualität stehen,und sich Eltern zum Beispiel schwer damit tun, ihre Kinder erwachsen werden zu lassen und ihre eigenen Erfahrungen erleben zu lassen. Die Gesellschaft macht das auch nicht leicht. Sexualität ist ein großes Tabuthema.wir lernen weder in der Schule, noch im Alltag, offen darüber zu sprechen. Wenn ich schon sagen „lecken, ficken, blasen“, sehe ich große Münder und sehen es als Gossensprache. Das zeigt mir, es fehlen uns die Worte,damit neutral umzugehen und uns fehlt auch eine gewisse Offenheit. Ich erlebe bei Mitarbeitern in Einrichtungen, aber auch bei älteren eine große Zurückhaltung aber auch eine große Unwissenheit, dass ihre Kinder Sexualität haben können. Zudem müssen wir uns vor Augen halten, dass die Zeiten, wo der Sexualtrieb mit Medikamenten unterdrückt wurde, auch noch nicht so lange her ist. Beziehungsweise mache ich ein Fragezeichen daran, ob das nicht auch heute noch das eine oder andere Mal geschieht, dass andere über den Sexualtrieb entscheiden und ihn unterdrücken. Da wird oftmals nicht gefragt „was spürst du denn?“, „was ist denn mit warm und kalt? Was empfindest du gegenüber der Person? Hast du Schmetterlinge im Bauch?“ Oftmals fehlen uns die Begriffe und wir sollten kreativer mit dem Thema umgehen, oder davor Angst zu haben, dass man in einer Ecke gestellt wird, man würde übergriffig. Wenn man sagt „ich finde dich sympathisch – ich könnte mir vorstellen, mit dir Sex zu haben“- dann muss das ja nicht schlimm sein.es muss auch kein Übergriff sein. Ich glaube, das hat etwas mit unserer Gesellschaft zu tunund meine Wahrnehmung ist, dass wir eher noch einen Rollback haben, dass es noch sexualfeindlicher wird.es werden zwar im Moment viele Filme gezeigt mit dem ThemaBehinderung und Sexualität, was einen aufklärerischen Charakter hat – aber die Bestrebungen in der Gesellschaft, Sexualität aus dem Befreienden, Emanzipatorischen, Spielerischen herauszunehmen, finde ich tragisch. Das ist nicht nur in meinem Bereich als Sexarbeiterinnen so – sie wissen sicherlich, dass es Bestrebungen gibt, Prostitution zu verbieten – aber auch in Schulen, wenn es um Aufklärung und um Schwangerschaftsabbruch geht, ist die Entwicklung sehr bedenklich. Ich glaube trotzdem, man muss daran halten und man muss sich austauschen. Solche Veranstaltungen wie hier sind sehr wichtig – diskutieren und austauschen und… Scheiß drauf, was die Gesellschaft sagt.

Interview in der TAZ: „Ich habe kein Problem damit, als Fetisch betrachtet zu werden“

Anfang dieses Jahres hat mich Manuela Heims, eine mir bekannte Redakteurin  gefragt, ob ich bereit zu einem Interview sei, das über Sexualität und Behinderung berichten soll. Im Mai  haben wir uns daran getroffen und am Wochenende war es  soweit: das Interview erschien  in der TAZ-Wochenendausgabe.

Christian Bayerlein hat spinale Muskelatrophie, braucht rund um die Uhr Hilfe, nennt sich Nerd, liebt „Star Trek“, reist gern und erforscht die Spielarten des Sex. Monogamie, Polyamorie, BDSM – er ist offen

Link zum Beitrag:  http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ln&dig=2014%2F10%2F18%2Fa0012&cHash=3357e12a31a456ccfcec8aa6f64aa83d

Frag eine Devotine – Teil 4

Nachdem wir nun eine Weile Pause mit unserer Reihe gemacht haben, möchten wir sie zumindest um einen Teil erweitern. Anna, eine Freundin von mir, berichtet über ihre Erfahrungen…

Seit wann weißt du von deiner Attraktion? Wie bist du damit umgegangen? Hat sich deine Einstellung dazu geändert, als du herausfandest, dass das Kind einen Namen hat?

Schon meine erste sexuelle Fantasie hatte ich von einem behinderten Mann, aber dass ich eine besondere Verbindung zu Männern mit Behinderung habe, wusste ich schon viel früher. Ich kann mich noch sehr klar an einige Erlebnisse aus meiner Kindheit erinnern, in denen behinderte Menschen eine Rolle spielten, auch wenn es davon nicht viele gab. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir dabei auch die Reaktionen der Umgebung. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, in der vor allem jüngere behinderte Menschen nicht präsent sind. Unter anderem deshalb hat es wohl auch etwas gedauert, bis ich die Verbindung zwischen diesem besonderen Interesse und meiner sexuellen Neigung gezogen habe. Dass ich nicht allein bin, habe ich, wie die meisten, im Internet entdeckt und gleichzeitig damit auch die Abneigung der meisten Foren und Partnerbörsen für behinderte Menschen gegenüber Amelos bzw. Devotees. Das war erstmal erschreckend und hat die eigene Scham über diese sexuelle Orientierung noch verstärkt. Erst als ich eine Gemeinschaft gefunden habe, in der es viele Frauen mit ähnlichen Gedanken und Gefühlen gibt, habe ich angefangen, diesen Teil von mir zu akzeptieren und ihn nicht nur hinter verschlossenen Türen zu halten. Das ist aber ein sehr langer Prozess und es gibt auch heute noch Momente, in denen ich mir wünsche, mich selbst und alles, was daraus entsteht, besser annehmen zu können.

Bist du auf eine bestimmte Behinderung fixiert oder geht es dir nur darum, dass eine Einschränkung vorhanden ist? Oder ist das komplizierter? Spielt der Grad der Behinderung eine Rolle?

Ich habe definitiv „Vorlieben“ und es gibt auch Behinderungen, die ich gar nicht attraktiv finde. Trotzdem würde ich keine Beziehungen nur wegen einer vorhandenen Behinderung führen. Es gibt auch andere Dinge, die ich bei Männern attraktiv finde, die nichts mit Behinderungen zu tun haben. Der Grad der Behinderung spielt eine Rolle, wobei dadurch auch ein großer Zwiespalt entsteht. Ich finde relativ schwere Behinderungen attraktiv, habe aber festgestellt, dass eine Beziehung auch vor größeren Schwierigkeiten steht, je weniger der Partner als aktiver Part darin von anderen wahrgenommen werden kann.

Hast du anderen Menschen aus deinem Umfeld von deiner Neigung erzählt? Wie haben sie reagiert?

Ich habe einigen Menschen aus meinem Umfeld davon erzählt und die Reaktionen fielen sehr unterschiedlich aus. Mit viel Akzeptanz und Toleranz haben einige Freunde von mir reagiert, die selbst sexuelle Neigungen haben, die man vielleicht als nicht der Norm entsprechend beschreiben könnte. Ich denke, sie haben sich, genau wie ich, aus diesem Grund intensiv mit dem Thema Sexualität und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft beschäftigt und wissen um die Probleme, die daraus entstehen. Auch andere Freunde haben positiv und neugierig reagiert, auch wenn sie teilweise ein gewisses Unverständnis ausdrückten. Das ist für mich aber vollkommen okay, ich verstehe ja auch nicht alle ihrer Vorlieben und Interessen. Auf der anderen Seite bin ich auch auf sehr negative Reaktionen gestoßen, vor allem im familiären Umfeld. Das beruhte nicht (nur) auf meiner sexuellen Orientierung, sondern vor allem auch auf der daraus resultierenden Partnerwahl. Diese Reaktionen waren natürlich die schwersten, vor allem, weil sie aus dem engsten Umfeld kamen. Ich kann und möchte nicht einschätzen, ob das aus Behindertenfeindlichkeit oder guten Wünschen für die Partnerwahl der eigenen Familienmitglieder geschieht, aber ich habe daraus gelernt, dass es noch viel zu tun gibt auf dem Weg zur Toleranz und vor allem Akzeptanz von behinderten Menschen als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft und des täglichen Lebens. Mich hat diese Erfahrung sehr traurig gemacht, aber auch beflügelt, das Thema auch auf gesellschaftlicher Ebene zu verfolgen und zu versuchen, einen kleinen Teil zur Verbesserung der Situation beizutragen und sei es nur durch das öffentliche Leben einer Beziehung mit einem schwerbehinderten Partner.

Bist oder warst du schon in Beziehungen mit behinderten Männern? Entspricht die Realität deinen Erwartungen und Wünschen, die du an den Sex und das Zusammenleben hattest? Wie hat dein Umfeld auf die Beziehung reagiert? Welchen Vorurteilen bist du begegnet? Gibt es Aspekte der Beziehung, die dich stören und die durch die Behinderung verursacht werden?

Ich war in einer längeren Beziehung mit einem behinderten Mann. Die Realität entsprach nicht in allen Punkten meinen Erwartungen bzw. Vorstellungen, aber ich denke, dass das sehr persönlichkeitsabhängig ist. Es war auf jeden Fall eine Erfahrung, die mir viel Gespür für den Alltag mit Behinderung gegeben hat und das möchte ich um keinen Preis missen. Die Reaktionen meines Umfelds entsprachen den oben beschriebenen. Dazu kamen die Reaktionen aus dem Umfeld meines damaligen Partners, welche auch sehr unterschiedlich ausfielen. Einerseits gab es bewundernde Stimmen, welche allerdings glücklicherweise nicht die Mehrheit ausmachten. Andererseits wurde von mir auch von Anfang an viel verlangt. Ich hatte mich zwar bewusst für diesen Partner entschieden, der mit einer 24-Stunden-Assistenz lebt, aber die sofortige Übernahme aller dieser Tätigkeiten war doch eine gewaltige Umstellung und ich kann nur jedem Paar, welches vor ähnlichen Herausforderungen steht, empfehlen, es etwas langsamer angehen zu lassen, sofern die Möglichkeit dazu besteht, auch wenn dadurch vielleicht die zur Verfügung stehende private Zeit etwas leidet. Dass ich die Assistenzaufgaben selbstverständlich übernahm, entsprach den Erwartungen des Umfelds meines Partners. Das war einerseits eine sehr schöne Sache, immerhin ist es ein großer Vertrauensbeweis und ich wollte gern alles Notwendige schnell lernen. Andererseits muss ich es im Nachhinein auch etwas kritisch sehen, immerhin war ich seine Freundin und nicht seine Assistentin. Ein anderer störender Aspekt hat vielleicht nicht seine unmittelbare Ursache in der Behinderung, wurde durch sie aber definitiv unterstützt. Ich finde, auch mit einer körperlichen Behinderung sollte man wenigstens geistig in der Beziehung einen ausgeglichenen Gegenpol schaffen, so wie es in jeder Beziehung der Fall sein sollte. Eine gewisse Lethargie im alltäglichen Ablauf lastete allerdings schließlich vor allem auf meinen Schultern und war wohl ein Teilgrund für das Scheitern der Beziehung. Damit möchte ich allerdings keineswegs eine generelle Aussage treffen, das Problem gilt nur für den Fall, den ich erlebt habe und ich kenne einige behinderte Männer, die da ganz anders agieren.

Glaubst du, du könntest mit einem nichtbehinderten Mann glücklich und sexuell erfüllt sein?

Glücklich vielleicht, sexuell erfüllt wohl eher nicht. Die sexuelle Neigung ist bei mir recht stark ausgeprägt und somit ist es für mich schwer vorstellbar, mit einem nichtbehinderten Mann ein erfüllendes Sexualleben zu führen. Da fehlt einfach die nötige Erregung, vor allem auf lange Sicht. Leider macht diese Erkenntnis die Sache auch nicht gerade einfacher, immerhin wird die Menge der potentiellen Kandidaten dadurch stark eingeschränkt. Vielleicht habe ich aber auch einfach noch nicht den „richtigen“ Mann kennen gelernt. Viele andere Devotinen können auch mit einem nichtbehinderten Mann glücklich zusammen sein und ich möchte diesen Weg für mich nicht endgültig ausschließen.

SMantrische Spielarten und Behinderung

Sexualität kann für Menschen mit Behinderung genauso vielfältig sein, wie für nicht-behinderte Menschen. Auch Fetische und besonderen Neigungen gehören dazu. Für viele ist auch das Thema BDSM wichtig.

Wie diese Neigung gelebt werden kann, zeigen Deva Busha Glöckner und Andi Vega in diesem Gastbeitrag, der ursprünglich in der Zeitschrift „Schlagzeilen“ veröffentlicht wurde.

Als ich gelesen habe, das das neue Thema in den Schlagzeitlen BDSM und Behinderung ist, war ich ganz begeistert, Ich wusste, dass ich unbedingt etwas dazu schreiben möchte, da ich gerade sehr spannende Erfahrungen damit mache, aber ich bin auch etwas unsicher, ob es in die BDSM- Communty passt.

Ich bin schon lange ziemlich von Bondage und BDSM angetan und integriere das mit Leidenschaft in meinen Beruf als Tantramasseurin (ich nenne es gerne SMantra, weil ich die herzhafte Verbindung der beiden Pole schätze).

Ein anderer Zweig meiner Arbeit ist Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung. In dieser Arbeit geht es oftmals erst um ganz grundlegende sexuelle Erfahrungen, die Bedürftigkeit von Menschen mit Einschränkungen ist auf Grund weniger Spielräume für sexuelle Erfahrungen sehr hoch.

Natürlich gibt es einige sehr selbstbewusste Menschen mit Behinderung, aber selbst da ist das geschlechtliche Selbstbewusstsein als Mann oder als Frau sehr verletzlich. Ich habe mal einen schönen Artikel gelesen, ob ein Dom im Rollstuhl eigentlich vorstellbar ist und das Thema hat mich sehr berührt. Von daher freue ich mich ganz besonders über das Thema und vielleicht gibt ein paar schöne Beiträge dazu.

Der Spielraum für BDSM ist in meiner Arbeit mit Behinderten Menschen ist noch nicht so groß, obwohl ich mir schon wünsche, auch den SMantrischen Teil meiner Arbeit mit in die Sexulabegleitung einbringen zu können. Allerdings dachte ich auch, dass Menschen, die eh schon an den Rollstuhl „gefesselt“ sind oder vielleicht Krankheitbedingt schon viel Schmerzen haben, vielleicht nicht gerade so viel sinnliche Erregung beim Thema Bondage und BDSM empfinden…

Seit ein paar Monaten hat mich die Liebe mit einem schwerbehinderten Gast erwischt und wir haben sehr viel Freude am sexuellen experimentieren. Mein Liebster hat eine Muskelerkrankung und kann sich so gut wie nicht mehr bewegen, seine Arme und Beine sind aufgrund der Unbeweglichkeit über die Jahre versteift und etwas verformt, so dass sein Schwanz für normale Vögelei eigentlich nicht mehr zu erreichen ist.

Somit hatte er das Thema Vereinigung eigentlich schon abgehakt. Auch ist seine Haut aufgrund der Nichtbewegung sehr sensibilisiert. Da ich aber chronisch neugierig bin kam ich Dank meiner Bondage-Erfahrungen ich da so auf einige zunächst seltsam erscheinende Ideen.

Inspiriert hatte mich die Aufforderung meines Liebsten ihn zu fesseln. Er wollte spüren, wie sich das anfühlt und war neugierig. Am Anfang unserer Sexworkerin-Gast Beziehung hatte er eine völlig ablehnende Haltung gegenüber BDSM. Er hatte in seinem Leben reichlich schlechte Erfahrung mit ausgeliefert sein, Schmerzen durch andere Therapeuten und Ärzte, und war seiner Ansicht nach schließlich schon durch die Bewegungsunfähigkeit und das „angewiesen sein“ auf einen Elektrorollstuhl genug „gefesselt“. Eine sinnliche Emotion oder gar eine sexuelle Erregung durch Fesseln konnte er sich überhaupt nicht vorstellen. Von weiteren Instrumenten für raffinierte Schlagtechniken dieser Spielarten brauchte ich gar nicht zu reden, die „therapeutischen“ Schmerzerfahrungen scheinen ziemlich traumatisch zu sein.

Unsere beginnende Liebe hat meinen Liebsten für meine Vorlieben diverser sexuellen Spielarten neugierig gemacht und so durfte ich ihn eines Tages während einer Session schön Zusammen binden. Er war ziemlich erstaunt und berichtete im Anschluss von einem sehr schönen Gefühl der Geborgenheit und Vertrautheit. Daraufhin machten wir jede Menge Haken in die Decke und ich band seine Arme und Beine hoch, was ihm schon mal ein ganz anderes Freiheits-Gefühl gab. Allein das schon das frei-baumelnde Bewegen der Gliedmaßen und die Offenheit des gesamten Genitalbereiches war für ihn ein sehr erregendes Gefühl und machte ihn total geil. Meine Schwanzmassage in dieser Position machte diese Session für ihn schon zu einem irren Erlebnis. Beim nächsten mal legte ich noch einen Ring um seinen Schwanz und band ihn straff mit einer Ganzkörperbondage nach zum Körper und etwas nach oben. Das straffte den ganzen Genitalbereich so, das der Lingam viel mehr heraus schaute als üblich und steif und dick war, wie sonst nie. Durch die Hochhängung der Beine und meine eigene Anhängung an einem Bondagering, konnte ich mich quer zwischen seine Beine hinunterlassen. Ich konnte bequem in dieser Position verharren und meine Yoni konnte seinen Schwanz richtig aufnehmen. So war uns das erste Mal eine wirklich kleine Vögelei möglich. Unglaublich, für meinen Liebsten war es das erste Mal! Was für eine Bereicherung…

Es ist noch ein wenig Experimentieren von Nöten um die Positionen auch länger halten zu können aber wir sind gerade auf dem besten Wege, das herauszufinden. 😉 Das Anlegen des Rings und die Feststellungen müssen geübt werden; auf Grund der vorher geglaubten Unmöglichkeit von Vereinigung hat aber diese erste Yoni-Lingam-Begegnung (für Tantra-Unkundige: Sanskrit für Schwanz und Möse) für uns eine ganz besondere Tiefe und Verbindung geschaffen.

Jetzt öffnete sich seine Neugier auch für die anderen Spielereieen. Bei einem unserer nächsten Sessions hatte ich zufällig eine gerade gekaufte Flogger dabei. Mein Liebster war ziemlich neugierig und ließ sich von mir damit vorsichtig behandeln.

Für die nächste Session hab ich schon mal die Flogger im Gepäck… Ich glaube, da gibt es noch viel zu entdecken.

 

 

Frag eine Devotine – Teil 3

… weiter geht’s mit unserer Serie 🙂

Seit wann weißt du von deiner Attraktion? Wie bist du damit umgegangen? Hat sich deine Einstellung dazu geändert, als du herausfandest, dass das Kind einen Namen hat?

Ich habe es ziemlich ignoriert oder aus meinen Gedanken vertrieben – bis letztes Jahr, als die Gefühle aus irgendeinem Grund sehr offensichtlich für mich wurden.
Ja und nein. In mancher Hinsicht komme ich damit zurecht, aber ich fühle mich auch noch immer etwas unwohl damit wegen der negativen Assoziationen, die dazu bestehen.

Bist du auf eine bestimmte Behinderung fixiert oder geht es dir nur darum, dass eine Einschränkung vorhanden ist? Oder ist das komplizierter? Spielt der Grad der Behinderung eine Rolle?

Ich finde nur Männer mit Querschnittlähmung attraktiv. Der Grad der Behinderung spielt eine Rolle – ich bevorzuge jemanden, der zumindest einigermaßen unabhängig sein kann. C5/C6-Tetraplegie ist in Ordnung, das ist die Läsionshöhe meines derzeitigen Freundes. Er kann selbst essen, sich zurechtmachen, Auto fahren, arbeiten, und das ist mir wichtig.

Hast du anderen Menschen aus deinem Umfeld von deiner Neigung erzählt? Wie haben sie reagiert?

Ich habe es einer Freundin erzählt. Sie verurteilt es nicht. Sie stellte mir Fragen, aber gab mir nie das Gefühl, deswegen schlecht oder verrückt zu sein. Ich habe nicht vor, es jemandem anderes zu erzählen, da die meisten Leute, die ich kenne, mich verurteilen würden.

Glaubst du, du könntest mit einem nichtbehinderten Mann glücklich und sexuell erfüllt sein?

Ja. Ich hatte sexuellen Kontakt mit vielen nicht behinderten Männern, in manchen Fällen war es befriedigend.

Hast du an einen behinderten Mann bei der Partnerwahl niedrigere Erwartungen, weil er ja diese eine Kompatibilitätseigenschaft schon erfüllt? Sind Männer für dich attraktiv, allein durch eine Behinderung oder wenn sie sich in einen Rollstuhl setzen oder müssen da mehr Faktoren zusammenkommen?

Ja und nein – möglicherweise bin ich nicht so wählerisch wie bei einem nicht behinderten Mann. Ich kann es eigentlich nicht hundertprozentig sagen, da es so wenige behinderte Männer in meinem Umfeld gibt und ich erst mit einem einzigen behinderten Mann zusammen war.
Andere Faktoren spielen eine Rolle. Er muss attraktiv für mich sein (nicht nur durch den Rollstuhl) und eine passende Persönlichkeit haben. Der Rollstuhl ist nur ein Bonus.

Bist oder warst du schon in Beziehungen mit behinderten Männern? Entspricht die Realität deinen Erwartungen und Wünschen, die du an den Sex und das Zusammenleben hattest? Wie hat dein Umfeld auf die Beziehung reagiert? Welchen Vorurteilen bist du begegnet? Gibt es Aspekte der Beziehung, die dich stören und die durch die Behinderung verursacht werden?

Ich bin zurzeit in einer Fernbeziehung mit einem Tetraplegiker. Es ist meine erste Beziehung mit einem behinderten Mann.
Wir leben nicht zusammen. Die Erwartungen, Vorstellungen und Wünsche rund um den Sex wurden in hohem Maße erfüllt. Die Neuheit darin, dass er im Rollstuhl sitzt, hat sich (wie erwartet) ein bisschen gelegt, aber er befriedigt mich sexuell und mental.
Leute, denen ich von ihm erzählt habe, schauen mich etwas entsetzt oder schockiert an. Er konnte mich bisher noch nicht besuchen.
Ich würde sagen, ich bin keinen richtigen Vorurteilen begegnet. Außer vielleicht den typischen Bermerungen wie „wow, es ist so großartig, dass du damit umgehen kannst“ oder „das ist so bewundernswert“. Diese Bemerkungen hasse ich.
Fehlende Barrierefreiheit ist wahrscheinlich das größte Problem – sie macht es schwierig, bestimmte Dinge zu tun, und es kann lange dauern aufzustehen und sich bereit zu machen, um nach draußen zu gehen und Aktivitäten außer Hauses nachzugehen.

Frag eine Devotine – Teil 2

Letzte Woche begannen wir mit unserer neuen Serie „Frag eine Devotine“. Heute folgt das zweite Interview. Diesmal hat sich Linda (Name wieder geändert) von uns befragen lassen.

Seit wann weißt du von deiner Attraktion? Wie bist du damit umgegangen? Hat sich deine Einstellung dazu geändert, als du herausfandest, dass das Kind einen Namen hat?

Schon mit zwei Jahren war ich auf eine seltsame Weise fasziniert von medizinischen Dingen, habe das aber immer strikt für mich behalten. All meine Kindheitsfantasien drehten sich darum. In meiner frühen Jugend begriff ich, dass körperliche Einschränkungen mich sexuell erregen. Dass es einen Namen dafür gibt, fand ich erst Jahre später heraus. Ich würde nicht sagen, dass sich meine Einstellung dazu dadurch geändert hat, aber ich habe Kontakt zu anderen Devotees aufgenommen. Es ist toll, sich mit anderen darüber austauschen zu können, die eine sehr ähnliche Attraktion haben.

Bist du auf eine bestimmte Behinderung fixiert oder geht es dir nur darum, dass eine Einschränkung vorhanden ist? Oder ist das komplizierter? Spielt der Grad der Behinderung eine Rolle?

Ich würde nicht sagen, dass ich auf eine bestimmte Behinderung fixiert bin. Auch auf einen Grad der Behinderung will ich mich nicht festlegen, alles hat seine Reize. Zwar gibt es Behinderungen, die ich i.A. attraktiver finde als andere, aber meine Attraktion ist sehr dehnbar und flexibel. Es geht eher darum, dass ein behinderter Mann ein gewisses Etwas hat. Ich kann das nicht näher beschreiben, es ist wie eine Aura, die ihn umgibt.

Hast du anderen Menschen aus deinem Umfeld von deiner Neigung erzählt? Wie haben sie reagiert?

Ja, einigen wenigen. Manche haben es nicht richtig verstanden, andere hatten kein Problem damit. Bisher schien sich niemand übermäßig dafür zu interessieren.

Glaubst du, du könntest mit einem nichtbehinderten Mann glücklich und sexuell erfüllt sein?

Ich bin mir nicht sicher, da ich diesbezüglich zu wenig Erfahrung habe. Ich denke, mit einem Mann, bei dem die Chemie perfekt stimmt und der vielleicht irgendein interessantes Merkmal hat, könnte es klappen.

Hast du an einen behinderten Mann bei der Partnerwahl niedrigere Erwartungen, weil er ja diese eine Kompatibilitätseigenschaft schon erfüllt? Sind Männer für dich attraktiv, allein durch eine Behinderung oder wenn sie sich in einen Rollstuhl setzen, oder müssen da mehr Faktoren zusammenkommen?

Nein, meine Erwartungen bleiben trotz Behinderung hoch. In erster Linie muss die Chemie stimmen. Tasächlich kämen die wenigsten behinderten Männer für mich als Partner in Frage. Es ist vielmehr so, dass eine Behinderung einen nach meinem ausgefallenen Geschmack attraktiven Mann für mich attraktiver macht. Auch neben der Behinderung habe ich viele Präferenzen für körperliche Merkmale, die mehr oder weniger erfüllt sein müssen. Für eine langfristige Beziehung muss mir seine Persönlichkeit zusagen, ich muss mich gut mit ihm unterhalten können sowie Interessen und bis zu einem Grad die Weltanschauung teilen.

Bist oder warst du schon in Beziehungen mit behinderten Männern? Entspricht die Realität deinen Erwartungen und Wünschen, die du an den Sex und das Zusammenleben hattest? Wie hat dein Umfeld auf die Beziehung reagiert? Welchen Vorurteilen bist du begegnet? Gibt es Aspekte der Beziehung, die dich stören und die durch die Behinderung verursacht werden?

Ja, bin ich. Komischerweise hatte ich gar keine detaillierten Erwartungen an eine solche Beziehung, aber es gab keine großen Überraschungen. Insgesamt stelle ich immer wieder fest, wie glücklich ich mit ihm bin, aber das liegt bei Weitem nicht nur an seiner Behinderung.

Die Reaktionen aus meinem Umfeld fielen unterschiedlich aus. Wenige waren schockiert, die meisten sagten nichts weiter dazu. Manche bezeichneten mich als bewundernswert, was ich überhaupt nicht mag, denn ich schätze mich sehr glücklich, mit diesem Mann zusammen zu sein, sodass es eher verwunderlich wäre, wenn ich nicht mit ihm zusammen sein wollte. Wüssten sie über meine Neigung, schlüge die Bewunderung womöglich in Verachtung um. Ich wünschte, wir könnten einfach als glückliches Paar angesehen werden, weiter nichts.

Ich habe mitbekommen, dass sich einige Leute fragen, ob wir Sex haben. Oft trauen sie sich aber leider nicht, mich direkt zu fragen. Manche nahmen an, unser Sexleben müsse ziemlichbegrenzt und eintönig sein. Als ich genauer davon erzählte, erschien ihnen ihr eigenes Sexleben auf einmal ziemlich unkreativ und langweilig. Viele scheinen auch völlig unbegründete Berührungsängste und Befürchtungen zu haben, weshalb sie eine Beziehung mit einem behinderten Mann nicht „wagen“ würden. Sie scheinen zu glauben, Behinderung gehe mit Zerbrechlichkeit und Hypersensibilität einher, sodass man den Betreffenden lieber nicht anfassen und ja nichts Falsches zu ihm sagen dürfe. Zum Glück widerlegt mein Freund solche Vorurteile ganz schnell. Und es ist auch entgegen der Annahme mancher Leute nicht „schwer“, mit ihm zusammen zu sein und Dinge zu unternehmen, die andere Paare auch tun. Dass wir gelegentlich etwas improvisieren und mehr planen müssen, macht unsere Beziehung spannend und abwechslungsreich.

Gerade die Vorurteile anderer gegenüber Behinderungen sind einer der wenigen Aspekte, die mich stören. Ich denke leider auch, je mehr der Mann auf Assistenz anderer Menschen angewiesen ist, desto schwieriger ist es für mich, damit zurechtzukommen. Auch wenn die Assistenz nur Anweisungen folgen soll, sind das ja immer noch Menschen mit eigenem Willen, den sie einem unter Umständen aufdrängen wollen. Zudem sind sie nicht unbedingt zuverlässig. Ich bin gerne selbstbestimmt und brauche meine Privatsphäre. Auch manche Freizeitaktivitäten kann ich mit meinem Freund nur unter großem Aufwand oder überhaupt nicht teilen. Hätte man für jede erdenkliche Situation einen speziellen Rollstuhl oder ein Hilfsmittel, ginge das vielleicht, aber diese Hilfsmittel sind viel zu teuer. Gleichzeitig sehe ich diesen Nachteil aber auch als einen Vorteil, da ich gerne plane und nach kreativen, egal wie umständlichen Alternativen suche, wie man der Freizeitbeschäftigung dann doch noch irgendwie nachgehen kann.

Frag eine Devotine – Teil 1

Über Mancophielie, also die Neigung, behindere Menschen und Behinderung sexuell besonders anziehend zu finden, gibt es genauso viele Mythen und Vorurteile wie gegenüber Behinderung und Sexualität als solches. Das Thema ist zudem mit Ängsten besetzt und Menschen, die diese Neigung offen leben werden oftmals stigmatisiert und diskriminiert.

Wir wollen dem entgegenwirken. Dazu starten wir heute eine neue Reihe: in Interviewform kommen Devotinen, also Frauen, die sich von behinderten Männern angezogen fühlen, zu Wort.

Den Anfang machen wir mit Emily. Der Name ist geändert, da sie anonym bleiben möchte. Ich habe sie auf Paradevo, einem Forum für Devotinen kennen gelernt und sie gefragt, ob sie mitmachen möchte.

Seit wann weißt du von deiner Attraktion? Wie bist du damit umgegangen? Hat sich deine Einstellung dazu geändert, als du herausfandest, dass das Kind einen Namen hat?

Ich hatte die Attraktion, als ich sechs Jahre alt war, bevor ich verstand, was es war. Damals ging ich damit um, indem ich mit meinen Geschwistern Krankenhaus spielte. Das hat sich natürlich mit der Zeit geändert. In der sechsten Klasse wusste ich, dass ich eine Außenseiterin war und dass es mir leichter fiel, Freundschaft mit Gleichaltrigen zu schließen, wenn sie behindert waren, aber ich begriff noch immer nicht, dass dies eine “Sache” war.

Schließlich sah ich das Muster deutlicher. Ich hatte sehr gemischte Gefühle, als ich von Devoteismus erfuhr; es war toll zu wissen, dass ich nicht die Einzige mit diesen Gefühlen war. Zuerst stieß ich nur auf männliche Amelos und erst dann fand ich heraus, dass manche Menschen mit Behinderung in Wahrheit angewidert waren beim Gedanken an Devotees, um nur das Mindeste zu sagen.

Ich kam mir nicht wie ein Widerling oder ein Stalker vor. Nun, nach jahrelanger Kommunikation mit weiblichen Devotees, weiß ich, dass sich mein Devoteismus sehr weit entwickelt hat und sich immer noch weiterentwickelt.

Bist du auf eine bestimmte Behinderung fixiert oder geht es dir nur darum, dass eine Einschränkung vorhanden ist? Oder ist das komplizierter? Spielt der Grad der Behinderung eine Rolle?

Der menschliche Körper ist wundervoll und ich finde an ihm ständig neue Dinge, die mich interessieren – oder erregen 😉

Ich kann sowohl nichtbehinderte als auch behinderte Männer attraktiv finden, aber ich habe ein Bild von einem idealen Körper und bevorzuge Männer mit Muskeldystrophie oder anderen Behinderungen mit gewissem Muskelschwund. Der Grad der Behinderung spielt eine Rolle für mich, aber es ist komplizierter als zu sagen “je schwerer, desto sexier”. Es kommt darauf an, ob man “es” hat, und “es” ist mehr als die Behinderung und wie sie einen beeinflusst.

Hast du anderen Menschen aus deinem Umfeld von deiner Neigung erzählt? Wie haben sie reagiert?

Ich habe ein paar Menschen davon erzählt, und die, dich mich schon lange kannten, waren nicht überrascht.

Glaubst du, du könntest mit einem nichtbehinderten Mann glücklich und sexuell erfüllt sein?

Nicht in einer langfristigen Beziehung, nein. Ich würde mich mit der Zeit langweilen.

Hast du an einen behinderten Mann bei der Partnerwahl niedrigere Erwartungen, weil er ja diese eine Kompatibilitätseigenschaft schon erfüllt? Sind Männer für dich attraktiv, allein durch eine Behinderung oder wenn sie sich in einen Rollstuhl setzen oder müssen da mehr Faktoren zusammenkommen?

In einer früheren Beziehung bin ich definitiv Kompromisse eingegangen und habe Verhalten und Charaktereigenschaften entschuldigt, die ich nicht mochte, weil er körperlich zu mir passte. Das ist eine sehr, sehr schlechte Idee, denn man muss auch abseits des Sex miteinander auskommen. Aber man wird da leicht mitgerissen.

Ein behinderter Typ wird immer meine Aufmerksamkeit bekommen, aber es muss alles passen, und es gibt sehr, sehr viele Faktoren. Eine Behinderung alleine ist nicht genug. Er muss auch intelligent, nett, charmant, albern, unabhängig, mutig und vielleicht ein kleines bisschen nerdig sein! Er muss der richtigen Altersklasse angehören, und es ist auch von Vorteil, wenn er dunkle Haare und lange Wimpern hat 😉

Bist oder warst du schon in Beziehungen mit behinderten Männern? Entspricht die Realität deinen Erwartungen und Wünschen, die du an den Sex und das Zusammenleben hattest? Wie hat dein Umfeld auf die Beziehung reagiert? Welchen Vorurteilen bist du begegnet? Gibt es Aspekte der Beziehung, die dich stören und die durch die Behinderung verursacht werden?

Ich bin mit einem behinderten Mann zusammen, und die meisten meiner vergangenen Beziehungen und Dates über die Jahre waren mit behinderten Männern. Ich glaube, da ich seit meinen frühen Teenagerjahren behinderte Männer date, sind meine Erwartungen ziemlich realistisch geworden, aber man kann sich eigentlich nicht auf das vorbereiten, was einem bevorsteht.

Ich hatte nie erwartet, in einer Beziehung zu sein, in der mein Partner und ich keinen Geschlechtsverkehr haben, aber mit der Zeit haben die gesundheitlichen Probleme meiner Partner zugenommen und unser beider Bedingungen an Sex haben sich verändert.

Die Reaktionen fielen sehr unterschiedlich aus, manche Leute waren sehr negativ, andere zeigen überhaupt keine Reaktion. Es gab eine Phase in meiner Teenagerzeit, da lautete die erste Frage meine Mama immer, wenn ich ihr erzählte, dass ich jemanden kennen gelernt hatte: “Und welche Behinderung hat er?”, dann verdrehte sie die Augen und seufzte. Aber meine Familie kommt gut mit meinem Partner aus und könnte sich nicht mehr für uns freuen.

Doch da war auch dieser Cousin, der beim Abendessen mit der Familie geradeheraus fragte, ob und wie wir Sex hätten.

Die Vorurteile, die behinderte Menschen im Alltag begegnen, betreffen auch deren Partner.

Eine Beziehung ist harte Arbeit, und manchmal trage ich für vieles Verantwortung, aber ich kann nicht sagen, dass es Dinge gibt, die mich stören. Manchmal wünschte ich, er könnte den Müll hinausbringen, aber wir warten noch, bis der elektrische Türöffner installiert ist ;).