Archiv des Autors: Anna D

Aus der Komfortzone in die Komfortzone – Wenn die Kirche über Sexualität und Behinderung spricht

Dass Behinderung und Sexualität als Tabuthema behandelt wird, ist nichts Neues. Bei kirchlichen Einrichtungen vermutet man da noch viel größere Zurückhaltung, sich der Sache zu nähern. Umso erstaunlicher ist es eigentlich, dass die evangelische Landeskirche Württemberg vor einigen Tagen bei YouTube eine knapp halbstündige Talkrunde mit dem etwas vereinfachenden Titel „Tabu im Rollstuhl – Sex mit Handicap“ veröffentlicht hat. Die Sendung ist Teil der Reihe „Alpha & Omega“, die sich ab und an auch mit (vor allem für die Kirche) recht heiklen Themen wie der Ehe für alle und Nahtoderfahrungen auseinandersetzt.

Bei der Talkrunde sind neben der Moderatorin Heidrun Lieb drei Gäste anwesend: Francis Augostine, der nach einem Motorradunfall mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen lebt, Jürgen Schaaf, Sexualpädagoge von ProFamilia und Jessica Philipps, Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung. Was zunächst recht vielversprechend klingt, entpuppt sich nur langsam zu einem interessanten Gespräch. Insgesamt kann ich den Eindruck nicht abschütteln, dass das Thema vor allem als Problem aufgefasst wird und auch die Anwesenden nicht genau wissen, wie damit umzugehen ist. Das ist eigentlich erstaunlich, da es auf dem YouTube-Kanal einige Videos gibt, die sich mit Behinderung beschäftigen. Es sollte also kein vollkommenes Neuland sein. Aber wenn dann auch noch Sexualität ins Spiel kommt, werden die Karten wohl neu gemischt.

Trotzdem: Die Diskussionsteilnehmer sprechen viele wichtige Fragen an, etwa warum die Gesellschaft behinderte Menschen nicht als sexuelle Wesen wahrnimmt, welche Rolle Eltern als Pflegepersonen spielen und wie Menschen mit geistiger Behinderung vor negativen sexuellen Erfahrungen geschützt werden können. Bei all dem sticht vor allem Jessica Philipps mit ihrem großen Erfahrungsschatz hervor. Mutig und offen spricht sie die Probleme an und scheut sich – im Gegensatz zu den übrigen Gesprächspartnern – auch nicht davor, konkrete Lösungsansätze vorzustellen. Sie zeigt ein umfassendes Gesamtverständnis und spricht auch die zusätzlichen Schwierigkeiten sexueller Thematiken in kirchlichen Einrichtungen der Behindertenhilfe an. Zu einer Diskussion darüber kommt es dann leider nicht mehr. Schade, dass diese Chance verpasst wurde. Eine konstruktive Auseinandersetzung damit wäre wirklich ein neuer Ansatzpunkt gewesen.

Dafür kommt das Thema der Sexualbegleitung ausführlich zur Sprache. Was aber im gesamten Beitrag fehlt, sind positive Beispiele erfüllter Sexualität. Neben all den Problematiken sollte nicht vergessen werden, dass es viele Paare gibt, in denen die Partner mit oder ohne Behinderung Sexualität leben, ganz ohne große Dramatik, sondern als Teil des Alltags. Diese Alternative zu den vielbesprochenen Sonderwelten zu zeigen, hätte einen schönen Gegenpol zur Problematisierung gebildet.

Zum Schluss werden einige positive Entwicklungen der vergangenen Jahre beleuchtet, die Anlass zur Hoffnung auf breitere Akzeptanz und Offenheit geben: die wachsende Zahl an Beratungsangeboten, die schrittweise Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und das gesteigerte Bewusstsein über die sexuellen Bedürfnisse von allen Menschen.

#HotPersonInAWheelchair – Sexuelle Inklusion auf Twitter

Eigentlich ist der Anlass dieses bemerkenswerten Internet-Phänomens schon einige Jahre her und wäre möglicherweise gar nicht mehr der Rede wert. Da jedoch ein einzelner Tweet manchmal Berge versetzen kann, lohnt sich ein Blick darauf, was hier genau passiert ist und warum.

Im Jahr 2014 hat Ken Jennings, ein amerikanischer Quiz-Profi und Autor, folgenden Tweet gepostet:

Damals war der Aufschrei offenbar gar nicht so groß. Vor einigen Wochen allerdings entstand daraus der Hashtag #HotPersonInAWheelchair, unter dem viele User Fotos von sich im Rollstuhl veröffentlichten, oft zusammen mit positiven Botschaften.

Auch wenn der ein oder andere vielleicht etwas zögert, sich vor aller Welt selbstbewusst als attraktiven Menschen darzustellen, gibt das Phänomen einen wichtigen Hinweis auf etwas, das auch für den heutigen Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung von großer Relevanz ist: Nicht nur im Äußeren muss für Inklusion und Gerechtigkeit gekämpft werden. Ebenso wichtig ist die Einstellung der Gesellschaft zu Menschen mit Behinderung. Darauf beruht jedes Umdenken, das den Grundstein zu positiven und sichtbaren Veränderungen legen kann.

Tweets wie der von Jennings geben einen kleinen Vorgeschmack darauf, welche Hürden auf diesem Weg noch zu überwinden sind. Die Berichterstattung in den Medien (beispielsweise von der taz und bento) zeigt mal wieder das alte Problem: Solange es noch etwas besonderes ist, behinderten Menschen sexuelle Attraktivität zuzugestehen, sind solche Aktionen vonnöten. Hier spitzt sich ein gesamtgesellschaftliches Problem zu: die Auffassung davon, welche Menschen als gutaussehend zu verstehen sind. Wenn Menschen mit Merkmalen, die derzeit in der Gesellschaft als nachteilig oder gar störend empfunden werden, mehr in das öffentliche Bewusstsein und Rampenlicht rücken, ist vielleicht ein weiterer Schritt Richtung Inklusion und der Wertschätzung von Vielfalt getan. Damit Attraktivität und Behinderung nicht mehr als sich ausschließende Eigenschaften verstanden werden.

Gewinner des Goldenen Bären und Liebespaar: SWR-Portrait über Christian Bayerlein und Grit Uhlemann

Der SWR hat vor kurzem einen Beitrag über die Beziehung von Christian Bayerlein und Grit Uhlemann im Rahmen der Landesschau Rheinland-Pfalz gesendet. Der 5-minütige Bericht geht erfrischend unvoreingenommen mit dem Thema Liebe und Sexualität zwischen einem behinderten und einem nicht-behinderten Partner um.

Während vergleichbare Beiträge über behinderte Menschen und ihr Umfeld ja häufig tief in die Kiste der üblichen stereotypen Annahmen und Formulierungen („Protagonist A leidet unter Behinderung X und ist an den Rollstuhl gefesselt“) greifen, werden diese hier nicht nur vermieden, sondern auch gleich von Christian thematisiert. Dass er nicht leide, könne man ja schnell bemerken. Auch seine Freundin Grit bekräftigt das später. Christians Lebendigkeit und lebensfrohes Gemüt spielen die Hauptrolle, die Behinderung steht eher im Hintergrund.

Auch sonst ist kaum die Rede von dem, was aufgrund der Behinderung nicht geht. Relativ schnell wird stattdessen klargestellt, dass dies nicht bloß ein weiterer Beitrag auf der Inspirationsschiene ist. Der eigentlich Grund für den Bericht ist nämlich der jüngste Erfolg des Films „Touch me not“, der auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde und in dem Christian und Grit als Schauspieler zu sehen sind. Der Film beschäftigt sich mit Intimität, Sexualität, u.a. im Kontext von Behinderung.

Klar, dass da ganz praktische Fragen abseits der Leinwand und künstlerischen Umsetzung auftauchen. Wie sieht so eine Beziehung aus? Wie funktioniert das Sexualleben mit einem behinderten Partner? Und genau dort zeigt sich für mich eine weitere Besonderheit des SWR-Berichts. Er kehrt nicht ungefragt alle Zweifel unter den Teppich, sondern lässt Grit und Christian auch Bedenken äußern. Dass diese im nächsten Schritt mit Liebe und Kreativität überwunden werden können, müsste am Ende gar nicht mehr gesagt werden, wird es aber dennoch. Diese Botschaft dürfte also angekommen sein.

Genauso wie die Botschaft, dass das Außergewöhnliche an der Beziehung ja eher der Goldene Bär ist und nicht Christians Behinderung. Zum Schluss wird der Begriff der „Normalität“ vielleicht doch noch etwas überstrapaziert. Für viele mag eine Liebesbeziehung zu einem behinderten Partner nicht unmittelbar vorstellbar sein. Das Schlagwort des „besonderen, normalen Liebespaars“ erscheint dann dennoch eher gezwungen und einige Male zu oft betont.

Nichtsdestotrotz können sich Berichterstattungen über Menschen mit Behinderung an diesem Bericht ein Beispiel nehmen. Der Spruch „Vorbild sein, ohne den schweren Weg zu verschweigen“ kommt mir besonders im zweiten Teil in den Sinn. Schön, dass der SWR mutig genug ist, sich des Themas anzunehmen! Und schön, dass es Menschen gibt, die dafür Einblicke in ihr Leben geben und so hoffentlich auf lange Sicht mit Vorurteilen und stereotypen Vorstellungen aufräumen.

Interviews zu Behinderung und sexuellen Vorlieben

Nachdem es in den letzten Monaten um kissability ziemlich ruhig geworden ist, möchte ich einige aktuelle Links und Informationen zum Anlass nehmen, dem Blog auch thematisch wieder etwas Leben einzuhauchen.

Vor vier Jahren gab es hier die Interviewserie „Frag eine Devotine“ (Teil 1, 2, 3 und 4) mit einigen der ersten öffentlichen deutschsprachigen Interviews zum Thema Devotees bzw. Amelotatismus. Obwohl das Phänomen der sexuellen Vorliebe für Menschen mit Behinderung ja eher eine Randerscheinung ist, sind die Diskussionen zum Thema meist von sehr gespaltenen Meinungen geprägt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass einige Diskussionsteilnehmer schon Erfahrungen mit Devotees gemacht haben, die nicht in allen Fällen positiv verliefen. Andere hingegen sehen die Vorliebe gleichgestellt zu sonstigen sexuellen Interessen oder freuen sich über Kontakte zu Devotees.

In den vergangenen Monaten sind zwei Interviews zum Thema erschienen, in denen Devotinen zu Wort kommen und mit teilweise heiklen Fragen konfrontiert werden. Alle, die sich schon immer mal ausführlicher damit beschäftigen wollten, finden dort einen guten Ansatzpunkt.

Der br hat die Devotine Marie und ihren querschnittsgelähmten Freund interviewt. Veröffentlicht wurden dazu das gekürzte Interview in schriftlicher Form und ein ausführlicher Podcast, in dem es vor allem in der ersten Hälfte auch Gespräche über Sexualität, Beziehungen und Behinderung allgemein gibt.

Podcast über Sex mit Behinderung und Interview mit Marie:
https://www.br.de/puls/programm/puls-radio/im-namen-der-hose-sex-mit-behinderung100.html

Interview mit Marie (gekürzt) zum Nachlesen:
https://www.br.de/puls/themen/leben/querschnittlaehmung-behinderung-sex-devotees-100.html

Ein weiteres Interview zum Thema haben Udo und Gerald von Normalo TV im Dezember mit mir, Anna, geführt. Dabei geht es u.a. um die gesellschaftliche Wahrnehmung und Akzeptanz von Beziehungen mit einem behinderten Partner und das Coming-Out als Devotine.

Interview von Normalo TV mit Anna:

Solche Berichterstattungen lassen aufgrund der strittigen Thematik ja viel Raum zu Meinungsäußerungen. In einem zukünftigen Blogeintrag würde ich gern auf einige der häufigsten Bedenken und Reaktionen eingehen und auch über die vielen negativen Beispiele sprechen, die in den beiden hier gezeigten Interviews keine Erwähnung finden. Dafür freue ich mich über Fragen und Meinungen in den Kommentaren!