Archiv der Kategorie: Partnerschaft und Beziehung

YouTube: #100percentme – Ihr habt Sex?

Anouk und Lukas sind seit dreieinhalb Jahren in einer Beziehung und haben sich schon einiges anhören müssen, weil Anouk im Rollstuhl sitzt und Lukas nicht. Denn Lukas ist nicht Anouks Pfleger und hat auch kein besonders ausgeprägtes Helfersyndrom. Jetzt erklären die beiden, warum die meisten Vorurteile Quatsch sind und beantworten auch die Frage aller Fragen: Wie funktioniert das eigentlich beim Sex?

Meine persönliche Geschichte

Heute möchte einmal etwas von mir und meiner Vergangenheit erzählen. Also fange ich am besten ganz von vorne an. Ich bin 1975, also direkt in den wilden 70gern, geboren. Ich habe einen Bruder, der sechs Jahre älter ist als ich und meine Eltern leben im idyllischen Hunsrück.

Im Alter von sechs Monaten wurde bei mir Spinale Muskelatrophie diagnostiziert. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis für meine Eltern, da damals auch noch nicht sehr viel über diese Krankheit bekannt war und niemand wußte genau was gibt es denn da für Unterstützung oder frühe Hilfen.

Sie waren dann zu der Zeit mehr oder weniger auf sich allein gestellt, aber die Omas und auch der Freundeskreis haben meine Eltern unterstützt, das hat dann ganz gut funktioniert.

Das erste Erlebnis an das ich mich wirklich sehr bewusst erinnere ist, als ich mit gerade einmal sechs Jahren in ein Internat kam. Das war 1981 da gab es noch keine Betreuung oder gar Inklusion, nicht mal eine Schulassistenz, die mich hätte begleiten können. Damals war dann die einzige Option mich auf das Internat zu schicken, da die Sonderschule, zu der gehen konnte, zu weit entfernt war.

Die normale Schule wäre auch wirklich schwierig für mich gewesen, da ich speziell im Hochsprung (auch heute noch!) sehr schlecht war. 🙂

Jeder kann sich vorstellen das es für mich sehr heftig war, als Kind weg von meinen Eltern, der vertrauten Umgebung und alles was ich zu diesem Zeitpunkt gekannt hatte, gehen zu müssen. Ich hatte schreckliches Heimweh und fühlte mich anfangs auch wirklich sehr einsam.

Ich habe mir dann auch relativ schnell einen guten Freundeskreis aufgebaut, wir waren zum Teil richtige Kameraden. Einer der mit dem ich mehrere Jahre das Zimmer geteilt habe ist auch heute noch ein wirklich guter Freund, wir sind wie Brüder und so war das Gefühl der Einsamkeit auch wirklich schnell verflogen. Das Internat endete für mich mit dem Abschluss der Hauptschule, da war ich dann Anfang 20.

In meiner Jugendzeit war Sexualität ein relativ schwieriges Thema gerade auch was meine eigene Wahrnehmung und mein Selbstbewusstsein angeht.

Ich hatte zu der Zeit viele platonische Freundinnen, wenn ich da auch mal mehr versucht hatte und die nicht wollten war ich nicht total depremiert, im Gegenteil ich habe dann eben bei einer anderen mein Glück versucht! Leider hatte ich immer Probleme eine körperliche Beziehung aufzubauen, meine erste richtige Beziehung hatte ich eigentlich ziemlich spät, da war ich ungefähr Mitte 20. Wenn ich jetzt an diese Zeit zurück denke habe ich es vor meiner ersten Beziehung als relativ schwierig empfunden eine Partnerin zu finden. Gerade was das Sexuelle angeht, denn platonische Freundinnen waren nie eine Schwierigkeit für mich. Ich denke es war für die Frauen, in die ich verliebt war, schwieriger war, da ich ja in einer Einrichtung gelebt habe und man da nie wirklich Zeit für sich alleine hatte. Alles wurde im Voraus geplant und wer möchte schon eine Beziehung nach Zeitplan? Eine Partnerschaft braucht Freiraum und da will man sich nicht irgendwo rein drängen lassen, das war schon auch ein großer Störfaktor. Mein Freundeskreis bezog sich auch sehr auf Menschen aus der Einrichtung, da war kein wirklich echter Kontakt zur Außenwelt. Solange ich nur bei meinen Eltern oder eben später in der Einrichtung gelebt hab, hatte ich auch keine Beziehung. Erst mit der persönlichen Assistenz hat sich das alles zum positiven gewendet, auch was Freizeitgestaltung angeht und auch mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

So lernte ich dann meine erste Freundin kennen. Zuerst haben  wir uns nur E-mails geschrieben, das wurde immer intensiverund irgendwann waren wir dann in einer Beziehung miteinander. Das klingt jetzt vielleicht ein bißchen plakativ, man schreibt, trifft sich dann und schwupps ist man in einer Beziehung, aber genau so war es! Diese Partnerschaft hatte ich dann etwa 6 Jahre lang. Als wir zusammen gekommen sind war ich 25, bei der Trennung 31.

Wir hatten eine traditionelle Beziehung, wir haben auch zusammen gewohnt, also wie bei anderen Paaren auch. Ich habe mich in dieser Zeit auch weiter entwickelt. Aber als wir uns dann getrennt hatten, habe ich an mir gezweifelt, mein Selbstbewusstsein war ziemlich niedrig zu dem Zeitpunkt.

Das Gefühl von Einsamkeit und dem Grübeln ob ich wohl jemals wieder jemanden finden werde beschäftigten mich. Ich wollte aber nicht nur da sitzen und jammern sondern wieder aktiv teilhaben, schließlich war ich Single! So beschloss ich, aktiv zu werden und Kontakte zu knüpfen, hauptsächlich im Internet über entsprechende Seiten. Ich hatte dann wirklich mit vielen Leuten Kontakt und fand die Zeit auch sehr spannend, so viele verschiedene Charaktere kennen zu lernen. Aber auch in Bezug auf mich, meine Bedürfnisse und Vorlieben, war diese Zeit sehr lehrreich. Ich war nie ein Chorknabe und hatte mehrere kurze Affairen, manche davon auch parallel. Das war eine sehr aufregende Zeit in meinem Leben und ich habe sehr viele Erfahrungen gesammelt.

Zwischendurch hatte ich eine 2 Jährige Beziehung die doch ziemlich chaotisch war. Meine Freundin hatte Borderline und eine Bindungsstörung.  Wir hatten eine offene Beziehung, was ja an und für sich kein Problem ist, aber in der Konstellation mit Borderline war es dann schon ziemlich heftig. Auch da habe ich sehr viel über mich selbst gelernt, auch wo meine Grenzen sind, wann es besser ist mich, auch emotional, selbst zu beschützen.

Seit ungefähr 5 Jahren bin ich mit meiner jetztigen Freundin zusammen, das ist eine wieder eher bodenständige Beziehung. Ich möchte nicht sagen das es eine normale Beziehung ist, denn normal bin ich nicht 🙂 aber doch wie bei jedem anderen auch, wir lachen wir streiten, wir haben Sex, in so fern auch traditionell. Man könnte sagen, der Kreis hat sich geschlossen, und dennoch wäre das nicht ganz richtig, denn ich bin jetzt eine andere Person als zu Beginn meiner Auseinandersetzung mit Partnerschaft und Liebe.

Aber was will ich mit diesem Beitrag überhaupt sagen? Vielleicht, was wichtig ist, um eine erfüllte Partnerschaft leben zu können.

Dahin wie mein Leben jetzt ist, bin ich vorwiegend durch die persönliche Assistenz gekommen. Nur so kann ich ein Leben führen zu können wie alle anderen auch. Das ist eine fundamentale Voraussetzung für Inklusion. Nur wenn diese Basis eines selbstbestimmten Lebens gelingt, kann auch eine erfüllte Partnerschaft gelebt werden. Und welche kulturellen Zwänge eine erfüllten Partnerschaft bei einem Leben in einer Institution entgegenstehen, habe ich ja schon ausführlich weiter oben erzählt.

Was braucht es noch? Immer noch viele Menschen ein falsches Bild, da eine Berührung oder eine Begnegnung mit einem behinderten Menschen oft Ängste außlöst. Gerade weil es vielen fremd ist mit einem solchen Mensch um zu gehen. Ich denke 90% hatten niemals Kontakt mit einem Behinderten und meiner Meinung nach sollte jeder frühmöglichst gerade diesen Kontakt haben um zu wissen, das sind ganz normale Menschen wie du und ich auch, da ist nichts wo man Angst haben müsste! Leider wird die Oberflächlichkeit und das Schönheitsideal von Plattformen wie Instagram noch gepusht. Ich will das gar nicht persé verdammen, es bietet ja auch Freiheit! Es muss aber eine Balance geben zwischen dieser Oberflächlichkeit und der Realität, wo es auch eine Vielfalt an Menschen gibt. Schnelle Befriedigung von Gelüsten ist hifreich aber auf Dauer kein Ersatz für eine echte Beziehung.

Im Gegenzug hat mir das Internet auch geholfen, gerade als ich Single war. So konnte ich einfacher und schneller in Kontakt mit Menschen treten, man hat sich da zwar oft in einer Nische bewegt, aber da findet man eben wirklich Leute die einen auch attraktiv finden, also kann das Internet durchaus ein Hilfsmittel sein.

Vielleicht hab ich in diesem etwas persönlicherem Post ein bisschen von meinen eigenen Erfahrungen weitergeben können. Am wichtigsten finde ich aber : Mut. Habt Mut, zu erforschen, eure Bedürfnisse und euer Verlangen kennen zu lernen, euren eigenen Weg zu gehen und eure eigene Schönheit zu entdecken.

Braucht die Gesellschaft Sextherapie?

Nach einiger Zeit der Pause erscheint endlich mal wieder ein neuer Blog-Post auf Kissability! Der Text entstand aus einem Interview, was im Rahmen eines Artikels in der Edition F zu “Touch Me Not“ geführt wurde. Leider sind unsere Beiträge nur zum Teil in den dortigen Artikel eingeflossen, aber ich nutze die Gelegenheit, das Original hier zu veröffentlichen 🙂

Braucht die Gesellschaft Sextherapie?

Chris: Ich finde den Begriff der Therapie in diesem Zusammenhang nicht passend, denn er weckt Assoziationen zu Defiziten die repariert werden müssten und ist negativ besetzt. Was aber wichtig ist, ist dass wir als Gesellschaft offener und toleranter gegenüber der Vielfalt der Sexualität werden, auch in ihren devianten Spielarten.

Grit: Natürliche Begegnung mit sich selbst und die Kommunikation mit meinem Partner egal auf welcher Ebene, sind für mich in der Partnerschaft immer ganz wichtig gewesen. Eine Gesellschaft, die sich das als Anspruch stellt, trägt zu mehr Mitmenschlichkeit bei.

Warum lohnt es sich seine eigene Sexualität zu erkunden?

Grit: Die eigene Spannbreite meines sexuellen Ausdrucks und meiner Erfahrung haben mir sehr viel über die Art und die Tiefe meines Wesens auch im Annehmen und der Tiefe der Verbindung zu meinem Partner gezeigt.

Chris: Die eigene körperliche Wahrnehmung gehört zum Kern jeder Persönlichkeit. Wir sind alle körperliche Wesen. Eine erfüllte Sexualität ist dementsprechend eins der Grundbedürfnisse des Menschen, so wie Essen und Sicherheit. Auf der anderen Seite ist das sexuelle Empfinden individuell sehr unterschiedlich. Also muss man erstmal seinen eigenen Körper und sein Begehren kennenlernen, um überhaupt Erfüllung erlangen zu können. Viele Menschen richten sich aber nach gesellschaftlichen Narrativen und Normen aus, statt ihre eigenen Gefühle kennenzulernen. Das führt oftmals zur Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und damit verbunden zu Unglück und teilweise sogar Gewalt. Diese Spirale zu durchbrechen und die Möglichkeit zu erkunden, ein selbstbestimmtes und glückliches Leben auch im Bereich der Sexualität zu finden lohnt sich für jeden Menschen.

Wie definieren wir Attraktivität?

Grit: Attraktivität hat für mich immer was sehr persönliches gehabt, sie hat sich über die Zeit auch geändert. Es war für mich immer eine Suche nach einem Partner, mit dem ich intellektuell sehr verwoben bin und der ein gewisses Charisma besitzt, dass aber von guten Absichten geprägt ist. Ein Partner mit dem man sich gut austauschen kann, ist quasi schon die „dreiviertele Miete“ der Beziehung. Mit Christian empfinde ich mich in beidem verbunden, sowohl die gemeinsame Auseinandersetzung mit unserer täglichen eigenen Beziehung, als auch mit der Begegnung unserer Umgebung.

Chris: Intime Anziehung kann auf enorm vielen Facetten basieren und was man als attraktiv empfindet, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Ich stehe sicherlich auf andere Eigenschaften und Merkmale, als mein Nachbar, mein Postbote oder die Autorin dieses Textes. Unterm Strich kann man es niemals jedem Recht machen und allen gefallen. Was so ernüchternd klingt hat aber in Wahrheit etwas charmantes und positives: jeder Mensch hat nämlich auch Eigenschaften, die attraktiv sind und auf andere Menschen anziehend wirken. In dem man sich selbst kennenlernt und experimentiert, kann man diese „herausputzen“. Es mag vielleicht wie ein Cliché klingen, aber letzten Endes ist das genau der Grund, warum wahre Schönheit von innen kommt.

Es geht dabei nämlich nicht darum, seinen Körper zu verleugnen, sondern ganz im Gegenteil, ihn zu erkennen und anzunehmen.

Was haben wir über uns und andere durch den Film (Touch Me Not) gelernt?

Grit: Für mich war es ein großer Schritt, zwischen meiner ersten Begegnung mit Adina über Skype und dem Raum, wo ich mich jetzt befinde. Eine sehr großer Erfahrungsschatz an menschlicher Verbindung und Austausch, sexueller Vielfalt, eigener kommunikativer Ausdrucksmöglichkeiten und der sehr tiefen Annahme meines Wesens seitens des Publikums haben mir es ermöglicht jetzt in diesem Leben verankert zu sein. Und ich wünsche mir von Herzen, das so eine Menschlichkeit geschaffen wird, indem jeder sich selbst erfahren kann und wir die Offenheit besitzen, diese Vielfalt zu tragen.

Chris: In erster Linie war es eine super spannende und bereichernde Erfahrung, bei einem solchen experimentellen und künstlerischen Projekt beteiligt gewesen sein. Wir haben viele tolle Menschen kennengelernt und viele intensive Beziehungen geknüpft. Durch die Arbeit mit den Tagebüchern und die Reflexion mit Adina und den anderen Protagonisten konnte ich meine Haltung zu den Themen des Films tiefer herausarbeiten und festigen. Etwas sehr wichtiges habe ich aber auch durch das Publikum und die Medienöffentlichkeit gelernt, nachdem der Film bekannt wurde: Das Thema “Intimität und Körperlichkeit“ ist enorm wichtig und berührt viele Menschen in ihrem innersten Kern. Das ist für viele oftmals nicht einfach. Gerade deswegen lohnt es sich vielleicht genauer hinzuschauen.

Was ist unser Ratschlag an Leute, die ihre Sexualität befreien wollen?

Chris: Meiner Meinung nach gibt es zwei große Kräfte, die einen daran hindern, sexuelle Freiheit zu leben: zum einen ist da die Scham und die Angst, nicht gut genug zu sein und beurteilt zu werden. Zum anderen gibt es gesellschaftliche Normen und Zwänge, die es einem schwer machen, seine Bedürfnisse und Sehnsüchte offen zu zeigen. Beide Kräfte sind schwer zu überwinden, vor allen Dingen, weil sie so tief mit unserem  Unterbewusstsein eingegraben sind. Ich glaube, der erste Schritt sollte sein, die innere Scham anzuerkennen. Erst dann kann man versuchen, über sie hinauszuwachsen, wenn man das möchte.

Grit: Follow your guts! Folge dem, wonach du dich sehnst….am besten in allen Lebensbereichen. Fühle die Freiheit, die du dir erträumst. Spüre deinen Körper!

Einen fruchtbaren Austausch mit Menschen, denen man vertraut, fand ich immer wertvoll, da das die eigenen Schamgrenzen und Zwänge, die wir durch unsere Umgebung aufgebaut haben, aufbrechen kann.

Oft stellt man im Nachhinein fest, dass die Beklemmungen und Ängste gar nicht gerechtfertigt waren.

Braucht die Gesellschaft eine Sextherapie?

Im Rahmen eines Interviews zu unserem Film „Touch Me Not“ wurden Grit und mir neulich sehr interessante Fragen gestellt. Das Interview wurde nicht in voller Länge veröffentlicht, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen, sie hier zu publizieren. Viel Spaß beim Lesen!

Braucht die Gesellschaft Sextherapie?

Chris: Ich finde den Begriff der Therapie in diesem Zusammenhang nicht passend, denn er weckt Assoziationen zu Defiziten die repariert werden müssten und ist negativ besetzt. Was aber wichtig ist, ist dass wir als Gesellschaft offener und toleranter gegenüber der Vielfalt der Sexualität werden, auch in ihren devianten Spielarten.

Grit: Natürliche Begegnung mit sich selbst und die Kommunikation mit meinem Partner egal auf welcher Ebene, sind für mich in der Partnerschaft immer ganz wichtig gewesen. Eine Gesellschaft, die sich das als Anspruch stellt, trägt zu mehr Mitmenschlichkeit bei.

Warum lohnt es sich seine eigene Sexualität zu erkunden?

Grit: Die eigene Spannbreite meines sexuellen Ausdrucks und meiner Erfahrung haben mir sehr viel über die Art und die Tiefe meines Wesens auch im Annehmen und der Tiefe der Verbindung zu meinem Partner gezeigt.

Chris: Die eigene körperliche Wahrnehmung gehört zum Kern jeder Persönlichkeit. Wir sind alle körperliche Wesen. Eine erfüllte Sexualität ist dementsprechend eins der Grundbedürfnisse des Menschen, so wie Essen und Sicherheit. Auf der anderen Seite ist das sexuelle Empfinden individuell sehr unterschiedlich. Also muss man erstmal seinen eigenen Körper und sein Begehren kennenlernen, um überhaupt Erfüllung erlangen zu können. Viele Menschen richten sich aber nach gesellschaftlichen Narrativen und Normen aus, statt ihre eigenen Gefühle kennenzulernen. Das führt oftmals zur Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und damit verbunden zu Unglück und teilweise sogar Gewalt. Diese Spirale zu durchbrechen und die Möglichkeit zu erkunden, ein selbstbestimmtes und glückliches Leben auch im Bereich der Sexualität zu finden lohnt sich für jeden Menschen.

Wie definieren wir Attraktivität?

Grit: Attraktivität hat für mich immer was sehr persönliches gehabt, sie hat sich über die Zeit auch geändert. Es war für mich immer eine Suche nach einem Partner, mit dem ich intellektuell sehr verwoben bin und der ein gewisses Charisma besitzt, dass aber von guten Absichten geprägt ist. Ein Partner mit dem man sich gut austauschen kann, ist quasi schon die „dreiviertele Miete“ der Beziehung. Mit Christian empfinde ich mich in beidem verbunden, sowohl die gemeinsame Auseinandersetzung mit unserer täglichen eigenen Beziehung, als auch mit der Begegnung unserer Umgebung.

Chris: Intime Anziehung kann auf enorm vielen Facetten basieren und was man als attraktiv empfindet, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Ich stehe sicherlich auf andere Eigenschaften und Merkmale, als mein Nachbar, mein Postbote oder die Autorin dieses Textes. Unterm Strich kann man es niemals jedem Recht machen und allen gefallen. Was so ernüchternd klingt hat aber in Wahrheit etwas charmantes und positives: jeder Mensch hat nämlich auch Eigenschaften, die attraktiv sind und auf andere Menschen anziehend wirken. In dem man sich selbst kennenlernt und experimentiert, kann man diese „herausputzen“. Es mag vielleicht wie ein Cliché klingen, aber letzten Endes ist das genau der Grund, warum wahre Schönheit von innen kommt.
Es geht dabei nämlich nicht darum, seinen Körper zu verleugnen, sondern ganz im Gegenteil, ihn zu erkennen und anzunehmen.

Was haben wir über uns und andere durch den Film gelernt?

Grit: Für mich war es ein großer Schritt, zwischen meiner ersten Begegnung mit Adina über Skype und dem Raum, wo ich mich jetzt befinde. Eine sehr großer Erfahrungsschatz an menschlicher Verbindung und Austausch, sexueller Vielfalt, eigener kommunikativer Ausdrucksmöglichkeiten und der sehr tiefen Annahme meines Wesens seitens des Publikums haben mir es ermöglicht jetzt in diesem Leben verankert zu sein. Und ich wünsche mir von Herzen, das so eine Menschlichkeit geschaffen wird, indem jeder sich selbst erfahren kann und wir die Offenheit besitzen, diese Vielfalt zu tragen.

Chris: In erster Linie war es eine super spannende und bereichernde Erfahrung, bei einem solchen experimentellen und künstlerischen Projekt beteiligt gewesen sein. Wir haben viele tolle Menschen kennengelernt und viele intensive Beziehungen geknüpft. Durch die Arbeit mit den Tagebüchern und die Reflexion mit Adina und den anderen Protagonisten konnte ich meine Haltung zu den Themen des Films tiefer herausarbeiten und festigen. Etwas sehr wichtiges habe ich aber auch durch das Publikum und die Medienöffentlichkeit gelernt, nachdem der Film bekannt wurde: Das Thema “Intimität und Körperlichkeit“ ist enorm wichtig und berührt viele Menschen in ihrem innersten Kern. Das ist für viele oftmals nicht einfach. Gerade deswegen lohnt es sich vielleicht genauer hinzuschauen.

Was ist unser Ratschlag an Leute, die ihre Sexualität befreien wollen?

Chris: Meiner Meinung nach gibt es zwei große Kräfte, die einen daran hindern, sexuelle Freiheit zu leben: zum einen ist da die Scham und die Angst, nicht gut genug zu sein und beurteilt zu werden. Zum anderen gibt es gesellschaftliche Normen und Zwänge, die es einem schwer machen, seine Bedürfnisse und Sehnsüchte offen zu zeigen. Beide Kräfte sind schwer zu überwinden, vor allen Dingen, weil sie so tief mit unserem  Unterbewusstsein eingegraben sind. Ich glaube, der erste Schritt sollte sein, die innere Scham anzuerkennen. Erst dann kann man versuchen, über sie hinauszuwachsen, wenn man das möchte.

Grit: Follow your guts! Folge dem, wonach du dich sehnst….am besten in allen Lebensbereichen. Fühle die Freiheit, die du dir erträumst. Spüre deinen Körper!

Einen fruchtbaren Austausch mit Menschen, denen man vertraut, fand ich immer wertvoll, da das die eigenen Schamgrenzen und Zwänge, die wir durch unsere Umgebung aufgebaut haben, aufbrechen kann.

Oft stellt man im Nachhinein fest, dass die Beklemmungen und Ängste gar nicht gerechtfertigt waren.

 

Die 5 besten Arten zu kuscheln: Shane Burcaws Liebesleben im Vlog

Im Jahr 2011 begann Shane Burcaw in einem Blog auf humorvolle Weise über sein Leben mit SMA zu schreiben. Die ehrlichen und erfrischenden Geschichten fanden immer mehr Leser. Der Autor gründete daraufhin die gemeinnützige Organisation Laughing At My Nightmare (deutsch etwa: „Lachen über meinen Albtraum“), die mithilfe von Spendengeldern Equipment für Menschen mit Muskeldystrophie finanziert und eine positive Einstellung gegenüber Vielfältigkeit vermitteln will. Doch damit nicht genug: Shane Burcaw hat seine Erlebnisse bereits in mehreren Büchern veröffentlicht (u.a. „Strangers assume my girlfriend is my nurse“, deutsch etwa: „Fremde nehmen an, meine Freundin sei meine Pflegerin“). Seit Kurzem zeigt er auf Youtube Ausschnitte aus seinem Leben.

Der Vlog „Squirmy and Grubs“ konzentriert sich vor allem auf die Beziehung von Shane und Hannah. In der Kanalbeschreibung auf Youtube heißt es: „We’ve been dating for over two years, and we’ve discovered that people find our relationship to be pretty peculiar.“ (deutsch etwa: „Wir sind seit über zwei Jahren zusammen und erleben, dass Leute unsere Beziehung ziemlich merkwürdig finden.“) Grund genug für die beiden, den Zuschauern Einblicke in ihr (Liebes-) Leben zu gewähren: die 5 besten Arten zu kuscheln, gemeinsames Duschen und wie man das Beste aus gar-nicht-mal-so-barrierefreien Toiletten auf einem Europa-Trip macht. Die Offenheit, mit der die beiden diese Videos angehen, mag schon wieder eine eigene Merkwürdigkeit kreieren ;).

Die Videos sind alle auf Englisch, aber mit englischen Untertiteln fällt das Verstehen etwas leichter. Ich kann den Vlog nur allen ans Herz legen, die Beziehung und Sexualität mit Behinderung schon immer mal von einer locker-humorvollen Seite betrachten wollten! Und vielleicht gibt es ja die ein oder andere Anregung …

 

 

Gewinner des Goldenen Bären und Liebespaar: SWR-Portrait über Christian Bayerlein und Grit Uhlemann

Der SWR hat vor kurzem einen Beitrag über die Beziehung von Christian Bayerlein und Grit Uhlemann im Rahmen der Landesschau Rheinland-Pfalz gesendet. Der 5-minütige Bericht geht erfrischend unvoreingenommen mit dem Thema Liebe und Sexualität zwischen einem behinderten und einem nicht-behinderten Partner um.

Während vergleichbare Beiträge über behinderte Menschen und ihr Umfeld ja häufig tief in die Kiste der üblichen stereotypen Annahmen und Formulierungen („Protagonist A leidet unter Behinderung X und ist an den Rollstuhl gefesselt“) greifen, werden diese hier nicht nur vermieden, sondern auch gleich von Christian thematisiert. Dass er nicht leide, könne man ja schnell bemerken. Auch seine Freundin Grit bekräftigt das später. Christians Lebendigkeit und lebensfrohes Gemüt spielen die Hauptrolle, die Behinderung steht eher im Hintergrund.

Auch sonst ist kaum die Rede von dem, was aufgrund der Behinderung nicht geht. Relativ schnell wird stattdessen klargestellt, dass dies nicht bloß ein weiterer Beitrag auf der Inspirationsschiene ist. Der eigentlich Grund für den Bericht ist nämlich der jüngste Erfolg des Films „Touch me not“, der auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde und in dem Christian und Grit als Schauspieler zu sehen sind. Der Film beschäftigt sich mit Intimität, Sexualität, u.a. im Kontext von Behinderung.

Klar, dass da ganz praktische Fragen abseits der Leinwand und künstlerischen Umsetzung auftauchen. Wie sieht so eine Beziehung aus? Wie funktioniert das Sexualleben mit einem behinderten Partner? Und genau dort zeigt sich für mich eine weitere Besonderheit des SWR-Berichts. Er kehrt nicht ungefragt alle Zweifel unter den Teppich, sondern lässt Grit und Christian auch Bedenken äußern. Dass diese im nächsten Schritt mit Liebe und Kreativität überwunden werden können, müsste am Ende gar nicht mehr gesagt werden, wird es aber dennoch. Diese Botschaft dürfte also angekommen sein.

Genauso wie die Botschaft, dass das Außergewöhnliche an der Beziehung ja eher der Goldene Bär ist und nicht Christians Behinderung. Zum Schluss wird der Begriff der „Normalität“ vielleicht doch noch etwas überstrapaziert. Für viele mag eine Liebesbeziehung zu einem behinderten Partner nicht unmittelbar vorstellbar sein. Das Schlagwort des „besonderen, normalen Liebespaars“ erscheint dann dennoch eher gezwungen und einige Male zu oft betont.

Nichtsdestotrotz können sich Berichterstattungen über Menschen mit Behinderung an diesem Bericht ein Beispiel nehmen. Der Spruch „Vorbild sein, ohne den schweren Weg zu verschweigen“ kommt mir besonders im zweiten Teil in den Sinn. Schön, dass der SWR mutig genug ist, sich des Themas anzunehmen! Und schön, dass es Menschen gibt, die dafür Einblicke in ihr Leben geben und so hoffentlich auf lange Sicht mit Vorurteilen und stereotypen Vorstellungen aufräumen.

Interviews zu Behinderung und sexuellen Vorlieben

Nachdem es in den letzten Monaten um kissability ziemlich ruhig geworden ist, möchte ich einige aktuelle Links und Informationen zum Anlass nehmen, dem Blog auch thematisch wieder etwas Leben einzuhauchen.

Vor vier Jahren gab es hier die Interviewserie „Frag eine Devotine“ (Teil 1, 2, 3 und 4) mit einigen der ersten öffentlichen deutschsprachigen Interviews zum Thema Devotees bzw. Amelotatismus. Obwohl das Phänomen der sexuellen Vorliebe für Menschen mit Behinderung ja eher eine Randerscheinung ist, sind die Diskussionen zum Thema meist von sehr gespaltenen Meinungen geprägt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass einige Diskussionsteilnehmer schon Erfahrungen mit Devotees gemacht haben, die nicht in allen Fällen positiv verliefen. Andere hingegen sehen die Vorliebe gleichgestellt zu sonstigen sexuellen Interessen oder freuen sich über Kontakte zu Devotees.

In den vergangenen Monaten sind zwei Interviews zum Thema erschienen, in denen Devotinen zu Wort kommen und mit teilweise heiklen Fragen konfrontiert werden. Alle, die sich schon immer mal ausführlicher damit beschäftigen wollten, finden dort einen guten Ansatzpunkt.

Der br hat die Devotine Marie und ihren querschnittsgelähmten Freund interviewt. Veröffentlicht wurden dazu das gekürzte Interview in schriftlicher Form und ein ausführlicher Podcast, in dem es vor allem in der ersten Hälfte auch Gespräche über Sexualität, Beziehungen und Behinderung allgemein gibt.

Podcast über Sex mit Behinderung und Interview mit Marie:
https://www.br.de/puls/programm/puls-radio/im-namen-der-hose-sex-mit-behinderung100.html

Interview mit Marie (gekürzt) zum Nachlesen:
https://www.br.de/puls/themen/leben/querschnittlaehmung-behinderung-sex-devotees-100.html

Ein weiteres Interview zum Thema haben Udo und Gerald von Normalo TV im Dezember mit mir, Anna, geführt. Dabei geht es u.a. um die gesellschaftliche Wahrnehmung und Akzeptanz von Beziehungen mit einem behinderten Partner und das Coming-Out als Devotine.

Interview von Normalo TV mit Anna:

Solche Berichterstattungen lassen aufgrund der strittigen Thematik ja viel Raum zu Meinungsäußerungen. In einem zukünftigen Blogeintrag würde ich gern auf einige der häufigsten Bedenken und Reaktionen eingehen und auch über die vielen negativen Beispiele sprechen, die in den beiden hier gezeigten Interviews keine Erwähnung finden. Dafür freue ich mich über Fragen und Meinungen in den Kommentaren!

Liebe ist barrierefrei

Valentinstag mit dem „Ambassador of Awesomeness“

Am Wochenende des Valentinstags hatten meine Freundin und ich Besuch von Hannah, einer jungen Frau, die als Bewerbungsaufgabe für die Aufnahme an die Filmhochschule München ein dokumentarisches Essay als Grundlage für ein mögliches Drehbuch zu einem Porträt über mich geschrieben hat. Wir waren gemeinsam unterwegs und hatten zwei spannende Tage, mit tollen Gesprächen und Interviews. Ich denke, das Ergebnis ist auch spitze geworden und ich will es euch nicht vorenthalten 🙂


Text © Hannah Schumacher 2016

14. Februar 2016, vormittags. Der Blumenladen an der Ecke zur Löhrstraße hat gut damit zu tun, Blumen ästhetisch zurechtzuschneiden und in zahlende Hände zu drücken. Junge Paare drängen sich Händchen haltend an großflächigen Werbeplakaten vorbei, auf denen sie sich mit viel Rosa repräsentiert und als Mainstream vermarktet sehen. Als Mitglied der neuheidnischen Szene hält Christian Bayerlein (41) den Valentinstag zwar nicht für eine Verschwörung der Blumenindustrie, nutzt ihn aber lieber, um mit seiner Lebensgefährtin Grit und ihrer gemeinsamen Freundin Elke eine Lichtung ausfindig zu machen, auf der im Frühling in der Nacht auf den ersten Mai mit dem „Rabenclan“ das Beltane-Fest gefeiert werden soll. „Ich war immer der Ansicht, dass Beltane die Hochzeit von Gott und Göttin ist. Und ich hab mich aber belehren lassen, dass das eine sehr eingeschränkte Sichtweise ist, weil das eigentlich nur die Wicca glauben, viele andere Neuheiden haben ein polytheistisches Weltbild mit vielen Göttern und das Ganze auf nur einen Gott und eine Göttin zu reduzieren wäre halt falsch. Trotzdem hat es für mich auch sehr viel Sinnliches als Fest, und das Thema der Liebe, der Vermählung, Verschmelzung steht für mich trotzdem noch im Zentrum – auch in der Hinsicht, dass die komplette Natur da anfängt zu blühen, zu wachsen, zu sprießen und aufzuwachen sozusagen und der Sommer naht mit all seiner Kraft. Es ist für mich ein sehr symbolisches Bild was Liebe und Eros angeht, da es auch in den Menschen, in mir die Gefühle von Zuneigung, von Erotik und Sinnlichkeit wachsen – nicht zuletzt spricht man ja von Frühlingsgefühlen. Und ich glaube das ist im Wonnemonat Mai gerade sehr intensiv. Und auch Feuer ist ein sehr starkes Symbol an Beltane, Feuer spielt für mich eine ganz zentrale Rolle bei dem Fest. Das hat eine sehr starke sinnliche Energie.“

Seine Fußmatte behauptet „There is no place like 127.0.0.1“, dabei ist der studierte Informatiker eigentlich ständig auf Achse und liebt das Reisen über Couchsurfing und AirBnB. Auch seine eigene Couch stellt er für Globetrotter aller Art zur Verfügung, er lernt gerne Leute kennen – für einen sonst typischen Nerd ist er ausgesprochen atypisch sozial. Im Wohnzimmer hängt ein Bild von der Welt als Kartenprojektion, direkt über der Star Trek-DVD-Sammlung, es gibt fast keinen Kontinent, auf dem er noch nicht war. Nur die Antarktis ist ihm einfach zu kalt. Auch jetzt verlässt er das Haus nicht ohne Decke und Wärmflasche. Wer sich nicht bewegen kann, friert eben sehr leicht, sagt Grit. In der Zimmerecke unter der Weltkarte steht ein Rollstuhl. Gleich geht die Reise in die Eifel los, vorher muss aber noch das übliche Morgenritual absolviert werden. Grit füttert ihn mit Bananenmus, putzt ihm die Zähne, zieht ihm Windel und Strumpfhose an und kämmt seine lange Metalhead-Mähne. Für sie ist Romantik vor allem Wärme, Zärtlichkeit und Vertrautheit. „Das wird auch dadurch, dass ich Christian so viel hin und her bewege noch intensiviert, ich bin jemand, der sehr stark mit dieser Nähe arbeitet und davon viel zieht.“ Wenn sie nicht da ist, beschäftigt Christian Assistentinnen. Er genießt sichtlich das Gefühl der Bürste auf der Kopfhaut. Selbst am Kopf kratzen kann er sich durch seine fortgeschrittene spinale Muskelatrophie nicht, Bewegungsfreiheit bleibt ihm nur im Gesicht und im Geist. Online ist er über sein Smartphone praktisch ständig, die Hälfte seiner Wachzeit bewegt er sich aktiv im Worldwide Web.

Der keltische Knoten, der seine Schulter ziert, ist gleichzeitig der großflächige Heckaufkleber des geräumigen, behindertengerechten Kombis. Was Christian unter die Haut geht, trägt er in die Welt hinaus – so auch seine Identität als Mensch mit einem Liebesleben.

Der ehemalige Behindertenbeauftragte der Stadt Koblenz hat vor einigen Jahren durch doppelten Bruch mit ungeschriebenen Verschwiegenheitsregeln für Furore im Stadtrat gesorgt, die CDU verhinderte seine Wiederwahl, auch wenn alle seine Äußerungen diesbezüglich lediglich im privaten Rahmen getätigt wurden. Sexualität von Behinderten sei eben immer noch ein Tabuthema, sagt er. „Ich gehe offen damit um, und zwar nicht nur Vanilla, sondern auch noch Kink – das war denen wohl ein bisschen zu radikal-progressiv.“, zwinkert er. „Für mich ist es total wichtig – das glaube ich, kann man nur jedem ans Herz legen, dass er sich damit auseinander setzt, was er mag und was nicht. Dass er da eine Offenheit hat und nicht im Bett das macht was alle machen, nur weil es alle machen. Ich finde es viel erfüllender, wenn man experimentiert, wenn man schaut „Was macht mich denn an?“ und wenn man offen dazu stehen kann.“ Durch die SMA ist seine Aussprache etwas undeutlich, die Worte die er wählt sind es nicht.

Seine Freundin fährt die blinkende Rampe an der Seite des Autos aus. „Cool!“, ruft ein vorbeilaufendes Kind. Christian fährt mit seinem Rollstuhl „Quickie“ auf die Einstiegshilfe zu, er navigiert ihn über eine Steuerungsapparatur mit dem Mund. Auch während Grit den Wagen lenkt, übernimmt er die Navigation, er hat gern die Kontrolle. Auf der BDSM-Skala zwischen submissiv und dominant ordnet er sich im eindeutig dominanten Bereich ein. „Das hat nicht unbedingt was damit zu tun, wie aktiv man ist – offensichtlich kann ich mich nicht bewegen, aber ich glaube, das hat mit Dominanz relativ wenig zu tun, man kann auch mit Worten präsent sein und eine gewisse Präsenz ausstrahlen und auch eine gewisse Macht.“ Die Fahrt ins Mittelgebirge dauert über eine Stunde – für das heidnische Fest der Liebe wird keine Mühe gescheut. Christian glaubt hauptsächlich an die Wissenschaft, das schließt ein gewisses religiöses Brauchtum aber nicht aus, findet er. Er mag Science und Fiction. „Ich bin eigentlich sogar christlich sozialisiert, aber ich selber bin eigentlich eher skeptisch im Sinne von alles zu hinterfragen – und trotzdem bin ich ein Mensch, der fühlt, dass es was gibt, was eine übergeordnete Funktion spielt. Oder was alles durchzieht. Das ist nicht wirklich wissenschaftlich messbar, aber es ist was, das ich in mir spüre und insofern kann ich es auch nicht leugnen. Und zudem, das Heidentum, das ich lebe, bezieht sich in meinem Weltbild auch auf Symboliken, symbolisches Handeln, das dann Auswirkungen auf meine wahrgenommene Realität hat. Das ist dann weniger spirituell, sondern einfach ein pragmatisches, rituelles Handeln, bestimmte Werte einzuüben auch – um eine Gemeinschaft zu bilden zum Beispiel, oder um Solidarität auszudrücken. Oder solche Sachen wie Liebe an Beltane zu unterstreichen, das ist ja nichts Esoterisches, Liebe existiert ja und ist schließlich auch nicht mit Wissenschaft messbar – und trotzdem wird sie mir wohl auch nicht widersprechen, wenn ich behaupte, dass Liebe etwas real Existierendes ist.“ Es fängt an zu regnen, Straßenschilder und dunkler werdende Wolken ziehen vorbei. Die 
Landschaft wird hügeliger und der Kombi biegt in immer unwegsamere, matschige Feldwege ein. „Du hast das Schlachtschiff aber gut im Griff“, sagt Elke zu Grit. „Ach, das ging schnell. Das war eigentlich ie schwer“, meint sie. „Es hat so eine tolle Kamera hinten dran.“ Unter den Regen, der an die Fensterscheiben klatscht, mischen sich immer deutlicher auch Schneeflocken. Schlechte Aussichten für die Planung des Maifestes.

„Ist nicht das Wetter, das man sich für eine solche Expedition wünschen würde“, lacht Elke. „Ich kann mir kaum vorstellen, wie das Ganze in grün aussieht.“ Dadurch lässt sich das Orga-Team allerdings nicht entmutigen, immer tiefer in den Wald rumpelt das Auto. Rechts und links am Wegrand liegen abgeholzte Baumstämme aufeinander gestapelt, die keine Blätterkrone mehr tragen werden, genormt und lieferfertig, wie die bunten Schnittblumen, die heute überall im Angebot sind. Der Schnee bleibt jetzt liegen. Der Frühling, der gefeiert werden soll, schien nie weiter weg, weit und breit ist keine geeignete Lichtung in Sicht. Kapitän Christian kommandiert weiter zum Vormarsch. Ja, er ist sich sicher. Da und dort schwärmen die beiden Frauen aus, um sich in der Peripherie umzusehen, bisher ohne Erfolg. Am Wegrand hat der Förster ein paar abgebrochene Äste zu einem lodernden Scheiterhaufen aufgetürmt, das sich vom heftigen Schneefall nicht irritieren lässt. Ein Leuchten der Hoffnung. Auch bei Beltane wird wie immer ein Lagerfeuer im Zentrum stehen. „Mit meiner letzten Gruppe haben wir das so gemacht, dass jeder über das Feuer gesprungen ist und sich laut schreiend was gewünscht hat. Mit Christian müssten wir uns da was anderes einfallen lassen.“, überlegt Elke. „Ich bin das Feuer!“, ruft Christian. „Heiß genug bin ich.“ Es soll auch oft zwei Feuer gegeben haben, zwischen denen man herlaufen konnte. „Oder tanzen“, sagt Grit. Nichttänzer Christian weigert sich entschieden. „Du kannst ja mit deinem Joystick tanzen.“, scherzt sie und steckt alle mit dem Lachen an.

Das Pfadfinderheim Ettelscheid, in dem die Übernachtung stattfinden soll, schickt die Truppe noch einen Hügel weiter, da habe man eine Lichtung gepachtet. Doch auch diese liegt im Hang, das Gelände ist hier abschüssig und die Pfade eng und serpentinenreich – ebenerdiger Boden ist im Mittelgebirge rar.

Der holprige Weg hat alle durchgeschüttelt und langsam fühlt Christian sich nicht mehr wohl, er muss sich anders hinsetzen, irgendetwas schneidet ein und tut weh. Die Sicherheit loszuwerden, wird zum Entfesselungsakt. In Beziehungen mag der Angestellte des Bundesarchivs Stabilität, Langfristigkeit und feste Bindungen, solange diese Bindungen nicht zu Zwängen und Fesseln werden. Er hat viel experimentiert, auch in Beziehungen mit mehr als einer Person gelebt. „Ich hab mit Polyamorie Kontakt gehabt im Zeitraum nach meiner ersten Beziehung und hab gemerkt, dass viele monoamore Denkweisen überhaupt nicht mit mir harmonieren, so was wie Besitzdenken oder so was wie „Man kann nur einen lieben“ oder „die Liebe bezieht sich immer nur auf eine Person, die dann hochstilisiert wird“ ist nichts, was ich in mir trage. Und im polyamoren Kontext gibt es sehr viele Ansichten, die mir sehr behagen, zum Beispiel, dass man offen miteinander umgeht und den Austausch pflegt, welche Bedürfnisse man hat. Das ist was, das Polys immer wieder machen müssen, weil ansonsten das ganze System zusammenfallen würde. (…) Viele Polys sagen, sie sind eifersuchtsfrei – das kann ich jetzt nicht von mir behaupten, ich kann durchaus sehr eifersüchtig sein, ich weiß aber auch, dass es bei mir sehr stark mit Verlustangst zusammenhängt. Ich glaube, wenn ich die nicht hätte, dann wär ich auch eifersuchtsfrei, weil, allein die Tatsache, dass ein sexueller Kontakt nach außen besteht, macht mir keine Angst, die besteht bei mir wenn dann darin, dass die Freundin nicht mehr zurückkommt oder ich dann nicht mehr so viel wert bin. Ich hab viele Freunde im polyamoren Kreis, hab in der Zeit auch viele Menschen kennengelernt, die ich sehr wertschätze und von denen ich auch viel gelernt hab. Auch wenn ich jetzt in einer festen Beziehung bin, halte ich die Werte aus dem polyamoren Rahmen immer noch sehr hoch, muss ich sagen.“ Grit hat andere persönliche Erfahrungen gemacht und ein recht negatives Bild vom Miteinander in dieser Art von „Hupfleben“, sie fühlt sich leicht in Konkurrenz mit anderen, sagt sie. Sie befreit ihn aus den Gurten, schnallt ihn erst vom Auto, dann vom Rollstuhl und nimmt ihn in die Arme. Sie duckt sich unter dem Dach des Kombis, ohne recht zu wissen wohin mit ihrem Freund. Das Dirigieren wird zur Mühsal, das Auto ist zwar groß, aber doch sehr eng und ohne klare Anweisungen gibt es ein Chaos. Elke möchte nicht im Weg sein, weiß aber nicht genau, wie sie helfen kann. Der Rollstuhl ist sehr sperrig, vielleicht möchte Christian doch lieber damit nach draußen fahren? Es ist zu wenig Raum zum Atmen, die Stimmung wirkt angespannt bei dem sonst ausgesprochen souveränen Paar. Die Rückbank wird freigeräumt, damit Chris sich hinlegen kann, aber er möchte doch lieber auf den Fahrersitz. Liebevoll legt Grit ihn darauf ab und lockert den Bund der Strumpfhose, dann auch die Windel und lässt ihn ausruhen. Sie bugsiert sich durch die vordere Sitzreihe zu Elke nach hinten. Der Niederschlag lässt langsam nach. Die Verschnaufpause im Auto wird kurzerhand zu Recherchezwecken genutzt, Elke und Grit studieren Tonnen an Büchern zur keltischen Mythologie, der Rabenclan nimmt akademisch fundiertes Wissen sehr ernst. Das übergreifende Thema dieses Jahr sollen Feen sein, vielleicht tanzen sie auch wieder mit Vogelmasken, das haben sie schon einmal gemacht. Grit sitzt entspannt am Boden und liest einen Abschnitt über Kraniche als Symbol der Fruchtbarkeit vor.

„Ihre kultischen Tänze mag man sich als männlichen Initiationsritus vorstellen, die Tänzer vermummt mit Masken des Kranichs, des größten Zugvogels Europas. Seine Ankunft im Frühjahr bedeutete den Beginn des bäuerlichen Jahres – aber auch der Kampfsaison – sein Abflug dessen Ende.“

Christian hat auf Facebook eine eigene Seite als „Ambassador of Awesomeness“ – das ist nicht so leicht zu übersetzen, findet er. „Viele Leute ergeben sich so ein bisschen in ihr…in der Alltäglichkeit. Also geben sich mit Zufriedenheit zufrieden. Mit „Das ist ja ganz nett“ oder mit mediokrem Leben. Und ich mag’s extrem. Diese Mittelmäßigkeit, damit könnte ich nichts anfangen. Ich bin ein Mensch, der… ich glaub, wenn ich laufen könnte, oder wenn ich mich bewegen könnte, dann wär ich mit Sicherheit auch Extremsportler in irgendeiner Art und Weise. Sei es Fallschirmspringen oder Paragliding oder irgendwas. Dahinter steht ja ein gewisser Hang zur Erlebniswelt, zum Erleben von speziellen Situationen und auch wieder ein bisschen der Forschertrieb. Sachen zu entdecken. Ich mag es eben, solche Sachen zu erleben, die eine besondere, exzellente Qualität haben. Und im Deutschen gibt es da kein gutes Wort für. Im Allgemeinen wird „awesome“ mit „geil“ oder „super“ übersetzt, oder so, aber das trifft’s meiner Meinung nach nicht. Es hat so was von „Da steht einem der Mund offen“. Das sind Momente, die ich total mag und gerne die Welt mit durchfluten möchte. Und der Ambassador kommt daher, dass ich das tatsächlich auch in die Welt hinaustrage, es ist ein bisschen ein Spiel damit. Ironisch, mit einem Augenzwinkern – ich bin der Botschafter. Aber ich glaube schon, dass es vielen Leuten gut tun würde, mehr von dieser Qualität in ihr Leben zu holen. Wobei es natürlich auch ein ironisches Spiel mit dem ist, dass viele Menschen den Blick auf behinderte Menschen mit „Inspiration Porn“ werfen. Da gibt es so einen gewissen Narrativ, der erzählt; wenn man behindert ist und irgendwie sein Leben lebt, dass man dann eine Inspiration für andere ist, dass man irgendetwas bewältigt oder schafft oder so. Und das ist natürlich auch ein heimtückischer Narrativ, weil’s wiederum einen ausschließt. Dadurch dass man demjenigen unterstellt, dass er was Besonderes oder was Inspirierendes, ganz Außergewöhnliches macht, holt man ihn aus der Normalität wieder raus. Inklusion – das sollte ja so sein – bedeutet auch, dass jeder Mensch ein normales Leben führen kann. „Ich führ euch was vor, ich bin euer Vorbild“, – damit spielt man, wenn man so einen Titel wie Ambassador nimmt, sozusagen.“

Generell wünscht er sich von den Medien mehr Repräsentation von Behinderten, bei der es nicht um die Behinderung geht. Zur medialen Präsenz von Stephen Hawking ist er zwiegespalten, einerseits findet er es gut, dass seine Arbeit als Wissenschaftler im Fokus steht, aber: „Es gibt eben weit und breit nur ihn – das führt zur Klischeebildung und ich werde immer mit ihm verglichen, obwohl ich eine andere Krankheit habe, ich bin nicht er, ich bin auch nicht so intelligent, ich bin meinetwegen hochintelligent, aber eben nicht so wie er.“ Den Hollywoodfilm über die Beziehung des Ehepaars Hawking fand er allerdings gut, weil er nichts dichterisch beschönigte, um in das Raster des typischen Liebespaares zu passen. Zum Thema Ehe sind Chris und Grit auf der Linie; kann man machen, konkret für seinen Lebensplan gewünscht hat es sich aber keiner von beiden. „Für mich spielt’s jetzt persönlich nicht so eine Rolle,“, erklärt Christian, „weil ich auch außerhalb einer Institution eine Beziehung fest und stabil und in gegenseitiger Verantwortung leben kann. Ich mag glaube ich schon das Ritual, oder die Zeremonie vielmehr, einer Hochzeit, die Vorstellung, dass man das innerhalb einer Zeremonie unterstreicht finde ich total schön, könnte ich mir auch irgendwann vorstellen, aber das muss nichts Staatliches sein. Ich brauch keine Unterschrift von irgendeinem Angestellten von der Stadtverwaltung dafür, der mir bestätigt, dass ich meine Frau liebe. Brauch ich nicht. Das weiß ich, das weiß sie und das reicht.“ Für heute lassen die drei die Lichtung Lichtung sein, für die Hochzeit von Gott und Göttin wird sich schon ein barrierefreier Austragungsort finden.

Am Himmel fliegt, sehr früh dieses Jahr, ein Pfeil aus Zugvögeln, die aus dem Süden nach Hause kommen. Vielleicht sind es Kraniche. Christian ist ein Freigeist, der für alles Neue brennt, Grit, die mit Keramik arbeitet, kennt das Feuer gut, sie erdet ihn, ohne ihn zu beschweren, sie liebt das vulkanische Island und Tibet, wo die Menschen über den Wolken doch ganz mühelos bodenständig bleiben.

Nebeneinander spazieren sie auf Füßen und Rollen über den Waldweg, Krokusse strecken trotzig ihre lilafarbenen Köpfe durch die weiße Decke, ein lebendiger Valentinsgruß an eine gelebte Liebe.

Liebe mit Laufmaschen

Jennifer Sonntag ist blinde Sozialpädagogin, Autorin und Moderatorin der „SonntagsFragen“ im MDR-Fernsehen.Sie beschäftigt sich seit Jahren in meiner Arbeit und meinen Büchern mit der Erotikwahrnehmung blinder Menschen/frauen und bemüht sich, dieses „Doppeltabu“ zu brechen. Jetzt stellt sie ihr neues Projekt vor.

Sie hat mit ihrem sehenden Partner gemeinsam das Literatur- und Kunstprojekt „Liebe mit Laufmaschen“ ins Leben gerufen. Die Laufmasche kann dabei durchaus als verstecktes Symbol für Behinderung verstanden werden, sie stellt aber auch immer eine Inspiration dar, denn das vermeintlich „unperfekte“ macht für uns einen Menschen erst erotisch interessant. In ihrem gleichnamigen Buch, eine Sammlung erotischer Kurzgeschichten, hat jeder Protagonist so eine „Laufmasche“, eine Besonderheit im Leben, einen Fetisch, einen inspirierenden Fehler. Dabei stellen wir in ihrem Buch keine Behinderungen vor, es ist also kein Buch über Behinderungen, aber Jennifer Sonntag meint: „Ich habe eben als Blinde, als Autorin mit kleiner Laufmasche, aus meinem Kopfkino heraus geschrieben und somit eröffnet es wieder eine ganz andere Sichtweise. Ich wünsche mir, dass Frauen mit Behinderung als sinnliche Menschen wahrgenommen werden, die erotisch denken, schreiben, handeln und vielleicht sogar nicht behinderte Leser inspirieren.“

In der „Blind-Galerie“ auf der Seite www.Liebe-mit-Laufmaschen.de finden Sie auch die barrierefreien erotischen Zeichnungen, die Jünnifer Sonntag mit ihrem Partner entwickelt hat. Auch hier möchte sie zeigen, dass „blinde Flächen“ viel Raum für Fantasie bieten und man aus seinem Kopf heraus durchaus auch im erotischen Sinne kreativ werden kann.

Links:

Podiumsdiskussion zu Sexualität und Behinderung in Leipzig – Teil 2

Heute setzen wir nach einer kürzeren Pause die Dokumentation zur Podiumsdiskussion in Leipzig fort. Zum ersten Teil geht es hier.

Weiter geht’s:

Peter:

Es gibt da noch nen Arbeitskreis Sexualpädagogik in Leipzig und wir haben auch in den letzten Jahren Fachtagungen organisiert zum Thema Sexualität in Kitas und das waren ganz, ganz schnell die besorgten Eltern auf dem Plan. Es gibt auch Gegenwehr, das ist richtig, aber wir wollen dort immer wieder dran bleiben. Und nicht nur ich, sondern auch meine Kollegen merken, dass in diesem Bereich sich viel, viel öffnet. Und das finden wir auch toll und arbeiten sehr gerne mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, weil wir erleben, dass die sehr, sehr offen sind. Aber ich geh immer nach Haus mit vielen, vielen Fragen im Kopf wie ist das realisierbar, wie ist das machbar? Es gibt nach wie vor noch viel zu viel Hürden.

Aber ich seh noch eine Frage im Publikum.

Mann aus Publikum:

Ich stelle mir einfach die Frage ob es nicht wichtiger ist, viel klarer zu kommunizieren und auch die Sachen einfach genannt werden? Auch Sexualorgane benannt werden. Behinderte Menschen haben sie, nicht behinderte Menschen haben sie und da gibts inzwischen seh ich auch Kinderbücher schon die sehr klar in der Sprache vermitteln. Und das kenn ich aus meiner Kindheit zB. noch gar nicht. Und da seh ich schon eine Bewegung die in die Richtung geht, das ganze viel offener zu halten. Da bin ich vorsichtig optimistisch, dass sich noch vielleicht was gut wendet, wenn da auch die Sexualaufklärung bisschen mit ansetzt und das vielleicht begleitet.

Ich bin grad in einer ambulanten Einrichtung, die sowohl Behinderte als auch alte Menschen pflegt. Da wurde mir das so präsent, dass das was behinderte Menschen und auch andere Menschen erleben, auch alte Menschen erleben.

Zum Beispiel wird bei einem Pärchen in unserer Einrichtung immer um den heißen Brei herum geredet: natürlich haben sie Sex, aber das wird nicht so ausgesprochen. Es wird gesagt: Ja, er ist wieder bei ihr oben. Oder: sie ist halt wieder bei ihm. Es wird nicht gesagt: die treffen sich und haben Sex. Also niemand gibt es zu. Aber alle Menschen haben dieses Bedürfnis. So wird es aber schwierig, denn gerade Menschen, die es schwierig haben, sich auszudrücken, benötigen eine klare Kommunikation.

Auf jeden Fall find ich es super, dass es Sexualassistenz gibt. Weil da ja auch die Empathie in dem Masse, dann versucht diese Bedürfnisse herauszufinden und sich drauf einzulassen.

Stefanie:

Ich arbeite mehr im Bereich Alte, Pflegebedürftige und Menschen mit dementieller Erkrankung, als mit behinderten Menschen. Aber ich glaube dass der Alten- und Pflegebereich gerade von dem Behinderten-Bereich lernt. Da hat das Thema Sexualassistenz und Sexualität eine viel längere Tradition.

Und da sind auch Menschen viel stärker in die Öffentlichkeit getreten und haben ihre Rechte eingeklagt. Und so langsam, langsam, langsam fängt der Altenpflegebereich an da anzudocken. Und ebenfalls zu verstehen, dass Menschen tatsächlich ein Bedürfnis haben nach Sexualität von der Wiege bis zur Bare haben. Und dass die Begleitumstände keine Rolle spielen. Aber dass ein Leben in der Einrichtung, wie Christian gesagt hat, lusttötend ist: Das muss man sich wirklich vorstellen. Es sind Einrichtungen wo wir zunehmend in Einzelzimmern die standardisiert eingerichtet sind mit nem 80 cm breiten Bett, was höhenzustellbar ist, damit man gut pflegen kann, aber wo weitesgehend keine Privatsphäre ist, wo keine schummrige Atmosphäre geschaffen werden kann, wo morgens um 6 gewaschen wird, egal ob man nun fit ist und aufstehen will, wo es um 7 Uhr Frühstück gibt usw. Es ist völlig alles durchgetacktet. Und da werden wir alle mal hinkommen, wenn wir Pech haben.

Das ist jetzt keine Kritik am Personal solcher großen Organisationen – und der Anspruch lässt sich nicht anders regeln – aber da ist dann auch keine Zeit mehr für Freundschaft, erst recht wenn man dann auch noch krank und pflegebedürftig ist, also wo man auch mal zu anderen hingeführt werden müsste. Da ist keine Atmosphäre, wo Sinnlichkeit, Entwicklung oder Geselligkeit gefördert wird. Wo anfassen und liebevolles Umarmen schon schnell in die Richtung kommt, das ist übergriffig, das ist sexuelle Gewalt,wo insbesondere junges Personal nicht mit umgehen kann. Wenn da ein Herr über den Flur geht und sagt „ich will ficken“, dann denkt das Personal in erster Linie daran, der muss in eine andere Einrichtung, nicht „Was steckt für ein Bedürfnis dahinter?“. Da sind wir tatsächlich nicht geschult, und da glaub ich, sind wir auf dem kleinen Weg, da bin ich ebenfalls kleinbisschen optimistisch, dass sich diese Einrichtungen mehr und mehr anschauen, was in Behinderten-Einrichtungen passiert ist. Da gibt es bereits Sexualpädagogik, da gibt es Personal, was sich mit dem Thema auseinandersetzt und auch wirklich durch wortgewaltige Mitarbeiter und Bewohner damit konfrontiert wird. Immerhin kommt in die Altenpflegeeinrichtungen jetzt so langsam eine Generation, von der wir alle sagen, sie ist sexuell aktiv gewesen und sie hat die sexuelle Revolution miterlebt. Die werden sich nicht ohne weiteres mit du-du-du und „lass dass mal sein“ abschieben lassen…

Christian:

Ich habe vielleicht 2-3 Punkte im Kopf, die angesprochen worden sind und 2 Anekdoten zum Thema Tabuisierung.

Zum einen: man merkt daran, wie sehr das Thema Sexualität allgemein und Sexualität und Behinderung speziell tabuisiert wird und wie sehr es immer noch in die negative Seite gekehrt wird. Peter hat mich daran erinnert, dass ich Behinderten-Beauftragter war, und deswegen nicht mehr im Amt bin, weil ich mich öffentlich zum Thema Sexualität und Behinderung relativ explizit geäussert hab: weil ich das wichtig empfinde, einfach als aufklärerische Arbeit und der Stadtrat in Koblenz fand, dass das zu weit ging. Und genau das zeigt aber auch, wie wichtig es ist, das so zu machen. Ich bin sehr glücklich mit der Entscheidung, zu sagen „Ok, dann halt nicht, aber das Thema ist mir so wichtig.“

Und zum anderen dann eine persönliche Anekdote: Ich hab mit 25 meine erste Freundin kennen gelernt, mit der ich eine längere Beziehung hatte. Meine Mutter ist eigentlich sehr eng mit mir, sehr, sehr vertraut und kennt mich auch sehr, meinen Körper. Aber bei der Begegnung mit meiner Freundin – wir hatten dann mal Zeit miteinander, alleine und sassen zusammen – fragte meine Mutter meine Freundin, tatsächlich, wie es denn so wäre, mit einem Mann, mit dem sie keinen Sex haben könnte. Dann hat meine Freundin erst mal angefangen zu lachen und meinte1 „Wie meinst Du das, keinen Sex haben? Natürlich haben wir Sex!“ Meine Mutter hat angefangen zu weinen und meinte „Ach, wie schön, ich wusste nicht, dass das geht.“.

Also, ja, so irre ist es teilweise, obwohl man sich so nah ist. Familiär, trotzdem sind die Scheuklappen und die Tabus so gross. Weil da eben viel Unwissen herrscht, und deswegen muss man eben daran arbeiten, dass das Thema normalisiert wird, eben nicht hinter verschlossenen Türen gehalten wird und – es muss einfach in die Gesellschaft hineingetragen werden.

Dann zur Frage eben, mit der Normalisierung der Sprache, oder ob man nicht lieber explizit reden sollte, und welche Begriffe man da jetzt verwendet: Welche Begriffe würdest Du gern verwenden wollen? Ich glaube, dass es da ein ganz breites Spektrum was man da verwenden kann. Also, z. B. medizinisch korrekt Penis zu sagen. Natürlich ist es so abtörnend, warum sagt man nicht lieber Schwanz? Die Frage ist nicht einfach nur, welche Begriffe wir verwenden, sondern wie wir mit Sexualität generell umgehen?

Peter:

Also, das ist auf jeden Fall richtig. Ich mache manchmal mit Jugendlichen meinen Spass, man sollte hochwissenschaftlich reden, so nach dem Motto „Komm‘, Liebling, lass uns heute vaginal penetrieren“. Da lachen sie alle. Das find’ ich super, und es geht dann als erstes immer darum, eine gemeinsame Sprache zu finden. Also, die Jugendlichen dürfen alle Begriffe verwenden, die dürfen ficken sagen, die dürfen Schwanz sagen, die dürfen Fotze sagen – alles, um dann gemeinsam zu gucken, wie wir sprachlich miteinander arbeiten wollen. Welche Ebene wollen wir finden? Danach schauen wir uns an, wie es ist, wenn zwei sich mögen. Wenn die dort eine andere Sprache haben, die für beide ok ist, ist es super.

Stefanie:

Ich will mal gern auf die Frage antworten. Ich finde, dass jeder für sich Worte finden soll und kann, die ihn dann auch geil machen. Wenn ich jetzt Schwanz sage, dann sage ich Schwanz, wenn ich Penis sage, sage ich Penis. Ich kann Arschficken sagen, ich kann anale Penetration sagen, ich kann AV sagen, wenn ich’s unbedingt abkürzen muss. Ich kann auch sprachliche Vielfalt illustrieren. Ich weiß ja nicht, was er gut findet. Und wenn ich jetzt eben eher Oralverkehr sage oder „Ich möchte deinen Penis mit meinen Lippen liebkosen“, dann kann ich das auch so blumig ausdrücken, dann sag ich auch „Ich möchte dir einen blasen.“.

Peter:

Genau, genau darum geht’s. Aber, Christian, du hast noch was ganz, ganz wichtiges und tolles vorhin gesagt, und zwar das Beispiel mit deiner Mutter, und das war heute auch ein Thema, wie sag ich’s meinen Eltern, dass ich halt ein sexuelles Wesen bin, in einer Gruppe, in der Diakonie, und da haben auch 2 von den Teilnehmern gesagt, ‚hmmm, ich glaube ich traue mich das nicht zu sagen, und da gibt’s viele, viele Hemmnisse. Wir versuchen denen natürlich immer Mut zu machen, das auch zuhause anzusprechen, und werden da auch nicht Müde und da auch nicht nachlassen.

Frau aus Publikum:

Ich hätte noch eine Frage, und zwar an Christian Bayerlein: welche konkreten Forderungen hätten Sie an uns und an die Gesellschaft um die jetzige Situation von Menschen mit Behinderung zu verbessern?

Christian:

Inklusion bedeutet einfach, dass die Lebensentwürfe von behinderten Menschen potentiell genau dieselben sein können, wie die Lebensentwürfe von nichtbehinderten Menschen.

Alsop dass ich die gleichen Möglichkeiten habe, dass ich genauso ins Kino gehen kann, dass ich arbeite, genauso wie jeder andere, oder auch nicht, wenn ich nicht arbeiten möchte. Oder dass ich genauso einfach ne Wohnung in der Stadt oder auf dem Land finden kann, wie jeder andere auch, dass ich einkaufen kann wie jeder andere auch, eben dass ich keine Sonderwelt beziehe, sondern dass ich gleichberechtigt lebe in der Gemeinschaft. Dazu zählt meiner Meinung nach auch Partnerschaft. Wenn alle anderen Punkte abgearbeitet sind, da ist man dann, man kann gleich leben, gleich wohnen, gleich einkaufen, oftmals ist das Thema Partnerschaft und Sexualität trotzdem das, was immer außenvor bleibt. Doch das ist eigentlich die Basis und Essenz vom menschlichen Leben, denn jeder wünscht sich Liebe und Partnerschaft und Sexualität. Für mich wär da alles andere irgendwie ein bisschen sinnlos, wenn eben dieser Bereich nicht wäre. Aber das greift ineinander, denn immer wenn ich ganz normal im Alltag auftauche, kann’s auch zu einer Partnerschaft kommen. Damit ist die Inklusion perfekt. Was man dazu tun kann, ist, einfach die Scheuklappen abnehmen, ein bisschen offener werden, bisschen auf behinderte Menschen zugehen, kreativ sein, keine – oder zumindest weniger – Ängste haben. Das sind ganz schwierige Punkte – für den einen oder anderen erscheint es vielleicht schwierig, aber ich beisse nicht – oder, ich beiss’ nur dann, wenn ich beissen soll.

Peter:

Ja, Offenheit, das ist natürlich was ganz Wichtiges.

Stefanie, wenn die Menschen zu dir kommen, deine Dienste in Anspruch nehmen, ist ihnen das klar, das es nur ne kurze vereinbarte Geschichte ist, erzählen sie dir von ihren Wünschen in der Partnerschaft? Ich glaube schon.

Stefanie:

Dadurch, dass ich fast nur in Einrichtungen gehe, und irgend jemand, wenn es zu mehreren Besuchen kommt, bestimmt, in welchen Abständen ich kommen darf, entwickelt sich mehr als nur eine Geschäftsbeziehung, es entwickelt, es entwickelt Vertrautheit, es entwickelt sich auch…ganz oft die Vorstellung von einer Beziehung, es wir auch viel fantasiert in Richtung einer Beziehung, weil ich oft tatsächlich die einzige Person bin, die außer dem Pflegepersonal kommt. Das ist so, weil die Menschen die ich besuche keinen Kontakt zur Familie haben, weil in den Einrichtungen sich Freundschaften nicht entwickeln, oder weil seit dem Einzug in die Einrichtung Nachbarn und Freunde und Familienangehörige nicht mehr kommen.

Und da verschwimmt bei dem einen oder anderen Kunden und dem Verhältnis zu mir, tatsächlich auch das, was uns verbindet – es wird oft auch nicht mehr thematisiert, dass es Prostitution ist, dass ich dafür bezahlt werde. Sondern es ist dann eher so in die Richtung, ich bin eine Geliebte, wo auch die Wünsche der letzten 4 Wochen oder der letzten 3 Monate übertragen und dann ausgelebt werden.

Das ist problematisch, ja, aber ich sage mir, solange es nichts anderes gibt und ich kann nichts anderes organisieren, ist es mir dann lieber so, als wenn es gar nichts gibt. Und von meiner Seite unterstütze ich nicht die Fantasie, dass es eine Beziehung ist, aber ich werde schon oft in die Richtung angesprochen.
Publikum: Wie ist es wenn man in die Einrichtungen kommt, wer hat denn die größere Angst, das Personal, oder die Leute um die’s geht? Also Angst, ist ein ganz großer Begriff, aber ich denke, die Einrichtungen, die so eine Kooperation eingehen, dass sind ja schon die, die offen sind, die nicht an irgendwelchen…Socken hängen, selbst da ist es schon so verklemmter, in jeden Winkel zu spüren, könnt ich mir vorstellen.

Stefanie:

ja, die Einrichtungen rufen mich oft an, wenn jemand sexuell übergrifflich geworden ist – und dann bin ich so was wie die Erlösung, sprich, man kann auf mich verweisen, man kann sagen, ‚die S. kommt in 2 Wochen, jetzt lässt du mal die Pflegerin in Ruhe und gehst nicht mehr ins Bett von der Bewohnerin’ und es ist tatsächlich auch so, dass wenn ein Mensch eine erfüllte Sexualität hat und weiß, ich bin dafür zuständig, dann kanalisiert sich das auch auf meine Person und die Unruhe oder das, was sonst mit einem passieren kann und das was andere als übergrifflich bezeichnen, fällt tatsächlich weg. Aber es stimmt, Pflegepersonal macht ein ganz grosses Fragezeichen und sagt ‚Gottogottogott, wenn der sich in dich verliebt’.
This is problematic, yes, but tell myself, as long as there is nothing else, and

Ja und?! Welche Alternative gibt’s denn? Soll man denn auf Liebe verzichten?! Doch dann lieber verliebt sein in mich, wo ich alle 4 Wochen komme. Was von Wärme und Zuneigung gegeben ist. Sage ich.

Frau aus Publikum:

Also, ich hab selber 4-5 Jahre in einer Einrichtung gearbeitet mit um die 20-Jahre alten Männern mit Autismus, und ich war immer schockiert darüber, wie der Umgang war. Also, ich war immer ziemlich offen, wär jetzt nie so was eingegangen, weil ich das getrennt habe; ich bin hier Auszubildende und das sind meine Klienten, obwohl das durchaus sehr hübsche Männer waren – aber ich habe halt dann irgendwann in einer Team -Sitzung erwähnt, dass mich jemand angefasst hat und ich halt gesagt hab ‚Nein’, weil ich das wichtig fand, dass es alle wissen. War ein Riesen Aufschrei, ich musste zur Polizei, anzeigen, versuchen, eine forensische Einweisung zu bekommen. Man hat mich wirklich zur Polizei gegängelt. Auf der Wache habe ich begonnen mit „Ich möchte eigentlich gar keine Anzeige erstatten.“ Die Anzeige wurde trotzdem aufgenommen und habe dem Bewohner das auch erzählt und mich dafür bei ihm entschuldigt. Zum Glück hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Aber es hat mich wirklich super aufgeregt, dass mich jemand wirklich zur Polizei gängeln konnte. Dass ich dann auch so angsthandelnd bin und das ganze System so ist, hat mir sehr zu denken gegeben. Für mich sehr interessant zu erfahren, wie dann damit umgegangen wird. Auch wenn sich jemand selbst befriedigt und er oder sie verletzt sich dabei, dann kommt es vor, dass in einer Teamsitzung die Reaktion ist, dann müsse er sich mal richtig wehtun, damit sie die Medikamente hoch setzen können. Solche Reaktionen erleben dann in Teamsitzungen

Ich bin fast vom Stuhl gekippt, aber ich war in der Azubi- Rolle selber sehr untergebuttert und durfte nicht ausrasten. Und mittlerweile darf ich das mindestens, aber dass es das gibt, und Schweigepflicht usw., auch seinen Freunden nicht – aber es ist krass und es ist Alltag.

Christian:

Eine echt krasse Geschichte!

Stefanie:

Gut, dass Sie das ansprechen, weil wir alle darüber überlegen können, was neben uns passiert. Manchmal ist es auch ein Stück weit Normalität, jemanden anzufassen. Und auch wenn jemand an der Brust angefasst wird, muss man doch sehen Kontext sehen und was dahinter steckt – insbesondere, ob es wirklich übergriffig ist. Also, ich denke, wenn mich jemand an der Strasse an der Brust anfassen würde, würde ich dem eine ganz andere Bedeutung beimessen. Aber wenn das in der Einrichtung ist, wo ich weiss, der Herr hat ein ganz starkes sexuelles Bedürfnis und ich weiss, er fährt auf grosse Busen ab, dann sehe ich das als ein Bedürfnis von Nähe und Körperlichkeit, aber würde keine Übergrifflichkeit oder sexuelle Gewalt darin sehen.

Frau aus Publikum:

Alleine das Wort „übergriffig“. Ich meine, jemand, den ich jede zweite Schicht waschen muss, bin ich vielleicht als Pflegepersonal irgendwie nahe gehender, als wenn mich jemand besoffen in der Bushaltestelle oder in der Disko angrapscht. Da sag ich vielleicht, „Komm, hey, verpisst dich“ und dann bin ich fertig damit. Das ist von daher etwas einfacher. Aber das was passiert, ist ja erst mal dasselbe, so eine Kurzschlussreaktion „ich grapsch die mal an“. Warum kann man das dann in einer Einrichtung, wenn es das eine Mal ist, erst einmal es als genau das abtun? Warum muss dann gleich eskaliert werden?

Christian:

Was mir immer wieder auffällt, ist das Sexualität sehr oft als etwas abzuwehrendes dargestellt wird. Also in dem Fall, dass jemand ein sexuelles Bedürfnis hat oder einen sexuellen dreht sich die ganze Diskussion nur darum, wie man man es abstellen kann. Besser wäre doch, dieses Bedürfnis als etwas sehr wertvolles, sehr menschliches zu begreifen, und Wege zu suchen, wie man das erfüllt. Aber das ist allgemein in der Gesellschaft, das es erst negativ dargestellt wird. Ich glaube dass da auch mal die traditionelle katholische Sexualmoral einfach tief in vielen Menschen sitzt und eine ganz grosse Rolle spielt. Das eben da Ängste zum Vorschein kommen, die dann auch gefühlt werden. Ja und viele, viele Menschen sehen da auch immer nur wie sie das abwehren können. Das Thema ist dann immer schnell „sexuelle Gewalt muss verhütet werden“. Das ist natürlich auch sehr wichtig und man muss sexuelle Gewalt verhindern und auch Missbrauch ist eine ganz schlimme Sache. Aber es darf nicht sein, dass das alles andere überschattet.

Peter:

Ich möchte das Thema noch mal aufgreifen, weil wenn ich als Pflegekraft oder als Assistenz eingeteilt bin, und Menschen waschen muss, weil sie’s selber nicht machen können, z.B., und mich sonst niemand anfasst, dass es dann zu sexueller Erregung kommt. Also, ich könnte mir gut vorstellen, ich hätte da immer einen Ständer. Aber wie geht eine Pflegekraft damit um? Wo bekommt sie in irer Ausbildung irgendwas mit darüber? Es sind viele Fragen, nirgends findet was statt. Ein guter Freund von mir der auch jungen Menschen als Assistent begleitet, hat mir erzählt, eine Kollegin habe den nicht mehr gewaschen, weil der immer einen Ständer hat; Da wird unter der Decke gehoben und ein bisschen gesprüht.

Mann aus Publikum:

Zunächst einmal finde ich das unverantwortlich. „Ich sprüh mal so ein bisschen“… Ich kenn das auch, na ja Gott, dann hat er eben einen Ständer, dann kann man momentan halt mal nicy waschen. Ich finde, damit muss man einfach damit leben. Man kann das nicht verhindern, kann ja nicht meine körperliche Reaktion steuern.. Persönlich kenne ich das auch: Ich krieg auch manchmal in bestimmten Situationen eine Errektion und denk so „Hm, ist vielleicht nicht so passend jetzt, na gut, dann bleib ich mal sitzen.“

Peter:

Ja, aber die spannende Frage ist ja dann, wer befriedigt mich? Dann sitz ich ja mit meiner Erregung – und jetzt?

Frau aus Publikum:

Vielleicht ist es einfach mal die Befriedigung, ich eine Erektion haben darf und der andere das sieht und denkt „Ok, das ist jetzt so. Ich wasch erst mal an der anderen Stelle, um ihn nicht weiter zu erregen.“ Ich will ja auch den Menschen pflegen und nicht diese Grenze überschreiten. Oder sollte diese Grenze nicht überschreiten, vielleicht.

Peter:

Na ja, aber wenn ich das nicht selber kann, wer macht das dann? Das ist die Frage. Also, ich bleib dann irgendwo liegen/sitzen mit meiner Erregung und werde immer unzufriedener. Das kann unter Umständen Stress verursachen – für beide Seiten. Und da gibt’s aus meiner Sicht nicht wirklich ne Lösung. Damit will ich’s auch nicht stehen lassen, mit dem Vorwurf. Nicht so zum Abschluss bringen, unsere Diskussion. Vielleicht noch etwas Schönes, was Tolles, was ihr uns mit auf den Nachhauseweg mitgeben möchtet.

Stefanie:

Ich finde solche Veranstaltungen toll. Ich wünsche mir, dass Sie alle nachhause gehen und weiter diskutieren oder die Gelegenheit nutzen, die Idee fortzuentwickeln. Also nicht bei dem stehen bleiben was wir gesagt haben. Da geht noch viel mehr. …und haben sie viel Spass beim Sex.

Christian:

Ja, wir hatten eben herausgefunden, dass es dafür keine einfache Lösung gibt. Aber ich glaube es ist auch ein gutes Credo, einfach zu sagen, manchmal gibt’s keine einfache Lösung. es ist auch gut, dass es nicht ein pauschale Lösung für alle unterschiedlichen Menschen gibt. Denn unterschiedliche Probleme gibt’s,da müssen auch die Lösungen unterschiedlich und vielfältig sein.

Eine Lösung könnte auch sein, dass jeder schaut „Was ist meine Grenze, darf jemand auch mal näher an mich ran? Wo kann ich vielleicht ein Tabu brechen, was gerade gebrochen werden muss?“ Man muss sich nicht immer an gesellschaftliche Normen halten, wenn’s im intimen Bereich, zu zweit, eine individuelle Lösung findet. Wie auch immer die aussehen mag.

Da fordere ich euch alle raus, eure Grenzen auszutesten. Wie weit wollt ihr gehen? Was wollt ihr erleben? Seid offen!